THEMEN DER ZEIT

Nachgefragt

Dtsch Arztebl 2001; 98(12): A-746 / B-629 / C-597

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LNSLNS DÄ: Frau Dr. Levartz, Frau Dr. Hefer, seit mehr als zwei Jahren fungieren Sie als Mobbing-Ansprechpartnerinnen der Ärztekammer Nordrhein. Welche Ärzte und Ärztinnen sind besonders von Missbrauch und Repression in hierarchischen Arbeitsverhältnissen betroffen?
Dr. Levartz/Dr. Hefer: Es sind Ärzte aus allen Fachgebieten betroffen. Bei uns melden sich sowohl Ärzte aus den Krankenhäusern als auch aus Institutionen (Gesundheitsämter, MDK und andere), aber auch niedergelassene Ärzte. Besonders oft suchen Ärzte im letzten Teil der ärztlichen Weiterbildung oder junge Fachärzte bei uns Hilfe. In letzter Zeit beraten wir häufig Oberärzte, die berichten, nach Chefarztwechsel Schwierigkeiten mit dem neuen Chefarzt zu haben, und angeben, von diesem durch Mobbing zur Kündigung gedrängt zu werden.

DÄ: Was raten Sie den Betroffenen? Welche Handlungsalternativen gibt es für gemobbte Ärzte?
Dr. Levartz/Dr. Hefer: Das ist abhängig von der jeweiligen Situation. Häufig ist das Mobbing nicht primäres Problem, sondern es stehen Organisationsmängel, arbeits- oder berufsrechtliche Probleme im Vordergrund. Das Gespräch mit den Mobbing-Ansprechpartnerinnen wird von den meisten Betroffenen als hilfreich hinsichtlich der Beurteilung und Objektivierung der Situation sowie zur Beratung des weiteren Vorgehens gesehen. Ist das Arbeitsverhältnis noch nicht zerrüttet, raten wir, Organisationsmängel im Gespräch mit den Vorgesetzten oder der Verwaltung aufzuzeigen und konstruktive Änderungsvorschläge zu unterbreiten. Wir weisen die „Mobbingopfer“ auf berufs- oder arbeitsrechtliche Aspekte hin, die nach unserer Erfahrung sehr oft vorliegen. Bei berufsrechtlichen Verstößen kann die Ärztekammer eine Überprüfung einleiten. Dies setzt jedoch eine schriftliche Darstellung durch den Betroffenen voraus. Stehen arbeitsrechtliche Belange im Vordergrund, weisen wir die Kollegen auf arbeitsrechtliche Unterstützung durch einen Rechtsanwalt oder den Marburger Bund hin. Die Ärztekammer kann und darf in arbeitsrechtlichen Belangen (auch aus haftungsrechtlichen Gründen) nicht aktiv werden. Wir bieten den Ratsuchenden außerdem die Durchführung eines Schlichtungsverfahrens (Gespräch zwischen „Gemobbtem“, „Mobber“ und Moderation durch die Ärztekammer) an. In einigen Fällen ist das Arbeitsverhältnis so zerrüttet, dass von den Betroffenen keine Möglichkeit einer weiteren Zusammenarbeit gesehen wird. In diesen Fällen raten wir, die Möglichkeit einer adäquaten Abfindung, gegebenenfalls mit Hilfe eines Rechtsbeistandes, prüfen zu lassen.

DÄ: Welche Möglichkeiten haben Krankenhausträger oder die Verwaltungen, wenn sie Mobbing-Probleme in ihren Krankenhäusern verhindern beziehungsweise bekämpfen wollen?
Dr. Levartz/Dr. Hefer: Wir empfehlen, Mobbing zum Thema zu machen und offen mit diesem Problem in der Klinik umzugehen. Zudem sollte Mobbing geahndet werden. Es muss innerhalb der Klinik selbstverständlich sein, dass Mobben für den „Mobber“ negative Konsequenzen hat und unkollegiales Verhalten nicht geduldet wird. Konfliktträchtige Bereiche sollten klar geregelt werden. Dies gilt zum Beispiel für die Bereiche Dienst- und Urlaubsplanung, Gewährung von Fortbildungsurlaub, Poolbeteiligung oder Planung der Weiterbildung. Wichtig sind auch klare Organisations- und Betriebsstrukturen im Krankenhaus. Für Vorgesetzte bieten sich Schulungen im Bereich Führungsverhalten an. Wir halten insbesondere die Einführung einer Betriebsvereinbarung zur Lösung von Konflikten am Arbeitsplatz für sinnvoll, in der Prävention von Mobbing und eine Anlaufstelle sowie Ablauf-
schritte bei Mobbing niedergelegt sind. Die Ärztekammer Nordrhein arbeitet derzeit in Zusammenarbeit mit dem Marburger Bund an einer Musterdienstvereinbarung. Diese kann nach Fertigstellung bei der Ärztekammer Nordrhein wie auch beim Marburger Bund
angefordert werden.


Dr. med. Brigitte Hefer, Referentin im Ressort „Medizinische Grundsatzfragen“ bei der Ärztekammer Nordrhein


Dr. med. Martina Levartz, Geschäftsführerin des Instituts für Qualität im Gesundheitswesen Nordrhein
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