ArchivDeutsches Ärzteblatt12/2001Klassenzimmer am Krankenbett

VARIA: Technik

Klassenzimmer am Krankenbett

Dtsch Arztebl 2001; 98(12): A-775 / B-637 / C-550

Müllges, Kay

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LNSLNS Mit der Diagnose Krebs verlieren Kinder über Monate wichtige soziale Kontakte, denn während der Dauer einer Chemotherapie können sie die Schule nicht besuchen. Abhilfe verspricht jetzt ein bundesweit einmaliges Pilotprojekt, das an der Universität Bonn durchgeführt wird. Per Computer können die jungen Patienten künftig den Schulunterricht ihrer Klasse verfolgen.
Die Internet-Technologie macht’s möglich. Eine Kamera überträgt das Unterrichtsgeschehen in das Klinikzimmer. Der Patient kann so nicht nur den Wissensstoff seiner Klasse aktuell verfolgen und erarbeiten, sondern das Schulkind nimmt in der Klinik so auch am Schulalltag und dem Geschehen in der Klasse teil. „Ziel ist es, dass alle Kinder wenige Wochen nach der Krebsdiagnose den Unterricht nicht nur sehen und hören können, sondern auch ein interaktiver Austausch möglich ist“, begründet Udo Bode, Direktor der hämatologisch-onkologischen Universitätsklinik in Bonn, das Vorhaben.
Lebensqualität erhalten
Die kleinen Patienten sehen und hören eben nicht nur, was gerade in der Klasse geschieht, sondern können über die Tastatur ihres Laptops auch selbst am Unterricht teilnehmen. „Wir wollen den Kindern während der Behandlung ein möglichst normales Leben ermöglichen“, erklärt Udo Bode das Engagement. Das sei um so wichtiger, als die Diagnose Krebs bei Kindern heute keineswegs mehr gleichbedeutend mit einem Todesurteil ist. 70 Prozent der jungen Patienten werden heute geheilt, auch deshalb, weil sie gezielte Chemotherapien besser vertragen als Erwachsene. Deshalb zählt heute der Erhalt von Lebensqualität zu den wichtigsten Therapiezielen.
„Durch das Projekt werden Kinder aus der Isolation herausgeholt und wieder in die Klassengemeinschaft integriert“, umreißt Projektleiterin Renate Pfeifer das psychosoziale Therapieziel.
Bislang wurden die Patienten während der über Monate in Blöcken verabreichten Chemotherapie aus ihrer gewohnten Lebens- und Lernumgebung herausgerissen. Zwar werden sie in der Regel auch während ihres Klinikaufenthaltes von speziell ausgebildeten Lehrkräften zumindest in den Kernfächern weiter unterrichtet, aber der Kontakt zum Klassenverband ist weg. Die Internet-Technologie macht es nun möglich, auch während eines stationären Aufenthaltes weiter mit den Klassenkameraden zu interagieren und so die sozialen Langzeitfolgen der Therapie zu mildern.
Projekt weiter ausdehnen
Bislang ist das Projekt allerdings auf eine einzige Schule, die Tomburg-Realschule in Rheinbach (bei Bonn), beschränkt. Ein Internet-Arbeitsplatz am Krankenbett kostet etwa 11 000 DM zuzüglich der Übertragungsgebühren. Aufgebracht wird dieses Geld durch einen Förderverein, und an der Uniklinik in Bonn ist man deshalb optimistisch, das Projekt in der Ausbauphase auf bis zu 15 mit verschiedenen Schulen vernetzte Arbeitsplätze ausweiten zu können.
Die Technologie ist in ihren Anwendungen nicht auf Krebspatienten beschränkt, weiß Renate Pfeifer: „Prinzipiell ist das auf alle mit langwierigen stationären Aufenthalten verbundenen Erkrankungen anwendbar.“ Kay Müllges
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