ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2001Frühgeburt: Eine Hypothek für das Leben

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Frühgeburt: Eine Hypothek für das Leben

Dtsch Arztebl 2001; 98(12): A-740 / B-605 / C-565

Leinmüller, Renate

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LNSLNS Frühgeburtlichkeit bleibt für zwei Drittel der Kinder eine Hypothek, die sie auch noch in der dritten Schulklasse belastet. Nur ein Drittel war in einer früheren Hamburger Untersuchung im Alter von sechs Jahren neurologisch unauffällig – und dieser Prozentsatz verringert sich auch drei Jahre später nicht. Die jüngste, nachdenklich stimmende Nachuntersuchung frühgeborener Kinder hat der Hamburger Neuropädiater Dr. Jürgen Drescher beim Gynäkologenkongress präsentiert: Erhoben wurden die schulischen Leistungen und das Sozialverhalten sowie kognitive Leistungen von 316 ehemals Frühgeborenen (knapp vor der 30. SSW, Gewicht im Mittel 1 200 Gramm) und 205 Reifgeborenen im Alter von neun Jahren.
Schon beim Schuleintritt waren die „Frühchen“ deutlich im Hintertreffen: Während in der Kontrollgruppe nur acht Prozent um ein Jahr zurückgestellt wurden, lag der Anteil der Frühgeborenen mit 42 Prozent fünfmal höher. Entsprechend waren im Alter von neun Jahren fast 90 Prozent der Reifgeborenen, aber weniger als die Hälfte der Frühchen (47 Prozent) in der dritten Schulklasse, wobei diese auch zwei- bis dreimal häufiger „den Klassenvertrag verlängerten“. In den Fächern Lesen, Rechnen und Sport waren sie deutlich, im Sport tendenziell schlechter als die Kontrollgruppe. Bei den kognitiven Tests schnitten die Frühgeborenen signifikant schlechter ab, speziell hinsichtlich Aufmerksamkeit, Konzentration, allgemeiner Intelligenz und schulischen Fertigkeiten. Auch von den Lehrern wurde das Verhalten der Kinder kritischer beurteilt, wogegen die Eltern dies nicht unbedingt so empfanden.
Drescher betonte, dass diese Daten keine individuelle Prognose hinsichtlich der Entwicklungsfähigkeit erlauben, denn einige Kinder „holen erstaunlich gut auf“. Trotzdem stimmen die Daten nachdenklich. Denn etwa 8 000 Kinder werden in Deutschland jährlich vor der 32. Schwangerschaftswoche entbunden. Für viele der gefürchteten Komplikationen wurden in den vergangenen Jahren zwar Therapieoptionen entwickelt. Gleichzeitig nahm und nimmt jedoch die Zahl der Entbindungen von sehr frühen Frühgeborenen zu – Geburtsgewichte von unter 1 000 Gramm sind keine Seltenheit. Die Hypothek dieser und noch extrem früher geborenen Kinder dürfte in krassem Gegensatz zu euphorischen Pressemeldungen über die „Rettung“ von unter einem Pfund wiegenden Menschenkindern stehen.
Neuroprotektion
Doch nicht immer gelingt es, mit Prävention die Frühgeburtlichkeit und dadurch bedingte Hirnschäden zu vermeiden. Klinische Maßnahmen werden künftig mit pharmakologischen Interventionen zur Neuroprotektion verknüpft werden, prophezeite Prof. Arne W. O. Jensen (Bochum). Da die zerebrale Früh- und Spätmorbidität mit sinkendem Schwangerschaftsalter steigt, ist eine Verlängerung der Tragezeit immer positiv. Bei akuter Gefährdung ist jedoch eine zeitnahe Risikoabwägung der sofortigen Entwicklung notwendig, um das Frühgeborene im optimalen Zustand zu entbinden. Klinisch ist eine Frühintervention bei Unreife und eine neonatologische Sofortversorgung erforderlich, um eine möglichst hohe Neuroprotektion zu gewährleisten. Experimentell werden darüber hinaus Flunarizin und Magnesium gegen Ischämieschäden des Fetus eingesetzt. Eine milde Hypothermie im Kopfbereich wirkt sich nach Angaben des Referenten zusätzlich stabilisierend auf Energiegehalt und Proteinsynthese des Frühgeborenen aus. Dr. Renate Leinmüller



Risikofaktoren für Frühgeburten

- niedrige soziale Schicht
- mütterliches Alter unter 18 oder über 35 Jahre
- Multigravidität
- allein stehende Mütter
- rauchende Mütter
- vorausgegangene Frühgeburt
- uterine Blutungen
- Mehrlingsgravidität
- Placenta brevia
- bakterielle Vaginosen

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