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Galantamin: Schneeglöckchen-Extrakt gegen Demenz

Dtsch Arztebl 2001; 98(12): A-776 / B-638 / C-596

Hoc, Siegfried

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Die Enwicklung medikamentöser Strategien gegen die Alzheimer-Krankheit verlief fast 30 Jahre ziemlich erfolglos, obwohl man bereits in den 70er-Jahren cholinerge Defizite im Gehirn verstorbener Alzheimer-Patienten aufgedeckt hatte. Heute ist gesichert: Alzheimer-Gehirne zeigen den Untergang cholinerger Neuronen und damit verbunden eine Reduktion des Neurotransmitters Ace-tylcholin. Diese pathologischen Veränderungen sind die direkte Ursache des Abbaues kognitiver Leistungsfähigkeit.
Die Forschung konzentrierte sich deshalb in letzter Zeit auf das Acetylcholin-Defizit. Zuerst versuchte man durch Gabe von Acetylcholin-Präkursoren, wie beispielsweise Lezithin, das Defizit auszugleichen. Dieser Ansatz hat sich aber klinisch als unwirksam erwiesen. Auch Acetylcholin-Freisetzungsverstärker wie Aminopyridin blieben erfolglos.
Zweifacher Wirkmechanismus
Als deutlich effektiver erwies sich, das aus den Synapsen überlebender Neuronen als Neurotransmitter freigesetzte Acetylcholin vor dem schnellen katalytischen Abbau durch Acetylcholinesterase zu schützen. Damit habe die Entwicklung der Cholinesterase-Hemmer begonnen, die heute zu den wichtigsten Medikamenten in der Behandlung der Alzheimer-Krankheit gehören, erinnerte Prof. Alfred Maelicke (Mainz) auf der Einführungspressekonferenz Reminyl® von Janssen-Cilag in München.
Ebenfalls am Acetylcholin setzt ein neuer viel versprechender Wirkstoff an, nicht nur am Botenstoff selbst, sondern auch an den Nikotinrezeptoren. Es ist der Naturstoff Galantamin, der aus Schneeglöckchen isoliert wurde und in Zukunft synthetisch hergestellt werden wird. Galantamin setzt gleich zwei Hebel an: Die Substanz hemmt den Abbau von Acetylcholin und steigert die Empfindlichkeit der Nikotinrezeptoren. Diese reagieren dann ausgeprägter auf das Acetylcholin, was dessen Effekt verstärkt und so die kognitiven Fähigkeiten fördert.
Es besteht eine berechtigte Hoffnung, dass der bislang einzigartige Wirkungsmechanismus von Galantamin deutlich bessere Behandlungsergebnisse bei Alzheimer-Demenz bringt, als sie bisher erreicht werden konnten. Denn auch die klinischen Zulassungsstudien zeigten bereits, dass die Substanz den Erkrankungsverlauf zumindest verzögert. Die Responderrate im Sinne eines positiven Effektes auf die Kognition beträgt 60 bis 68 Prozent.
Mit einer initialen Dosis von täglich zweimal 4 mg und einer Erhaltungsdosis von zweimal 8 mg/Tag (wenn gut vertragen, auch mehr) Galantamin in Form des Präparates Reminyl wird innerhalb von sechs Monaten die Kognition auf der Alzheimer Disease Assessment Scale deutlich verbessert. Dieser Zugewinn stabilisiere sich über mindestens zwölf Monate, wie die Studien an über 3 200 Demenz-Patienten zeigten, berichtete Dr. Susanne Schwalen (Neuss).
Die Alltagskompetenz wird ebenfalls über zwölf Monate erhalten und das Auftreten von Verhaltensstörungen hinausgezögert. Reminyl verbessert den klinischen Gesamteindruck bei den Patienten und ist gut verträglich. Die positiven Effekte von Galantamin konnten in allen klinischen Studien an Patienten mit Alzheimer-Demenz leichten und mittleren Grades gezeigt werden. Über seine Erfahrungen mit Reminyl im Rahmen der GAL-GER-1-Studie an ambulanten Patienten mit leicht- und mittelgradiger Alzheimer-Erkrankung berichtete Dr. Hans-Jürgen Bosma (Rees). Seit Oktober 2000 wurden sieben Patienten im Alter zwischen 60 und 82 Jahren in die Studie aufgenommen. Ihre Demenzkrankheit wurde vor zwölf Monaten bis sechs Jahren diagnostiziert. Fünf der Patienten wurden inzwischen über mindestens sechs Wochen mit Reminyl behandelt. Zwei der Patienten mussten als Non-Responder eingestuft werden.
Drei Patienten zeigten kognitive Verbesserungen um 16 bis 30 Prozent, wie die Testpsychometrie (ADAS-cog) ergab. Die selbst- und fremdbeurteilte Befindlichkeit wurde als „frischer, optimistischer, ausgeglichener und fröhlicher“ bezeichnet. Auftretende Übelkeit zu Beginn der Behandlung konnte mit einem Prokinetikum beseitigt werden, auftretender Schwindel besserte sich spontan. Reminyl wurde Mitte März in den Markt eingeführt. Siegfried Hoc
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