ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2001Auf dem Abstellgleis: Ein mittlerweile niedergelassener Arzt für Innere Medizin* berichtet über seine Leidenszeit im Krankenhaus

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Auf dem Abstellgleis: Ein mittlerweile niedergelassener Arzt für Innere Medizin* berichtet über seine Leidenszeit im Krankenhaus

Dtsch Arztebl 2001; 98(12): A-745 / B-609 / C-569

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LNSLNS Was war geschehen? Um Medizin studieren zu können, verpflichtete ich mich bei der Bundeswehr; als ich aus dieser ausschied, war ich 35 Jahre alt, hatte einen attraktiven Teil einer internistischen Weiterbildung und wollte Karriere machen. Ich könnte auch sagen, ich wollte Anerkennung, Ansehen und Erfolg im Beruf haben. Und natürlich Sicherheit hinsichtlich eines angemessenen Einkommens. Also rackerte ich und wurde erpressbar. Normaler Assistenzarzt sein – nein danke. Durch meinen Ehrgeiz gewann ich zunehmend mehr Spezialkenntnisse – und fühlte mich zunehmend für die Belange und Pfründe der Oberen benutzt. Es gab keine anerkennenden Worte des Chefs oder Oberarztes, die Messlatte wurde von ihnen – aber auch von mir – nur noch höher gelegt. Irgendwann war ich Internist; ein Teilgebiet musste noch her – lesen Sie die Stellenanzeigen, und Sie wissen warum. Ich bekam so eine Stelle auch, Gastroenterologe sollte ich also werden, warum auch nicht.
„Ich wollte alles“
Nach kurzer Phase des rosa-roten Blickes kamen die Probleme: Es war nicht die Trennung von der Familie (wer zieht schon mit Familie für zwei Jahre an einen anderen Ort, verkauft sein Haus und gibt den Freun-
deskreis auf?). Es war auch nicht die Arbeitszeitbelastung; ich wollte es ja so. Ich wollte alles: endoskopische Ausbildung, Notarztdienst – der brachte ja Geld –, guter Stationsarzt auf einer onkologischen Station sein, die geforderten Studien durchführen, Studenten anleiten, die Routineendoskopie miterledigen. Es wurde ein Debakel. Nicht wegen der vielen Arbeit, sondern wegen der Umgangsweisen von Chef und Oberärzten mir gegenüber. Ich war der Außenseiter. Ich stellte Fragen und bat um Hilfe bei schwierigen Therapieentscheidungen. Das hätte ich nicht tun sollen. Der Chef war für medizinische Probleme nicht ansprechbar – er atmete immer nur hörbar tief ein, dass ich dachte, er fiele gleich um. So ließ ich dies dann. Aber auch mein Oberarzt kam in den ersten sechs Monaten nur zweimal auf Station. Er wollte nichts von medizinischen Problemen wissen und keine Entscheidungen treffen. Ich fragte die anderen Assistenten – ja, das wäre halt so. Da muss man durch. Ich wurde hart, holte mir die Informationen auf anderen Wegen und wurde fit. Damit ging das Problem aber erst richtig los; ich ließ mir dann auch nichts mehr von Schwestern sagen, wie ich was zu machen hätte. Die Intrigen begannen, denn das waren sie nicht gewohnt. Bei Abwesenheit oder in der Nacht war ich der Oberarzt. Aber spätestens bei der Morgenbesprechung wurde ich vor versammelter Mannschaft wegen eines überlesenen Rechtschreibfehlers vom Chef vorgeführt.
Die Chef-Visiten mutierten zu einem Spektakel: Aussprüche wie „Sie machen den Patienten mit Ihrer Therapie nur krank“ wurden vor Patienten geäußert. Sarkasmus und Ironie bestimmten das Klima, und bei mir trat Angst auf, denn ich wurde plötzlich auf eine andere Station versetzt – angeblich im normalen Rhythmus. Und um als fertiger Facharzt und angehender Gastroenterologe zu lernen, wie man Arztbriefe schreibt und EKGs befundet. Ich landete auf dem Abstellgleis. Der Chef sagte zu mir, aber auch vor Kollegen und Schwestern, dass er nicht verstehen könne, wie jemand wie ich Internist werden könnte. Mein Selbstwertgefühl sank, psychosomatische Beschwerden stellten sich ein, meine Gedanken drehten sich zunehmend um die Frage, wie ich dieser Situation entfliehen könnte. Ich fragte Assistenzarzt-Kollegen. Die gaben mir gute Ratschläge wie, dass ich den Mund halten solle oder den Chef umgarnen oder vielleicht besser gehen solle. Viel Kommunikation gab es allerdings nicht. Ich war bereits isoliert. Ich sprach meinen Oberarzt an: Das hätten sie doch alle erlebt, ich solle mich damit abfinden und mich anpassen. Ich fragte die anderen Oberärzte, die wollten nichts davon wissen, der Chef sei halt schwierig.
