ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2001Doping: „Schönheit“ über alles

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Doping: „Schönheit“ über alles

Dtsch Arztebl 2001; 98(12): A-721 / B-609 / C-577

Richter, Eva A.

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LNSLNS Jeder fünfte Freizeitsportler im Fitnessbereich konsumiert Dopingpräparate. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie von Dr. med. Carsten Boos von der Medizinischen Universität Lübeck, die während einer Anhörung des Sportausschusses des Bundestages vorgestellt wurde. Danach werden weit häufiger Medikamente zum Muskelaufbau im Breitensport eingenommen, als man bisher glaubte (dazu erster Teil der Studie im DÄ 16/1998).
Sicher sind die vorgelegten Zahlen vorerst nur Spekulation, da Untersuchungen in diesem Bereich sehr schwierig sind – dies räumt auch der Autor ein, dessen Studie bisher die einzige in Deutschland ist. Dennoch: „Sollten die Zahlen auch nur zur Hälfte stimmen, ist angesichts der Mitgliedszahlen in kommerziellen Fitnessstudios von mindestens 200 000 Anabolikakonsumenten in Deutschland auszugehen“, warnt Boos.
Der Erwerb entsprechender Präparate auf dem Schwarzmarkt ist den Angaben der befragten 454 Freizeitsportler aus 58 Fitnessstudios (365 Männer und 89 Frauen) zufolge problemlos. Erschreckend ist zudem, dass 19 Prozent der Befragten (Durchschnittsalter 29 Jahre) als Bezugsquelle für die Dopingpräparate ihren Arzt angeben. „Hierbei handelt es sich um einen Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz wie auch gegen die ärztliche Berufsordnung“, kritisiert Boos. Dies könne nur mit „merkantilen Zwängen“, nicht aber mit Unwissenheit erklärt werden. Denn der hohe First-Pass-Effekt in der Leber und das Toxizitätspotenzial der oralen anabolen Steroide, die 88 Prozent (!) der Sportler mit Medikamentenanamnese konsumieren, seien hinlänglich bekannt. 22 Prozent der Freizeitsportler nehmen Stimulanzien ein. Bei den oralen Präparaten dominierten Methandion, Stanozolol, Oxandrolon und Clenbuterol, bei den parenteralen Präparaten Methandion, Stanozol, Testosteron und Nandrolon. Die tägliche Steroideinnahmemenge variiert stark und liegt zwischen 33 und 67 mg. Der therapeutische Bereich wird häufig um das Zehn- bis Hundertfache überschritten. Auch wenn Doping im Freizeitbereich schwer kontrollierbar ist – Ärzte sollten ihre Fürsorgepflicht nicht dem Schönheitsideal ihrer Patienten unterordnen. Dr. med. Eva A. Richter
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