ArchivDeutsches Ärzteblatt5/1996Methadonsubstitution in Düsseldorf: Todesfälle werfen Fragen auf

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Methadonsubstitution in Düsseldorf: Todesfälle werfen Fragen auf

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS Bei der Behandlung rauschgiftabhängiger Patienten mit Methadon sollen niedergelassene Ärzte in Düsseldorf ihrer Sorgfaltspflicht nicht ausreichend nachgekommen sein. Diesen vom Gesundheitsamt erhobenen Vorwurf überprüft derzeit die Staatsanwaltschaft. Die substituierenden Ärzte weisen die Beschuldigungen des Gesundheitsamtes zurück. Einig ist man sich jedoch darin, daß die psychosoziale Betreuung der Patienten verbessert werden muß.


Zehn der 25 Düsseldorfer Drogentoten im vergangenen Jahr waren Patienten im Methadonprogramm. "In fünf Fällen sind jetzt auf Veranlassung des Gesundheitsamtes gerichtsmedizinische Gutachten zur Klärung der Todesursache angefordert worden", sagte Oberstaatsanwalt Jochen Ruhland gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Inzwischen gab die Staatsanwaltschaft bekannt, daß gegen fünf Ärzte in acht Fällen wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung ermittelt werde. Nähere Einzelheiten könnten allerdings erst in zwei bis drei Monaten entschieden werden, wenn die Gutachten erstellt seien.
Prof. Dr. Heiko Schneitler, Leiter des Düsseldorfer Gesundheitsamtes, hatte die Staatsanwaltschaft eingeschaltet, da ihm die Todesrate bei den Methadonsubstituierten in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt besonders hoch erschien. Im Betreuungsprogramm der Ärzte seien 218 Patienten gewesen. Das Verhältnis Todesfälle zu betreuten Patienten betrage also 1 : 24. Nach internationalen Standards gebe es im Zusammenhang mit Substitutionsprogrammen, so Schneitler, 0,9 Prozent Todesfälle. In Düsseldorf seien es etwa vier Prozent gewesen. Der Leiter des Gesundheitsamtes hält es für möglich, daß die vorgeschriebenen Urinproben nicht immer unter Aufsicht vorgenommen worden seien, so daß möglicherweise ein Beikonsum anderer Drogen nicht kontrolliert werden konnte.
Ruth Bahners, Pressesprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nordrhein, betonte, daß die Vorwürfe von der KV ernst genommen werden. Die praktische Ärztin Anne Eiting, die 20 Methadonpatienten betreut, verwahrte sich vor Journalisten gegen die Beschuldigungen des Gesundheitsamtes. Voraussetzung für die Teilnahme am Methadonprogramm sei, daß die Fixer zusätzlich an einer weiteren Erkrankung leiden. Diese Regelung werde nirgendwo so eng ausgelegt wie in Düsseldorf, "das heißt, die meisten Menschen, die hier substituiert werden, sind nicht lediglich leicht erkrankt, sondern schwerstkrank oder sterbend". Ein statistischer Vergleich mit anderen Städten sei deshalb unmöglich.


Festlegung strenger Kriterien
Urinkontrollen bei den Patienten seien "unangekündigt, in den vorgeschriebenen unregelmäßigen Abständen und in angemessener Häufigkeit" vorgenommen worden. Die Ärztin stellte fest, daß im Verdachtsfall die Urinproben unter Aufsicht eines Arztes oder einer dazu berechtigten Hilfsperson genommen worden seien. Sie räumte jedoch ein, daß ständige Untersuchungen auf Einstichstellen, eine weitere Kontrollmöglichkeit, das sowieso eher schwache Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und betroffenem Patient zerstören. Wer als Methadon-Patient allerdings weiter Drogen nehme und entdeckt werde, müsse nach drei- bis viermaliger Verwarnung aus dem Programm ausscheiden.
Der nordrhein-westfälische Ge­sund­heits­mi­nis­ter, Dr. Axel Horstmann (SPD), appellierte an die Ärzte, die strengen Kriterien zur Verordnung von Methadon an Drogenabhängige strikt einzuhalten. Er meinte, daß es bei sachgemäßer Behandlung und bei einer guten psychosozialen Betreuung der Patienten keine Hinweise auf eine Häufung von Todesfällen geben dürfe.


Psychosoziale Betreuung: Defizite
Doch gerade in der unzureichende psychosozialen Betreuung scheint wohl das größte Defizit bei der Methadonsubstitution zu bestehen. Nach Schneitlers Auffassung sind in Düsseldorf zu wenige Ärzte für zu viele Methadonpatienten zuständig. Diese Ansicht vertritt auch der stellvertretende Leiter der Düsseldorfer Drogenberatungsstelle, Jochen Alxnat. Von rund 800 niedergelassenen Ärzten in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt seien nur zwölf bereit zu substituieren. Diese dürften aufgrund einer Sonderregelung mehr als zehn Methadonpatienten behandeln. Deshalb könnten die Patienten, "die gerade am Wochenende oft in ein tiefes Loch fallen", von den Ärzten nicht angemessen aufgefangen werden.
Anne Eitler, die nach eigenen Angaben auch für andere substituierende Ärzte sprach, betonte, daß die psychosoziale Betreuung zunächst Aufgabe von kompetenten Institutionen sei. Deshalb seien die Patienten an die von der Stadt finanzierten Drogenberatungsstellen weitervermittelt worden. Geldsorgen der Stadt Düsseldorf hätten jedoch dazu geführt, daß fast alle Stellen, die diese Betreuung übernahmen, ihre Arbeit mangels finanzieller Mittel schon lange eingeschränkt hätten. Eineinhalb Planstellen seien der Drogenberatungsstelle gestrichen worden, berichtet auch Alxnat. "Seitdem wird die psychosoziale Betreuung so weit wie möglich von den substituierenden Ärzten und Ärztinnen in Düsseldorf selbst geleistet, zusätzlich zu aller anderen Arbeit und größtenteils unentgeltlich", sagt Anne Eitler. Gisela Klinkhammer

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