ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2001Schmerztherapie im Alter: Ein Armutszeugnis

AKTUELL: Akut

Schmerztherapie im Alter: Ein Armutszeugnis

Dtsch Arztebl 2001; 98(13): A-801 / B-661 / C-617

Leinmüller, Renate

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LNSLNS Die Diskussion um die aktive Sterbehilfe ist ein Armutszeugnis für die Schmerztherapie. Das Argument „lieber aktiv sterben helfen als mit Leiden weiterleben lassen“ zeugt nach Auffassung von Dr. Gerhard Müller-Schwefe (Göppingen) von ungenügenden Kenntnissen in der Schmerzlinderung. Der Tagungsleiter des Deutschen Schmerztages kritisierte in Frankfurt in scharfer Form die eklatante Unterversorgung älterer Schmerzpatienten und forderte gleichzeitig eine adäquate Schmerztherapie in Alten- und Pflegeheimen – speziell auch bei Sterbenden. Wie dies im Idealfall aussehen könnte, verdeutlichte der norwegische Palliativmediziner Prof. Stein Husebö (Bergen) anhand einer nationalen Studie im größten Alten- und Pflegeheim des Landes mit 208 Betten. Ärzte und Personal wurden speziell geschult, für Schwerkranke und Sterbende wurden Standards erarbeitet.
Zur Palliation gehört für Husebö in erster Linie eine kompetente Schmerztherapie und Symptomkon-trolle, wobei er vier Medikamente als ausreichend einstuft: Morphin gegen Schmerzen und Todesrasseln, Scopolamin bei Todesrasseln und Sekret, Haloperidol bei Übelkeit und Delir sowie Midazolam bei Panik, Angst und Unruhe. Nach den Erfahrungen in Norwegen benötigen über 80 Prozent der Patienten in ihrer letzten Lebensphase Opioide – rund 55 Prozent zur Therapie der Atemnot bei terminaler Herzschwäche und knapp 30 Prozent aufgrund von Schmerzen. „Der Standard eines Pflegeheims kann also am Opioidverbrauch gemessen werden“, verdeutlichte Husebö.

Hierzulande sind nicht nur Sterbende schmerztherapeutisch unterversorgt, auch ältere Patienten mit akuten oder chronischen Schmerzen müssen unnötig leiden – aus Unkenntnis, falschen Ängsten vor Opioiden, aber auch aus Budgetgründen. Denn zäh halten sich laut Müller-Schwefe Mythen, wie „das Alter ist ein Analgetikum“. Auf Patienten über 65 Jahre entfallen zwar 40 Prozent der Arzneimittel, der Prozentsatz der Schmerzmittel fällt jedoch in dieser Gruppe deutlich ab. Tatsächlich leidet fast die Hälfte der über 75-Jährigen (47 Prozent) an chronischen Schmerzen, die (ebenso wie akute) intensiver
als von Jüngeren erlebt werden – vermutlich aufgrund einer verminderten Schmerztoleranz, aber auch aufgrund des Schmerzgedächtnisses. Da ältere Menschen zu einem „underreporting“ neigen, ist der Arzt gefordert, die richtigen Fragen zu stellen, die auch auf Traurigkeit und Ängste abzielen. Denn Depression und Angst erschweren den Umgang mit Schmerz – es resultiert leicht eine Abwärtsspirale aus Schmerz, Isolation und Depression. Eine kompetente Schmerztherapie ist der erste Schritt aus diesem Teufelskreis, erlaubt sie doch oft erst aktivierende Verfahren, die den Patienten wieder „alltagsfähig“ machen. Bleibt zu hoffen, dass die Forderung nach einer adäquaten Schmerztherapie auch in die Patientenverfügung eingeht. Dr. Renate Leinmüller
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