ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2001Kinder- und Jugendärzte: Nachwuchsmangel

POLITIK

Kinder- und Jugendärzte: Nachwuchsmangel

Dtsch Arztebl 2001; 98(13): A-814 / B-690 / C-657

Richter, Eva A.

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LNSLNS In den kommenden Jahren wird es an Kinder- und Jugendärzten mangeln, wenn nicht die Weiterbildung in diesem Fachgebiet gefördert wird, warnt der Berufsverband.

Derzeit scheint noch alles im Lot zu sein. Die 460 Ärzte, die jährlich ihre Facharztprüfung im Bereich der Pädiatrie ablegen, decken mühelos den Bedarf an Kinder- und Jugendärzten in Klinik, Praxis und öffentlichem Dienst. Doch: „Schon in wenigen Jahren droht bei den Pädiatern derselbe Mangel wie bei den Pädagogen“, warnte der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e.V., Dr. med. Klaus Gritz, beim 4. Forum für Gesundheits- und Sozialpolitik des Verbandes Mitte März in Berlin.
Die jungen Ärzte haben nicht etwa das Interesse an diesem Berufszweig verloren. Im Gegenteil, er ist für sie nach wie vor sehr attraktiv. Ursache ist der Mangel an Weiterbildungsstellen. Als Gründe nennt Gritz eine zunehmende Behandlung von Kindern in „Erwachsenenkrankenhäusern“, den Abbau von Kinderabteilungen sowie die fehlende Förderung von Weiterbildungsstellen bei niedergelassenen Kinderärzten. Nach Berechnungen des Berufsverbandes wird sich dadurch vom Jahr 2003 an die Zahl der Nachwuchspädiater halbieren. Parallel werden immer mehr Kinderärzte aus Altersgründen aus dem Beruf aussteigen. „Dann dürfte rasch die flächendeckende Versorgung von Kindern durch niedergelassene Pädiater zusammenbrechen“, prophezeite Gritz.
Besonders werde sich die Situation in den östlichen Bundesländern zuspitzen. Dort ist in den letzten Jahren die Zahl der Kinderbetten (und damit auch die Zahl der klinischen Kinderärzte) radikal reduziert worden. Beispiel Sachsen: Hier scheiden bis 2005 etwa 190 Kinderärzte aus Altersgründen aus. Bis zu diesem Zeitpunkt werden aber nur 68 Ärzte die Anerkennung als Pädiater erhalten. Somit werden also allein in Sachsen über 120 Kinderärzte fehlen – ein Mangel, der weder durch Zuzug aus anderen Gebieten noch durch die sinkende Geburtenrate ausgeglichen wird.
„Kinderkliniken dürfen nicht weiter verkleinert oder gar geschlossen werden“, fordert Gritz. „Wenn alle Kinder, die stationär behandelt werden, auf Kinderstationen liegen würden, hätten wir keinen Nachwuchsmangel“, glaubt auch Dr. med. Gunhild Kilian-Kornell, niedergelassene Kinderärztin und Sprecherin des Berufsverbandes. Bereits 1997 hatte die Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz festgestellt, dass 40 bis 50 Prozent der Kinder auf den Erwachsenenstationen betreut werden. „Das sollte eingeschränkt und mittelfristig weitgehend unmöglich gemacht werden“, fordert Gritz. Notfalls müsse dies auch gesetzlich vorgeschrieben werden. „Kinder sind keine kleinen Erwachsenen, und es gibt Beispiele katastrophaler Fehlbehandlung durch pädiatrisch ungeschultes Personal“, betonte der Kinderarzt.
Darüber, dass die flächendeckende Versorgung der Kinder durch Pädiater erhalten bleiben muss, waren sich die Vertreter von Politik, Krankenkassen und Ärzteschaft auf dem Forum einig. Konkrete Zusagen gab es in Berlin allerdings nicht. Der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses des Deutschen Bundestages, Klaus Kirschner, sagte jedoch, es werde darüber nachgedacht, die Weiterbildung der Kinder- und Jugendärzte finanziell zu unterstützen. Denkbar wäre eine Förderung analog zu den Allgemeinmedizinern. Diese erhalten monatlich bis zu 4 000 DM, wenn sie eine Weiterbildungsstelle in ihrer Praxis besetzen. Gritz betonte, dass 500 kinderärztliche Praxen bereit wären, einen jungen Pädiater weiterzubilden, wenn sie eine ähnliche Förderung erhielten. „Wenn endlich Chancengleichheit hergestellt würde, könnte unser Berufsstand selber die Nachwuchslücke weitgehend schließen.“ Dr. med. Eva A. Richter



Pädiater werden knapp – bereits im ersten Halbjahr 2000 stiegen die Stellenangebote für Kinderärzte um 50 Prozent.
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