ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2001Ärztliche Gutachter: Berufsbild und Selbstverständnis

POLITIK: Kommentar

Ärztliche Gutachter: Berufsbild und Selbstverständnis

Dtsch Arztebl 2001; 98(12): A-735 / B-597 / C-562

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LNSLNS Der ärztliche Gutachter nimmt eine wichtige Aufgabe in der Gesellschaft wahr. Das eng geknüpfte soziale Netz mit seinen vielfältigen Möglichkeiten der Inanspruchnahme kann nur funktionieren und finanzierbar bleiben, wenn Kontrollinstanzen auf Verwaltungsebene eingebaut sind, die wiederum vom Sozialgericht überprüft werden können. Die rechtswirksamen Entscheidungen trifft stets der Jurist. Bei allen medizinischen Fragen ist jedoch ein ärztlicher Gutachter unverzichtbar. Grundvoraussetzung seiner Tätigkeit sind neben der als unabdingbar zu fordernden adäquaten Beherrschung seines Fachgebietes mit Erfahrungen in der Sozialmedizin seine Objektivität und Neutralität. Er steht im Spannungsfeld zwischen den Vorstellungen des Antragstellers, die von seinem Rechtsvertreter und meist von den behandelnden Ärzten unterstützt werden, und den gezielten Fragen des Auftraggebers auf der Basis der geltenden Rechtsvorschriften, die die Interessen der Solidargemeinschaft der Versicherten und damit der Gesellschaft verkörpern. Der gutachtende Arzt muss ebenso Ansprüche wie überflüssige und unangemessene Sozialleistungen beurteilen. Daraus resultiert seine erhebliche sozialpolitische Verantwortung. Durch seine exponierte Stellung ist er dem Kreuzfeuer der Kritik aller Beteiligten ausgesetzt – gelegentlich auch der Medien. Innerhalb der Ärzteschaft sollte daher eine einheitliche Position zu diesem sozial wichtigen Aufgabenbereich vertreten und das Verständnis für dieses sensible Gebiet gefördert werden.
Der Gutachter entscheidet nicht selbst über den Ausgang des Verfahrens, er ist vielmehr grundsätzlich „Helfer und Berater“ des Juristen und trägt zu dessen Meinungsbildung bei. Seine auf wissenschaftliche Erkenntnisse gestützte Expertise stellt eine „Entscheidungshilfe zur Wahrheitsfindung für medizinische Laien“ und ein „förmliches Beweismittel“ dar. Kein Gutachter – auch nicht der fest angestellte – ist weisungsgebunden, sondern nur seinem ärztlichen Gewissen verpflichtet. Gefälligkeitsgutachten sind von ihm nicht zu erwarten, weder für seinen Auftraggeber noch für den Probanden. Ganz im Gegenteil zu gelegentlichen polemischen Äußerungen ist bisher noch nicht bekannt geworden, dass von Versicherungen oder sonstigen Auftraggebern Einfluss auf das Ergebnis des Gutachtens genommen wurde. Oftmals wird dies jedoch vom Antragsteller und seinen Rechtsvertretern versucht.
Die Aufgabe des Gutachters wird manchmal durch das Verhalten der behandelnden Ärzte erschwert, die als Anwalt ihrer Patienten durch eine einseitige Parteinahme – „in dubio pro aegroto“ – die Neutralität des Gutachters infrage stellen und durch Zustimmung zu nicht haltbaren Vorstellungen zur Verlängerung des Verfahrens beitragen.
Man muss sich die unterschiedliche Rollenverteilung zwischen behandelndem und begutachtendem Arzt vergegenwärtigen: Während der behandelnde Arzt als uneingeschränkter Helfer, implizit als Diagnostiker, Therapeut und Berater von seinem Patienten im Behandlungsvertrag gefordert ist, steht der Gutachter mit Neutralität und emotionaler Unbestechlichkeit seinem Probanden gegenüber, auch bei offensichtlich demonstrativem oder aggravierendem Verhalten. Er hat dies hinsichtlich der eigenen Gegenübertragung mit Sympathie oder Antipathie in der Begutachtungssituation zu reflektieren. Die Helferrolle des Behandlers kollidiert damit zwangsläufig. Es ist daher nicht zweckmäßig, wenn der behandelnde Arzt gleichzeitig als Gutachter für seinen Patienten tätig wird. Die im Rahmen der Behandlung erstellten Atteste und ärztlichen Befundberichte stellen eine wichtige Informationsquelle dar, sind aber nicht selten unkritisch und einseitig gehalten und lassen präzise Befunde vermissen.
Gelegentlich fördern leichtfertige Bescheinigungen eine iatrogene Fixierung, die sich später nur schwer korrigieren lässt. Im Gutachten werden nicht die Diagnose und Therapie des behandelnden Arztes kritisiert oder eigene Therapievorschläge unterbreitet. Die Parteilichkeit des behandelnden Arztes im Rentenverfahren oder beim Sozialgericht statt eines aufklärenden Beratungsgespräches erweckt beim Patienten oft Hoffnungen, die sich nicht erfüllen, aber zu immer weiteren Rechtszügen und damit langfristig zum Nachteil des Betroffenen und der Allgemeinheit führen.
Dem Wohl des Patienten und der Gemeinschaft dient daher eine sachliche Zusammenarbeit zwischen Hausarzt und Gutachter, die von gegenseitigem Vertrauen und Verständnis für die jeweilige Position geprägt ist.

Dr. med. Wolfgang Hausotter
Facharzt für Neurologie und Psychiatrie
– Sozialmedizin – Rehabilitationswesen
Martin-Luther-Straße 8
87527 Sonthofen/Allgäu
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