ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2001Geburtshilfe: Frühgeburt durch pH-Selbstkontrolle vermeiden

POLITIK: Medizinreport

Geburtshilfe: Frühgeburt durch pH-Selbstkontrolle vermeiden

Dtsch Arztebl 2001; 98(12): A-739 / B-604 / C-564

Hahne, Dorothee

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LNSLNS Bakterielle Vaginosen sind in annähernd 70 Prozent der
Fälle für eine Frühgeburt verantwortlich.


Die Frühgeburtenrate konnte in den letzten 20 Jahren nicht gesenkt werden, obwohl immer kleinere Frühgeborene gerettet werden können. Mit knapp sechs Prozent liegt sie immer noch hoch. Besonders gefährdet sind die „frühen Frühgeborenen“, die ein Geburtsgewicht von unter 1 500 Gramm haben. Etwa 8 000 Kinder – das entspricht etwa einem Prozent der Neugeborenen in Deutschland – starten jedes Jahr mit dieser Hypothek ins Leben.
„Ein Drittel dieser Kinder muss mit Schädigungen rechnen – das Spektrum reicht von der Beeinträchtigung des Wortschatzes, Seh- und Hörstörungen bis zur Epilepsie oder zum schweren Hirnschaden“, berichtete Prof. Erich Saling (Institut für Perinatale Medizin, Berlin) bei dem 53. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe in München.
Bei 70 Prozent aller Frühgeburten sind aufsteigende Genitalinfektionen der Mutter die Ursache, insbesondere die bakterielle Vaginose. „Jede fünfte Schwangere leidet an dieser Milieustörung der Scheide, bei der sich Keime aus dem anaeroben Spektrum bis zu tausendfach vermehrt haben“, so Prof. Udo Hoyme (Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe Erfurt). Anaerobe Erreger bilden Prostaglandine oder setzen die Prostaglandinkaskade in Gang. „Man kann davon ausgehen, dass die Prostaglandine Fehl- oder Frühgeburten auslösen – auch schon in der Frühschwangerschaft“, so Hoyme.
Die bakterielle Vaginose verläuft zunächst symptomfrei; ein frühes Merkmal ist jedoch ein steigender pH-Wert in der Scheide. Mit einem von Saling und seinem Team entwickelten Frühgeborenen-Vermeidungsprogramm scheint nun Bewegung in die Frühgeborenen-Statistik zu kommen. Es basiert auf einer pH-Selbstkontrolle, die die Schwangere zweimal wöchentlich zu Hause vornimmt – entweder benutzt sie Mess-Stäbchen oder Einmalhandschuhe, die auf dem Endglied des Zeigefingers eine Indikatorschicht haben (Selfcare®). Wird diese befeuchtet, zeigt sie farblich an, wie sauer das Scheidenmilieu ist. Bei Werten über pH 4,4 sollte die Schwangere ihren Gynäkologen aufsuchen, um die Messung überprüfen zu lassen und gegebenenfalls mit Laktobazillus-Präparaten oder bei gesicherter bakterieller Vaginose mit Clindamycin behandelt zu werden.
Der erhöhte pH-Wert in der Scheide macht schon in einem so frühen Stadium auf die drohende Infektion aufmerksam, dass sie bei adäquater Behandlung keine Chance hat, sich auszubreiten. „Wir betreiben Lawinenprävention am Gipfel“, sagte Saling. „Verfahren wie Wehenhemmung oder Ultraschalluntersuchung erfassen die drohende Frühgeburt zu spät – dann ist die Lawine schon in Gang, und die Chance, sie zu stoppen, wird immer geringer.“
Seit seinem Start im Jahr 1993 haben rund 8 000 Frauen an dem Frühgeborenen-Vermeidungsprogramm teilgenommen; ausgewertet wurden bisher die Daten von 1 120 Mehrfachschwangeren. Die Ergebnisse sind vielversprechend: „Die Rate sehr kleiner Frühgeborener mit einem Geburtsgewicht von weniger als 1 500 Gramm lag bei vorausgegangenen Schwangerschaften bei 7,8 Prozent, nach der Teilnahme an der pH-Selbstmessung sank sie auf 1,3 Prozent. Extrem kleine Frühgeborene mit einem Geburtsgewicht von unter 1 000 Gramm kamen in vorausgegangenen Schwangerschaften zu 3,9 Prozent, nach der pH-Selbstmessung bei nur noch zu 0,9 Prozent vor“, sagte Saling in München.
Noch überzeugender sind die Ergebnisse in Erfurt: 16 der 29 Erfurter Frauenarztpraxen boten den dort betreuten Schwangeren an, an der Frühgeburten-Vermeidungsaktion teilzunehmen. 381 Frauen erklärten sich dazu bereit – sie wurden informiert, mit einer Messausstattung versorgt und angeleitet. Die Patientinnen der 13 nicht teilnehmenden Frauenarztpraxen und an der Studie nicht interessierte Schwangere dienten als Kontrollgruppe – 2 300 Frauen. In der Interventionsgruppe lag der pH-Wert bei 73 von 381 Frauen über dem Grenzwert von 4,4. Sie wurden mit Laktobazillus-Präparaten oder Clindamycincreme behandelt.
Die Frühgeburtenrate in dieser Gruppe betrug 8,1 Prozent, in der Kontrollgruppe dagegen 12,3 Prozent. Bei den frühen Frühgeburten, die vor der 32. Schwangerschaftswoche zur Welt kamen, sind die Unterschiede noch deutlicher. „In der Selbstkontroll-Gruppe war mit 0,3 Prozent nur eine frühe Frühgeburt zu verzeichnen, verglichen mit einer elffach höheren Rate bei den Frauen, die keine Messung vornahmen und auch keine Therapie hatten“, so Hoyme.
Auch der Berufsverband der Frauenärzte engagiert sich für das Frühgeburten-Vermeidungsprogramm und fordert, die pH-Wert-Messung in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufzunehmen: „Wenn das frühgeborene Kind in das Intensivbett gefallen ist, wird alles bezahlt – das kostet Milliarden DM. Eine pH-Wert-Messung, die nur 1,50 DM kostet, müssen die Patientinnen aber selbst tragen“, so Dr. Armin Malter, Vorsitzender des Berufsverbandes der Frauenärzte (Saarbrücken). Auch wenn eine Kostenübernahme wünschenswert wäre – die Schwangeren selbst seien sehr an dem Frühgeburten-Vermeidungsprogramm interessiert und auch bereit, die Kosten – 50 bis 60 DM für die gesamte Schwangerschaft – zu übernehmen, berichtete Dr. Sabine Kehren, niedergelassene Gynäkologin in Aachen. Sie bedauert, dass die pH-Selbstmessung noch nicht in allen gynäkologischen Praxen selbstverständlich ist. Dorothee Hahne


Frühgeborene müssen über Wochen intensivmedizinisch betreut werden.

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