ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2001Sechs Freunde im Schnee – Oder: Nichts ist unmöglich

POLITIK: Die Glosse

Sechs Freunde im Schnee – Oder: Nichts ist unmöglich

Dtsch Arztebl 2001; 98(13): A-818 / B-678 / C-634

Kloiber, Otmar

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LNSLNS Dort, wo die immer braun gebrannten, sportlichen und stets jugendlichen „beautiful people“ und die „Wir-haben-es-geschafft-Gesellschaft“ ihrem Wintersportvergnügen entgegenfährt, werden diese Menschen, deren Dynamik ja eigentlich nicht zu bremsen ist, in Schlangen gepfercht, um dann den Berg hinaufgezogen zu werden, von wo sie auf Skiern oder Snowboards wieder herunterrutschen können. Dort, wo also die Leistungsträger der Gesellschaft selbst den Berg hinaufgezogen werden, müssen sie hin und wieder warten, was der Laune dann manchmal abträglich ist. So stehe ich mitten in dieser von Erfolg oder Schönheit oder der Einbildung des einen oder anderen geprägten Gesellschaft und warte auf die Seilbahnkabine, die mich auf den Gletscher bringen soll.
Der hochmoderne „Gletscherbus“ fasst acht Personen. Ich zähle nur sechs, die schon Platz genommen haben, und so springe ich noch rasch in die Kabine der ständig fahrenden Umlaufseilbahn.
Nun gibt es eine Form der nonverbalen Kommunikation, die wir Deutschen beherrschen wie niemand sonst. In die Kabine getreten, schlägt mir ein unverkennbarer „Hier nicht“-Blick entgegen. Nur Deutsche können dies ohne Worte mit wenigen Bewegungen der eigentlich phylogenetisch verkümmerten Gesichtsmuskulatur so klar zum Ausdruck bringen. (Gut, ich gebe zu, von den sechs Anwesenden könnte der eine oder andere mit seinen Blicken auch „gefragt“ haben: „Was will der denn hier?“)
Aber auch ich bin deutsch. Mit bestimmter Miene lasse ich erkennen, dass ich gerne auf der Vierer-Bank der Bergseite sitzen möchte. Kurzes Grunzen, aber dann rücken Mann, Frau, Mann auf und lassen mich gnädigerweise noch mit auf den Vierer-Sitz. Die Kabine beschleunigt, wird mit sanftem Schwung auf das Seil gefahren, und schon erheben wir uns über das wunderbare fast völlig mit Schnee bedeckte Tuxertal. Der Ausblick wird mit jedem Meter, den sich die Gondel erhebt, grandioser. Die Sicht ist klar, und der Wald an den Berghängen sieht aus wie mit Puderzucker bestreut. Das denkt sich wohl auch der Mann neben mir, der, den anderen mitteilend, dass er das jetzt mal aufnehmen möchte, seine winzige Digitalvideokamera aus der Tasche seines Skianzuges holt und einschaltet.
Der Mann links-außen auf meiner Seite, Mitte fünfzig, kennt das Panorama offenbar schon. Er spricht quer durch die Kabine eine mir gegenübersitzende, etwas schüchtern daherblickende, mindestens 10 bis 15 Jahre jüngere Frau an: „Erika, du kennst dich doch sicher mit privaten Kran­ken­ver­siche­rungen aus!?“ Erika reagiert etwas verlegen. „Ich arbeite ja für die AOK.“ Ich vermute, dass sie eine SOFA ist, eine Sozialversicherungsfachangestellte. Sie erläutert, dass sie sich besser mit der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung auskennt. „Naja, ist doch egal, ich bin doch auch bei der AOK versichert.“ „Ja“, sagt Erika, „als freiwillig Versicherter.“ „Is’ ja egal!“ sagt mein Links-außen und fährt fort: „Wie kann sich denn der Günter möglichst preiswert versichern? Können wir das nicht auch bei der AOK machen? Dass unser Betrieb im Ausland ist, macht ja offenbar nix aus!“ Die SOFA blickt zu mir hinüber. Ihre Gesichtsfarbe nähert sich der des Schnees. „Der arbeitet doch schon lange für dich, der muss doch als dein Angestellter krankenversichert sein.“ „Nee, so macht man das doch nicht, der ist doch selbstständig – ,Freier Mitarbeiter‘ heißt das. Also, was kostet das denn, wenn ich den in die AOK tue?“ Der Ton des Herrn links-außen wandelt sich vom Neugierigen zum Patriarchalischen. Erika nestelt an ihren Skihandschuhen herum und erklärt: „Der Beitrag hängt doch von seinem Einkommen ab. Wenn er wenig Einkommen hat, zahlt er wenig, wenn er viel hat, muss er mehr bezahlen.“ „Na, ist doch gut.“ Links-außen: „Ich kann ihm ja jedes beliebige Einkommen für die AOK bescheinigen.“ „Muß das sein?“ Nun meldet sich die Frau auf meiner Seite zu Wort und schubst den Mann direkt neben mir an. „Mach doch wenigstens die Kamera aus, du kannst doch so was nicht aufnehmen, da kommt doch der ganze Ton mit drauf.“ Der Mann hält seine Kamera weiter auf das nun weit einsehbare Tuxertal. Offenbar blicke ich so dämlich in die Gegend, dass man meine Zeugenschaft für vergleichsweise unbedenklich hält. Aber Erikas Gesichtsfarbe hat den Schnee mittlerweile eingeholt.
Erika antwortet dann doch: „Ich denke, Günter ist selbstständig, dann kannst du doch keine Einkommensbescheinigung für ihn ausstellen.“ Links-außen wird ungeduldig, „Is’ doch Quatsch, der arbeitet doch nur für mich.“ „Na ja“, gibt Erika zu bedenken, „im nächsten Jahr muss er dann ohnehin eine Einkommensteuererklärung vorlegen. Aber du hast bisher nie eine Kran­ken­ver­siche­rung für ihn bezahlt?“ Erika wirkt schon fast provozierend. „So kann man das nicht sagen.“ Links-außen lässt sich nichts vorwerfen: „Ein Drittel zahl’ ich Günter schon!“ „Wieso ein Drittel?“ fragt Erika ungläubig zurück. „Na also: Ein Drittel zahle ich, ein Drittel bekommt Günter von dem Gesellen in Deutschland, dem er seinen Meistertitel geliehen hat – du weißt schon, sonst kann der Geselle alleine ja keinen Betrieb aufmachen –, und ein Drittel muss Günter selbst zahlen.“ Es hat etwas Väterliches, wie Links-außen sich so um Günter sorgt. „Ja, aber dann ist Günter doch versorgt.“ Erika versteht die Welt nicht mehr. „Nee, der Günter hat bisher lieber das Geld eingesteckt. Is’ ja auch ne ganze menge Knete, die man dann spart. Und ist ja auch alles gut gegangen, bisher. Aber jetzt müssen wir da endlich mal was machen.“ „Wie alt ist denn der Günter eigentlich?“ „52.“ „Oh“, meint die SOFA kundig: „Dann wird das bei der AOK doch deutlich billiger sein als in einer Privaten.“ Dr. med. Otmar Kloiber
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