ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2001Arbeitsunfähigkeit: Papiertiger

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Arbeitsunfähigkeit: Papiertiger

Dtsch Arztebl 2001; 98(12): A-751 / B-634 / C-602

Theissen, Wolfgang

Zur Grauzone begründeter und unbegründeter Arbeitsunfähigkeit:
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LNSLNS Die „von den Ärzten verursachten„Arbeitsunfähigkeitszeiten sind seit einem Jahr mal wieder ins sozialpolitische Kreuzfeuer geraten, wie seinerzeit der Hickhack um die Finanzierung der Pflegeversicherung, wegfallende Feiertage und ähnliche Sparmaßnahmen haben den Arbeitnehmern den hälftigen Arbeitgeberanteil in seiner Auswirkung übergewälzt. Dies alles ist auf den erbitterten Widerstand der Gewerkschaften gestoßen, ließ sich so nicht umsetzen. Riesters Hickhack um die Rentenversicherung, weitere Medikamentenbudgets – und jetzt die Überwälzung der Glaukomprophylaxe auf die Patienten sind nur ein Teil des Streichorchesters aus der rotgrünen Koalition.
Im Bereich der AU-Schreibung wollte man die niedergelassene Ärzteschaft – mal wieder – an die Kandare nehmen über SGB V Abs 51 a und 51 b, mit denen man Arzt und Patienten haftbar machen will, wenn AU „zu Unrecht“ bescheinigt wurde.
Aus arbeitsmedizinischer Sicht ist die vom Patienten geforderte Krankschreibung nie ablehnbar. Denn definitionsgemäß ist arbeitsunfähig, wer wegen der Beschwerden – erkannter oder noch nicht erkannter – Krankheit seiner Arbeit nicht nachgehen kann. Der Arzt müsste also die hinter den bei der Forderung des „gelben Scheines“ hinter den vorgebrachten Beschwerden stehende Krankheit und die Eigenheiten des Arbeitsplatzes kennen, diese Voraussetzungen sind beim Anfordern des „AU-Zettels“ nie gegeben.
Das gilt sogar dann, wenn der Patient jeden Montag am verlängerten Rauschzustand der Sonntagsfeier leidet. Denn auch der ist eine Krankheit, die zunächst und objektiv Arbeitsunfähigkeit bedingt. Es sind Ärzte verurteilt worden, die die AU verweigerten und den Patienten auf die Möglichkeit unbezahlten Urlaubs verwiesen, wenn dann der (uneinsichtige) Patient den Weg zur Arbeit und die Arbeit antrat und dabei zu Schaden kam.
GSG-induzierte Sparsamkeit in Diagnostik und Therapie (Bioverfügbarkeit billiger Generica?) sowie – auch juristenbedingte – Vorsicht sind Schanzschilde, die im Rahmen einer Zivilklage des Arbeitgebers oder im kassenärztlichen Prüfverfahren bei den hier infrage kommenden „Kurzkrankheiten“ so gut wie nie zu „knacken“ sind. Die erste Woche AU kann man also niemals ablehnen. Also mal wieder ein Papiertiger.
Dr. med. Wolfgang Theissen, Kleinsteinach 123, 97519 Riedbach
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