ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2001Gutachten des Sachverständigenrates: Schlechte Noten, viele Hausaufgaben

POLITIK

Gutachten des Sachverständigenrates: Schlechte Noten, viele Hausaufgaben

Dtsch Arztebl 2001; 98(13): A-807 / B-683 / C-651

Rieser, Sabine

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LNSLNS Im Gesundheitswesen muss alles besser werden:
Zielorientierung, Prävention, Patienteneinbindung, Qualitätssicherung, Fortbildung der Ärzte. Und wie immer hofft man: Das Geld reicht, wenn es nur anders eingesetzt wird als bisher.


Das deutsche Gesundheitswesen leistet nicht, was es leisten könnte“, urteilte Prof. Dr. med. Friedrich Wilhelm Schwartz, Vorsitzender des Sachverständigenrates für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen (SVR), in der vergangenen Woche in Berlin. Nach 25-jähriger Kostendebatte sei es notwendig, endlich über die inhaltliche Orientierung des Gesundheitswesens zu diskutieren. Der SVR löste sich dabei von der „Dominanz der Ausgabenbetrachtung“ auf eigenwillige Art: Befragt nach der Finanzierbarkeit der vielen Vorschläge, erklärte Schwartz, Beitragssatzerhöhungen oder Einschränkungen des GKV-Leistungskatalogs seien nicht notwendig. Das vorhandene Geld müsse nur gezielter eingesetzt werden.
Ärzte wehren sich gegen pauschale Kritik
Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm, Erster Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, sagte, die KBV befürworte eine Ausrichtung der Vertragspolitik an Versorgungszielen. Noch hätten die Kassen jedoch keine Anreize, in einen Wettbewerb um Versorgungsqualität einzutreten. Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), nannte die pauschale Kritik des SVR „eher populistisch denn wissenschaftlich“. Die Ärztinnen und Ärzte in Deutschland leisteten hervorragende Arbeit und würden jedem internationalen Vergleich standhalten.
Die gegenläufige These des Sachverständigenrates ist nicht neu. Sie wird jedoch selten mit einem zweibändigen Gutachten von rund 700 Druckseiten untermauert*. Im Einzelnen fordern die „Gesundheitsweisen“ Folgendes:
- In Deutschland muss eine öffentliche Diskussion über Gesundheitsziele einsetzen, die die Präferenzen der Bevölkerung einbezieht.
- Deutschland gibt sehr viel Geld für Gesundheitsleistungen aus, nimmt jedoch nur eine Mittelstellung ein, wenn man Lebenserwartung oder verlorene Lebensjahre der Deutschen mit denen der Einwohner anderer Industrienationen vergleicht. Der SVR schränkt zwar ein, dass solche Indikatoren nur begrenzt aussagefähig sind. Zudem hänge Gesundheit von Faktoren ab, auf die das Gesundheitswesen keinen direkten Einfluss hat, beispielsweise Arbeitsbedingungen und Wohnverhältnisse. Dennoch halten es die Sachverständigen für erwiesen, dass die Verteilung der Mittel in Deutschland nicht optimal ist. Sie fordern deshalb, Qualitäts- und Wirtschaftlichkeitsreserven zu nutzen.
- Als ein Lösungsansatz wird der Ausbau der Primärprävention genannt. Angebote müssten jedoch zielgruppenorientiert ansetzen und auf aktive Mitwirkung hinwirken. Sie sollten sich in erster Linie an „besonders gefährdete, insbesondere sozial Schwache“ richten. Handlungsbedarf bestehe auch bei präventiven Angeboten für ältere Menschen. Hier komme den Hausärzten eine große Bedeutung zu.
