ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2001Älteste pharmakognostische Sammlung: Humboldts Mitbringsel vor dem Müll gerettet

VARIA: Geschichte der Medizin

Älteste pharmakognostische Sammlung: Humboldts Mitbringsel vor dem Müll gerettet

Dtsch Arztebl 2001; 98(12): A-773 / B-635 / C-594

pid; Niemann, Heidi

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Einzigartige Bestände jetzt wieder für die Forschung zugänglich

Wissenschaftler der Universität Göttingen haben eine einzigartige medizinhistorische Sammlung vor der Vernichtung gerettet. Rund 60 Jahre lang war die aus mehr als 8 500 Einzelstücken bestehende so genannte pharmakognostische Sammlung der Universität unbeachtet auf einem Dachboden unter Staub begraben. Die größtenteils noch original verpackten Schachteln und Gläser, in denen sich unter anderem eine von Alexander von Humboldt mitgebrachte Baumrinde aus Südamerika befindet, sollten eigentlich auf den Müll wandern. Einige Mitarbeiter starteten daraufhin eine Rettungsaktion für die bundesweit vermutlich älteste und umfangreichste Sammlung von medizinisch wirksamen Naturstoffen – mit Erfolg: Zahlreiche Pharma-Firmen, die für die Entwicklung von Arzneimitteln wieder verstärkt auf Substanzen aus der Natur zurückgreifen, haben bereits für Forschungszwecke Proben aus den Beständen angefordert.
Die Sammlung sei sowohl von ihrem Alter als auch von ihrem Umfang her einmalig in Deutschland, sagt der Biologe Dr. Volker Wissemann, der die Rettungsaktion initiiert und die Bestände aufgearbeitet hat. Begründer der Sammlung war August Ludwig Wiggers, der seit 1828 unter anderem als Assistent des Chemikers Friedrich Wöhler in Göttingen tätig war und das Fach Pharmakognosie lehrte. Pharmakognostische Sammlungen dienten dazu, Pflanzen für die Arzneimittelherstellung genau beschreiben und identifizieren zu können. Wiggers baute bis zu seinem Tod im Jahr 1880 eine umfangreiche Lehrsammlung auf, die später noch durch eine Schenkung der Apothekerdynastie Mettenheimer aus Gießen stark vergrößert wurde.
Seit den 30er-Jahren lagerten die Bestände in Holzkisten verpackt auf dem Dachboden des Botanischen Instituts. Dort gehörten sie nicht hin: Damals habe es von den nationalsozialistischen Behörden einen Aufruf gegeben, dass alle pharmakognostischen Sammlungen zentral im Institut für Pharmazie in Braunschweig gelagert werden sollten, sagt Wissemann. Warum die Sammlung nicht dorthin kam, sei nicht geklärt. Auf jeden Fall war das Nichtbefolgen dieser Anordnung ein Glücksfall: Alle in Braunschweig eingelagerten Sammlungen verbrannten während des Krieges bei einem Bombenangriff.
1935 wurde an der Universität Göttingen die pharmazeutische Ausbildung eingestellt. Dadurch geriet auch die historische Sammlung in Vergessenheit. Erst 1997 kamen die Bestände bei Entrümpelungsarbeiten wieder zum Vorschein. Die verstaubten Gläser und Schachteln, von denen viele noch die Original-Siegel tragen, sollten eigentlich „entsorgt“ werden, berichtet Wissemann.
Der Biologe entdeckte in den Kisten wahre Schätze. Hierzu gehören außer der Rinde eines Hemdenbaumes, die Alexander von Humboldt aus Südamerika vom Orinoko mitgebracht hatte, auch das erste Pfeilgift, das im 19. Jahrhundert nach Deutschland kam und von Justus Liebig analysiert wurde. Auch die Bandbreite der Bestände ist beeindruckend: So sind allein mehrere Hundert verschiedene Chinarinden sowie zahlreiche Wurzeln von Rhabarberpflanzen unterschiedlichster Herkunft zu finden. Die Sammlung sei ein Querschnitt der „materia medica“ des 19. Jahrhunderts, sagt Wissemann. Die Kollektion enthält aber auch verschiedene Kuriositäten wie etwa Eidechsen in Lavendelblüten.
Die Göttinger Wissenschaftler haben die alten Bestände gesichtet und systematisch erfasst. Ohne Förderung durch die pharmazeutische Industrie sowie anderer Einrichtungen wie der Klosterkammer Niedersachsen und der Calenberg-Grubenhagenscher Landschaft wäre dies nicht möglich gewesen, sagt Wissemann. Im April soll die umfangreiche Datenbank, die daraus entstand, als Katalog auf CD-ROM erscheinen. Damit die kostbaren Bestände nicht wieder unbeachtet verstauben, wird ein Ausstellungsraum eingerichtet. Ab dem Frühjahr soll die Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich sein. Interessierten Instituten und Laboratorien steht sie bereits jetzt offen, um einzelne Proben zu analysieren. Historiker können anhand der Erwerbslisten, Etiketten und Aufzeichnungen beispielsweise frühere Handelsverbindungen untersuchen. Heidi Niemann/pid


Zu der historischen Sammlung gehören zahlreiche Wurzeln
von Rhabarber unterschiedlichster Herkunft.
Die Gläser sind noch im Originalzustand erhalten.


Erst 1997 kamen die Bestände bei Entrümpelungsarbeiten wieder zum Vorschein.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema