ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2001Weibliche Genitalverstümmelung: Keine Kultur, sondern Folter

POLITIK

Weibliche Genitalverstümmelung: Keine Kultur, sondern Folter

Dtsch Arztebl 2001; 98(12): A-734 / B-619 / C-587

Korzilius, Heike

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LNSLNS Weltweit leben 150 Millionen Frauen und Mädchen, deren
Genitalien im Namen von Kultur und Tradition verstümmelt wurden. In Deutschland schätzt man ihre Zahl auf 20 000.


Comfort Ottah, eine Hebamme aus Nigeria, schreibt in einem Leserbrief zur weiblichen Genitalverstümmelung: „Ich vergebe meinen afrikanischen Vorfahren, die vor hundert Jahren im Namen der Kultur ihre Frauen und Mädchen verstümmelt haben. Aber im 21. Jahrhundert: Nein! Wir wissen es besser.“ Nicht zuletzt durch das Buch „Wüstenblume“ des somalischen Models Waris Dirie ist die Problematik auch in Deutschland ins öffentliche Bewusstsein gerückt.
Die Kölner Bürgermeisterin Angela Spitzig (Grüne) hatte sich bereit erklärt, die Schirmherrschaft über eine Reihe von Veranstaltungen zur weiblichen Genitalverstümmelung in Köln zu übernehmen. „Dieses Thema geht nicht nur die Frauen und Männer in Afrika und Asien etwas an, sondern uns alle. Die Missachtung der Menschenrechte der Frauen ist in keinem Kulturkreis gerechtfertigt“, sagte Spitzig. Neben einer Ausstellung nigerianischer Künstler hat die Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes eine Podiumsdiskussion zum Thema veranstaltet. Sie sollte Betroffenen, Menschen, die mit Migranten arbeiten, Frauen- und Kinderärzten, Hebammen, aber auch Erzieherinnen und Lehrern die Möglichkeit bieten, sich zu informieren. Bürgermeisterin Spitzig betonte, es sei gut, dass das Thema wieder auf der Tagesordnung stehe, „um dieser zerstörerischen Tradition Einhalt zu gebieten“. Zu diesem Zweck habe auch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit sechs Millionen DM für Aufklärungsprojekte in Afrika bereit gestellt.
Die Tradition führt immer noch dazu, dass hauptsächlich in Afrika, aber auch in Teilen Arabiens, Südostasiens und Lateinamerikas Frauen und Mädchen an ihren Genitalien verstümmelt werden. Die meisten Mädchen werden im Alter zwischen vier und acht Jahren dem „menschenverachtenden Brauch“ unterzogen, berichtete Silvia Frank von Terre des Femmes. Ohne Betäubung werden ihnen mit Glasscherben, Messern oder Rasierklingen je nach Tradition teilweise oder vollständig die Klitoris (Klitoridektomie), die kleinen Schamlippen (Exzision) oder zusätzlich die großen Labien und ein Teil des Venushügels entfernt. Bei dieser letzten Form wird die verbleibende Haut anschließend zusammengenäht oder mit Dornen aneinander geheftet (Infibulation). Es bildet sich Narbengewebe, das nur eine winzige Öffnung für Urin und Menstruationsblut lässt. Die Infibulation wird vor allem in Somalia, Äthiopien, Eritrea und im Sudan praktiziert. Die Sterberate liegt Terre des Femmes zufolge bei 30 bis 40 Prozent. Die Überlebenden leiden ein Leben lang an den Folgen: chronische Schmerzen und Infektionen, Beschwerden bei Menstruation und Wasserlassen, Unfruchtbarkeit und Inkontinenz, verhärtete Narben, Narbenwucherungen, Zysten und erschwerte Geburten.
Auch in Deutschland leben Schätzungen zufolge 20 000 Frauen, die Opfer genitaler Verstümmelung sind. Bedroht sind aber auch deren Töchter, die in Deutschland oder während eines Aufenthalts im Herkunftsland dem Ritual unterzogen werden. Dazu Heidrun Nitschke-Özbay, Gynäkologin am Gesundheitsamt der Stadt Köln: „Jeder Gynäkologe mit afrikanischer Klientel muss damit rechnen, mit dieser Problematik konfrontiert zu werden.“ Leider gebe es kaum Beratungsangebote für betroffene Frauen oder deren Ärzte.
Erste Ansätze zu einer Vernetzung verschiedener Initiativen sind jedoch erkennbar. Seit 1999 versucht der Arbeitskreis „Wir brechen ein Tabu“ in Dortmund, Beratungsangebote sicherzustellen. Dem Kreis gehören inzwischen auch vier Ärzte an. Gute Kontakte gebe es auch zu Juristinnen, sagte eine der Initiatorinnen, Ulla Barreto. Denn bislang gibt es im Asyl- und Ausländerrecht keine Regelung zum Umgang mit Frauen, die von Genitalverstümmelung bedroht sind. Rechtsanwältin Kerstin Müller zufolge kann eine drohende genitale Verstümmelung zwar als Abschiebehindernis gelten. Sie sei im Einzelfall aber schwer nachzuweisen.
„Ich habe eine Tochter und Nichten, die ich vor dieser Praxis schützen will“, erklärte der aus dem Senegal stammende Abdou Karim Sané, Vorsitzender des Ausländerbeirats der Stadt Hannover, sein Engagement. „Das Thema darf nicht nur in kleinen Kreisen diskutiert werden.“ Die Öffentlichkeit, vor allem aber die Migrantinnen müssten aufgeklärt werden, auch um deren Töchtern eine ähnliches Schicksal zu ersparen. „Das ist keine Kultur, das ist Folter“, schrieb Comfort Ottah in ihrem Leserbrief. Heike Korzilius

Terre des Femmes informiert in einem Faltblatt über die Rechtslage in Deutschland, wo ein solcher Eingriff strafbar ist, aber auch über die gesundheitlichen Folgen der „weiblichen Beschneidung“ und über Beratungsangebote. Daneben unterstützt die Organisation Aufklärungsprojekte in Afrika. Kontakt: Terre des Femmes, Städtegruppe Köln, Sabine Krüger, Telefon: 02 21/88 35 89, E-Mail:nc-kruegesa@netcologne.de, Spendenkonto: TDF-Städtegruppe Köln, Kölner Bank, Kto.-Nr.: 536 053 000, BLZ: 371 600 87


Die Skulptur „Infibulation Stone“ des nigerianischen Künstlers Alloysius Osagie ist im Rahmen der Wanderausstellung „Weibliche Genitalverstümmelung – Künstlerinnen und Künstler aus Nigeria klagen an“ zu sehen.

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