Nach einem Jahr Leiden ging ich zur Mitarbeitervertretung und fand Unterstützung und Verständnis. Gespräche mit dem Chef wurden nur noch in deren Beisein geführt; der offene Krieg war ausgebrochen. Versuche, die Weiterbildung an einem anderen Krankenhaus oder in der Praxis zu beenden, schlugen fehl. Wer kurz vor Ende aus einem Krankenhaus rausgeht, hat einen Makel. Selbst psychotherapeutische Hilfe suchte ich auf eigene Kosten. Ich wusste ja, wer gemobbt wird, hat auch einen Eigenanteil daran. Die Therapie half einerseits, andererseits bekam ich zunehmend das Gefühl, dass ich selber schuld war, denn ich arrangierte es mir ja selber. Ähnliches hatte ich in abgemilderter Form in anderen Häusern erlebt. Ich war überzeugt, eine Macke zu haben.
Mit dieser Erkenntnis wurde es für mich dann besser. Ich genoss die Außenseiterposition. Damit war aber auch eine Veränderung verbunden, die ich den inneren Abschied nenne: der Abschied von der Vorstellung, im Krankenhaus weiter zu arbeiten. Es war klar, eine Oberarztstelle war nicht mehr drin – jede Rückfrage beim Chef hätte mich entlarvt. Somit wechselte ich die Rollen: Täter werden war jetzt die Devise. Ich forderte ein Zwischenzeugnis als Standortbestimmung. Sechs Monate vor Schluss fehlten nur noch einige Ultraschalluntersuchungen. Mit dieser Sicherheit begann ich, jede Schweinerei mir gegenüber lauthals aufzudecken. Die Mitarbeitervertretung wurde wiederholt informiert, abteilungsübergreifend schilderte ich jedem, der es hören wollte – oder auch nicht –, wie in der Inneren Abteilung der Chef und die Oberärzte mit mir umgingen. Aber etwas wirkte noch besser; ich begann selber auf subtile Weise zu manipulieren. Nun bekamen die Oberärzte und der Chefarzt Angst. Sie begriffen, dass ich lauthals zu schreien anfing, wenn sie mich nicht in Ruhe ließen. Zugegeben, ich wurde damit selber kriminell, zum Erpresser unter Missbrauchern. Ich wurde in Ruhe gelassen.
Etwas beschäftigte mich lange Zeit: Warum hat mich das in dieser Zeit so erwischt, warum habe ich das mit mir machen lassen? Herkömmliche Mobbingberichte beschreiben oft nur die Täterschaft der Vorgesetzten. Ich glaube aber kaum, dass sich das Krankenhausklima ändern wird, wenn wir nur auf die Täter sehen. Natürlich müssen diese bestraft werden. Aus meiner heutigen Sicht hätte ich die Ärztekammer einschalten sollen. Auch würde ich heute einen Anwalt zur Hilfe holen. Geholfen hat ja letztlich das rigorose Aufdecken der Missstände. Dies ist eine ganz wesentliche Strategie gegen den missbräuchlichen Täter. Hätte ich es gekonnt, hätte es sofort mit Beginn des Mobbens einsetzen müssen. Dies kann aber kaum ein Opfer.
„Ablehnung meiner selbst“
Missbrauchsforschung beschreibt aber nicht nur Voraussetzungen beim Täter, sodass dieser zum Täter werden kann. So werden innere Voraussetzungen und äußere (zum Beispiel die wegsehende Menge) benannt. Missbrauchsforschung – und Mobbing ist eine Form von Missbrauch – fragt auch, welche Eigenschaften/Fertigkeiten den Opfern fehlen, um sich adäquat zu schützen beziehungsweise sich wehren zu können. Was stand mir an Fähigkeiten nicht zur Verfügung, wo lag nun mein Fehler (nicht meine Schuld)? Ich wollte Lob und Anerkennung, wollte über die Arbeit mein Selbstwertgefühl definieren. Ich suchte die gute Mutter, die mich ein Stück füttert. Heute weiß ich, dass dieser Haken, wenn man ihn einmal geschluckt hat, sehr tief sitzt. Man wird ihn nur unter Schmerzen und mit Verletzung los. Der Schmerz besteht in der Erkenntnis und im Verzicht. Ich verabschiedete mich von meiner Krankenhauskarriere, aber auch von der Vorstellung, ein guter Internist/Gastroenterologe zu sein. Grandiosität wich Normalität, und dies tat weh.
Wenn ich diese Zeilen lese, frage ich mich, was da eigentlich geschehen ist. Ich merke aber auch, dass mit Worten die Situation kaum beschreibbar ist. Beim Lesen scheint meine Geschichte vielleicht lustig zu sein, vielleicht ist gar nicht so viel Schlimmes passiert. Vielleicht glauben einige, ich war der Mobber. Ich merke, es sind auch nicht die Worte, die mich verletzten. Es war die Ablehnung meiner selbst, so wie ich nun einmal bin, die ich spürte. Leider ist es nur so, wer dieses System verstanden hat, sucht sich schleunigst eine andere Stellung. Die Guten gehen, die anderen bleiben. Zu Beginn des Briefes waren meine Hände und Füße eiskalt, ich spürte eine Wut auf das Krankenhaus, den Chef und den Oberarzt. Aber auch auf mich, wieder dieses Schuldgefühl. Jetzt, am Ende des Briefes ist mir wieder warm, und ich bin ruhig. Ich weiß, dass ich nicht schuld bin, ich konnte damals nicht anders, und die Täter waren wirklich kriminell.

* Der Verfasser hat die DÄ-Redaktion befugt, seinen Namen zu veröffentlichen – wir verzichten dennoch darauf.
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