ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2001Präimplantationsdiagnostik: Ganz am Anfang

POLITIK

Präimplantationsdiagnostik: Ganz am Anfang

Dtsch Arztebl 2001; 98(12): A-732 / B-595 / C-560

Richter, Eva A.

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LNSLNS Das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium möchte vor einer gesetzlichen Regelung die Frage der Präimplantationsdiagnostik auf breiter Basis diskutieren.

Eine Entscheidung, ob die Präimplantationsdiagnostik (PID) in Deutschland zugelassen werden soll, wird in nächster Zeit nicht fallen. Dies verdeutlichte die Parlamentarische Staatssekretärin im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG), Gudrun Schaich-Walch (SPD), bei der Diskussionsveranstaltung „Berliner Dialog Biomedizin“ der Friedrich-Ebert-Stiftung am 13. März. „Wir stehen ganz am Anfang der Diskussion und müssen keine Eile haben“, sagte sie. „Im wissenschaftlichen Bereich werden wir nichts verpassen.“ Dass die neue Führung des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums das Positionspapier des ursprünglichen Ministeriums unter Andrea Fischer nicht als Diskussionsgrundlage verwende, läge nicht an einer großzügigeren Haltung gegenüber biomedizinischen Fragen. Man wolle allerdings in der Debatte nicht vorgeben, dass die PID verboten werden solle.
Auch wenn Zeitpunkt und Ergebnis offen sind – äußern wird sich der
Gesetzgeber zur PID gewiss. Um eine Entscheidung zu fällen, sei rechtliche Klarheit erforderlich, so Schaich-Walch. Zurzeit ist das Gegenteil der Fall: Die Rechtsauffassungen, ob das Embryonenschutzgesetz die PID zulässt oder verbietet, gehen auseinander. Das BMG will daher ein Gesetz erarbeiten, das einen Konsens im Bundestag und in der Bevölkerung findet. Die Frage der Zulässigkeit der PID soll klar geregelt und nicht nur Auslegungssache sein. Eine Regelung durch die Richtlinien der Bundes­ärzte­kammer und das Berufsrecht lehnt Schaich-Walch ab.
Auch der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, plädiert für eine gesetzliche Klarstellung. Die Verantwortung dürfe nicht allein auf die Ärzte übertragen werden. „Wenn der Gesetzgeber die PID will, brauchen wir zunächst Rechtsklarheit; danach sind wir gern bereit, eine berufsrechtliche Regelung zu finden“, betonte er in Berlin.
Erst eine gesetzliche, dann eine berufsrechtliche Regelung
Für eine solche Reihenfolge sprach sich während der Podiumsdiskussion auch Dr. Carola Reimann (SPD), Biotechnologin und Mitglied der Enquete-Kommission „Recht und Ethik der modernen Medizin“, aus. Die Kommission hätte zwar am Vortag mehrheitlich die PID als unvereinbar mit dem Embryonenschutzgesetz beurteilt; bei diesem Thema seien jedoch keine Mehrheiten, sondern ein Konsens erforderlich. Dazu müsse die Schutzwürdigkeit der Embryonen diskutiert werden. Die Kernfrage laute: Ist ein Embryo in vitro schutzwürdiger als in vivo? Die Spirale als legale Verhütungsmethode, die die Nidation des Embryos in vivo verhindert, und die Möglichkeit der straffreien Abtreibung nach § 218 StGB würden von den Frauen nicht leichtfertig angewandt. Schon dass die In-vitro-Fertilisation mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden sei, würde die Anwendung der PID nach Ansicht Reimanns begrenzen. Voraussetzung sei allerdings, die PID auf bestimmte Erkrankungen einzuengen und eine ausführliche psychosoziale Beratung anzubieten. Eine „Schwangerschaft auf Probe“ durch die Möglichkeiten der Pränataldiagnostik bezeichnete Reimann als „frauenverachtend“.
Sowohl die PID als auch die Pränataldiagnostik hält Dr. med. Alfred Sonnenfeld, Theologe und Medizinethiker der Charite´ Berlin, für unvertretbar. Man müsse sich der Herausforderung stellen, den Embryo schon als vollständigen Menschen zu sehen. Auch Hoppe stellte klar, dass es sich in jedem Fall um menschliches Leben handele und die PID eine Selektionsmethode sei. Eine unterschiedliche Schutzwürdigkeit der Embryonen in vivo und in vitro sieht er jedoch nicht. Ferner scheint es ihm nicht sinnvoll zu sein, Grenzen der PID anhand einer Diagnosenliste zu ziehen. Zweckmäßiger sei eine individuelle ärztliche Beratung.
Dr. med. Eva A. Richter
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