THEMEN DER ZEIT

Selbstzweifel

Dtsch Arztebl 2001; 98(12): A-743 / B-573 / C-523

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LNSLNS „. . . Das Klima verschlechterte sich. Ich wurde morgens nach den Nachtdiensten generell gerügt, jede noch so kleine Entscheidung als Fehler dargestellt. Häufig ging ich weinend nach Hause, müde vom Nachtdienst, erschöpft und frustriert. Ich begann die Schuld bei mir zu suchen, zermarterte mir das Hirn, was ich wieder falsch gemacht hatte und wie ich es besser machen könnte. Ich verlor meine freudige Sicherheit in der Therapie (die ich an meiner vorherigen Stelle erworben hatte), wurde immer unsicherer, und irgendwann begann ich, Entscheidungen und Handlungen aus dem Weg zu gehen, da ja immer alles falsch war, was ich tat. Voller Selbstzweifel haderte ich mit meinem Beruf. Nichts konnte ich richtig machen. Sagte ich: ,Lasst uns morgen ein CT machen’, hieß es: ,Das ist viel zu spät, das muss noch heute erfolgen!’ Sagte ich: ,Wir brauchen unbedingt heute ein CT’, antwortete mein Chefarzt: ,So ein Quatsch. Das reicht auch, wenn es morgen gemacht wird!’ Intubierte ich einen ateminsuffizienten Patienten, hatte ich mich um die konservative Betreuung gedrückt; intubierte ich ihn nicht, hatte ich mich um die Intubation gedrückt. Ich wurde immer unsicherer. Ich wollte nicht wahrhaben, dass ein Mensch mich gezielt verfolgte, dass ich trotz meiner normal-guten Arbeit wie ein Versager behandelt wurde. Ich kämpfte um Anerkennung. Es half nichts. Nach den Nachtdiensten inspizierte er meine Verordnungsbögen, auch alle Routineverordnungsbögen wurden kontrolliert. Entweder wurde ich gerügt, oder er trug mit einem roten Stift seine Korrekturen ein – natürlich ohne mich davon zu informieren. Immer wieder stellte ich bei der Visite Patienten vor, deren Therapie er hinter meinem Rücken verändert hatte, sodass ich falsche Übergaben machte. Ich zog mich immer stärker aus der aktiven Arbeit zurück, denn wer nichts tut, kann auch keine Fehler machen. Aber das fiel natürlich auch
auf, und so bekam ich das nächste Stigma: Ich sei faul. . .“
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