Und die Finanzierung? Die Gelder, die die Gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung im Rahmen des neuen § 20 SGB V bereitstelle, sind nach Ansicht des SVR zu gering. Prof. Dr. rer. pol. Rolf Rosenbrock verwies auf die Einsparungen (bis zu einem Viertel der Gesundheitsausgaben), die durch Prävention mittel- bis langfristig möglich seien. Er ist davon überzeugt, dass sich die Maßnahmen auf Dauer selbst tragen. Man solle derweil mit dem Geld beginnen, das zur Verfügung steht.
Fortbildung der Ärzte regelmäßig überprüfen?
- Als ungenügend hat der Rat die Vernetzung und Zertifizierung in der medizinischen Versorgung bezeichnet. Ambulant tätige Ärzte arbeiteten in der Regel in Einzelpraxen und seien abgeschnitten vom Wissenstransfer über Kliniken. Krankenhausärzte wiederum würden häufig die typischen Probleme der Nachbehandlung von Patienten im ambulanten Sektor nicht kennen.
In diesem Zusammenhang regten die Sachverständigen an, den Fortbildungsstand von Ärztinnen und Ärzten regelmäßig zu überprüfen („Rezertifizierung der Facharztanerkennung nach angelsächsischem Vorbild“). Die verstärkten Bemühungen der Ärzteschaft zur Steigerung der Qualität und Relevanz der ärztlichen Fortbildung werden zwar begrüßt. Der Rat ist jedoch der Auffassung, dass noch manches verbessert werden könnte. Unter anderem müssten spezielle Angebote zu Prävention und geriatrischer Versorgung sowie zur Schulung der Gesprächskompetenz verstärkt werden. Die Ärztekammern sollten sowohl durch Anreize wie durch eine Nachweispflicht die Inanspruchnahme von Fortbildung erhöhen (dazu „Seite eins“ in diesem Heft).
Der Sachverständige Prof. Dr. med. Peter C. Scriba erklärte bei der Vorlage des Gutachtens, die Mehrheit der Ärzte bilde sich derzeit nicht fort. Es sei jedoch in erster Linie Sache der Ärzteschaft selbst, etwas dagegen zu unternehmen. Vor allem käme es darauf an, zu kontrollieren, ob Ärzte ihre Fortbildungspflicht einhielten. Lebenslange Prüfungen könnten nicht das Ziel sein. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt (SPD) schloss sich der Forderung nach einem „Ärzte-TÜV“ nicht an. Sie erklärte, über Verbesserungen der ärztlichen Aus-, Weiter- und Fortbildung werde derzeit mit den Beteiligten gesprochen.
Erstmals hat der Rat den Nutzern des Gesundheitssystems ein eigenes Kapitel gewidmet. Patienten und Versicherte sollten in Zukunft als „dritte Kraft“ eine eigenständige Position einnehmen. So sollte ihnen mehr Mitsprache in wichtigen Gremien eingeräumt werden, zum Beispiel im Bundes­aus­schuss der Ärzte und Krankenkassen.
Ausdrücklich begrüßt werden die Anstrengungen zur Qualitätsverbesserung der Versorgung. Viele Verfahren müssten jedoch auf Nutzen und unerwünschte Wirkungen hin untersucht werden; hier schlägt der Rat Gütekriterien vor. Darüber hinaus werben die Sachverständigen für einen verstärkten Einsatz des Konzepts der evidenzbasierten Medizin, vor allem im Bereich der Leitlinien. Die Ergebnisse von seriösen Qualitätssicherungen sollten veröffentlicht werden, zum Beispiel in Form obligatorischer, standardisierter Leistungsberichte. Sabine Rieser


Der Vorsitzende des Sachverständigenrates übergibt das jüngste Gutachten an Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt. Sie ist sich sicher, „dass mit der Gesundheitsreform 2000 die gesetzliche Weichenstellung in die richtige Richtung erfolgt ist“.


*Die Gutachter haben „Bedarfsgerechtigkeit und Wirtschaftlichkeit des Gesundheitswesens in Deutschland“ untersucht (Kurzfassung: www.svr-gesundheit.de). Band III zu Über-, Unter- und Fehlversorgung erscheint im Sommer.
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