ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2001Therapie mit Sexualhormonen beim alternden Mann: Substitution kritischer sehen

MEDIZIN: Diskussion

Therapie mit Sexualhormonen beim alternden Mann: Substitution kritischer sehen

Dtsch Arztebl 2001; 98(12): A-771 / B-633 / C-593

Mönig, Heiner

zu dem Beitrag von Dr. med. Sigrid von Eckardstein Prof. Dr. med.Eberhard Nieschlag, FRCP in Heft 47/2000
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LNSLNS In Anbetracht der zunehmenden Zahl von Kolleginnen und Kollegen, die sich darauf spezialisieren, bei älteren Menschen hormonelle Defizite aufzudecken und auszugleichen, war ein Übersichtsartikel zu diesem Thema überfällig. Die Autoren thematisieren mit Recht die dürftige wissenschaftliche Datenlage zur Testosteron- und Östrogensubstitution bei älteren Männern ohne eindeutig nachgewiesenen Hypogonadismus. Dazu die folgenden Überlegungen:
Eines der Hauptprobleme der Hormonsubstitution im Alter, nämlich die Definition eines altersentsprechenden Normbereiches für ein gegebenes Hormon, wird auch in diesem sonst hervorragenden Übersichtsartikel nicht ausreichend diskutiert.
Es bleibt unverständlich, warum die Autoren in ihrer Zusammenfassung behaupten, „etwa 20 bis 35 Prozent der Männer über 60 Jahre (hätten) einen Androgenmangel“. Sie beziehen sich dabei offenbar auf die Arbeit von Kaufman und Vermeulen (1), die sie im Text dann auch als Quelle für die untere Referenzgrenze von 12 nmol/l zitieren. Die entsprechende Stelle in (1) lautet aber: „More than 20 % of otherwise apparently healthy men over 60 years of age present with subnormal testosterone levels as compared to the serum levels in young adults.“
Die Frage, welche Testosteron-Serumspiegel für das höhere Lebensalter „normal“ sind, ist nach wie vor offen. Die zahlreichen zu diesem Thema vorgelegten Studien sind höchst widersprüchlich und durch eine Anzahl von Unsicherheiten hinsichtlich Tageszeit der Blutentnahme, Messmethode und weiterer Einflussgrößen von eingeschränktem Wert.
In Anbetracht der zunehmend häufig geübten Praxis, Männer im höheren Lebensalter auf dem Boden vermeintlich erniedrigter Testosteron-Serumspiegel mit dem Hormon zu substituieren, ist es nicht hilfreich, den Begriff „Hypogonadismus“ über einen Testosteronspiegel von unter 12 nmol/l zu definieren, wie es in der Zusammenfassung geschieht. Diese Verkürzung entspricht auch nicht den Ausführungen im Text, die das Problem wesentlich differenzierter angehen.
Obwohl, wie die Autoren korrekt darstellen, ein eindeutiger Zusammenhang zwischen dem altersbedingten Abfall der Testosteronspiegel und einem umschriebenen Beschwerdebild bisher in keiner Studie gesichert werden konnte, hat man in den letzten Jahren Begriffe geprägt wie „progressives partielles Androgenmangel-Syndrom“ oder „ADAM“ (Androgen Decline in the Aging Male (2)). Die Motivation für diesen Ansatz ist klar: Es wird versucht, das physiologische Nachlassen der männlichen Keimdrüsenfunktion mit dem Stigma einer Krankheit zu versehen.
Eine Übersichtsarbeit aus einem führenden andrologisch-endokrinologischen Institut hätte in diesem Punkt deutlich kritischer ausfallen können, damit der „alternde Mann“ nicht noch mehr ins Visier wirtschaftlicher Interessen gerät.

Literatur
1. Kaufman JM, Vermeulen A: Androgenes in male senescence. In: Nieschlag E, Behre HM (eds): Testosterone: action, deficiency, substitution. Heidelberg: Springer 1998 (2nd edition); 437–471.
2. Morales A, Heaton JP, Carson CC 3rd. Andropause: a misnomer for a true clinical entity. J Urol 2000; 163: 705–712.
Prof. Dr. med. Heiner Mönig
Eichenweg 28
24161 Altenholz

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