ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2001Piercing: Gefährlicher Körperschmuck

POLITIK: Medizinreport

Piercing: Gefährlicher Körperschmuck

Dtsch Arztebl 2001; 98(13): A-819 / B-679 / C-635

Meyer, Rüdiger

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LNSLNS Da Mitarbeiter von Piercing-Studios selten über medizinische Kenntnisse
verfügen, werden immer häufiger Infektionen und Nervenlähmungen
beobachtet. Dürfen Ärzte piercen, um derartige Komplikationen zu vermeiden?


Wer seine Dienste, wie ein Kollege aus Niedersachsen, in den Gelben Seiten unter „Piercing by the Doctor – Körperschmuck vom Fachmann“ anbietet, macht eine Antwort auf die Frage „dürfen Ärzte piercen?“ leicht. Der niedersächsische Mediziner verstößt gegen das Werbeverbot von Ärzten und wurde denn auch vom Ärztlichen Berufsgericht Niedersachsen jüngst mit einer Geldstrafe von 3 000 DM belegt. Auch eine Arzthelferin aus Hessen hatte wenig Glück mit ihrer Geschäftsidee. Nur dass hier die Begründung der Behörden nicht so einfach war. Das Piercen selbst wurde ihr nicht verboten, wohl aber die Lokalanästhesie mit Lidocain. Dazu ist sie als Arzthelferin nur unter der Aufsicht eines Arztes befugt.
Körperlicher Eingriff nur mit einem Gewerbeschein
Letzterem ist jedoch das Piercen verboten, da es eine „berufsunwürdige“ Tätigkeit ist. So sieht es jedenfalls Prof. Heyo Eckel, Präsident der Ärztekammer Niedersachsen, der auf einer Pressekonferenz in Hannover Ärzte davor warnte, sich auf dieses juristisch „schwierige Terrain“ zu begeben. Für Eckel steht Piercing im Widerspruch zum Berufsethos des Arztes, wie es etwa im Genfer Ärztegelöbnis niedergelegt ist. Eckel ist natürlich bewusst, dass, wenn Ärzte nicht piercen, es andere machen: In Hannover schossen – wie in den meisten Städten – in den letzten Jahren Piercing-Studios aus dem Boden.
Dass sie von Personen mit nur geringen medizinischen Kenntnissen betrieben werden, ist für Eckel eindeutig. Schließlich benötige man, um ein solches Studio zu betreiben, nur einen Gewerbeschein. Viele, welche den Dienst am Rande von Festivals oder in den Toiletten von Diskotheken anbieten, dürften noch nicht einmal einen solchen besitzen.
Auch nach der Ansicht der Rechtsabteilung der Bundes­ärzte­kammer ist Piercen keine ärztliche Tätigkeit. Doch was aus berufsrechtlicher Sicht verständlich ist, erschwert aus juristischer Warte die Kontrolle der Piercing-Studios. Wenn nämlich das Piercen als medizinische Tätigkeit eingestuft würde, müssten, so Dr. Karsten Scholz (Justiziar der Ärztekammer Hannover) die Piercer wenigstens eine Zulassung als Heilpraktiker erwerben. Nun legt das Heilpraktikergesetz aber nicht genau fest, was unter der „Ausübung einer Heilkunde“ zu verstehen ist, und ob das Piercen dazugehört, darf man von einem Gesetzestext aus dem Jahr 1939 nicht erwarten.
Die derzeitige Rechtsprechung sei unterschiedlich: Der Bundesgerichtshof sieht die Ausübung einer Heilkunde dann für gegeben, wenn bei den Behandelnden der Eindruck einer medizinischen Behandlung erweckt wird. Dies dürfte beim Piercen nicht der Fall sein. Dagegen sieht das Bundesverwaltungsgericht eine Erlaubnispflicht für Tätigkeiten vor, die ihrer Methode nach der ärztlichen Krankenbehandlung gleichkommen, ärztliche Fachkenntnisse voraussetzen sowie gesundheitliche Schäden verursachen könnten.
Alle drei Bedingungen wären nach Ansicht von Dr. Hans Rudolph vom Diakoniekrankenhaus Rotenburg/Wümme wohl erfüllt. Dem Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Plastische und Wiederherstellungschirurgie e.V. wäre es jedoch am liebsten, es würde überhaupt nicht gepierct, schon gar nicht von Ärzten. Rudolph, der Fallstudien medizinischer Komplikationen des Verfahrens gesammelt hat, weist seit fünf Jahren auf die Gefahren der unterschiedlichen Formen des Piercings hin – wie Branding (Brandzeichen), Stapling (Narbeninduktion durch Einbringen von Metallkrampen) und Stretching (Dehnung von Haut und subkutanem Fettgewebe). Der Bevölkerung weniger bekannt ist vermutlich der, so Rudolph, „endlos lange Komplikationskatalog“ von lokalisierten Infektionen, entzündlichen Granulomen, Nervenlähmungen und irreversiblen Narbenbildungen.
Dass hier ein rechtlicher Handlungsbedarf besteht, wurde bereits im Deutschen Ärzteblatt (Heft 5/2000) betont. Thomas Kistemann und Martin Exner vom Hygiene-Institut der Universität Bonn sehen das Piercing als „eindrucksvolles Beispiel für eine sich rasant ausbreitende, infektionsrelevante Innovation, für welche eine abgesicherte Risikoanalyse und daraus ableitbare gesetzliche Regelungen nicht bestehen. Aufgrund der hohen Dynamik infektionsepidemiologisch relevanter Prozesse seien rasche legislative Anpassungen vonnöten.“
Hygieneanforderungen wie beim ambulanten Operieren
Um wenigstens Standards für die Studios und piercenden Ärzte zu schaffen, hat sich der deutschsprachige Arbeitskreis für Krankenhaushygiene 1999 entschlossen, eine Empfehlung über „Anforderungen der Hygiene beim Tätowieren und Piercen“ herauszugeben und ins Internet zu stellen (www. hygiene-klinik-praxis.de sowie auf den AWMF-Seiten). Die dort gestellten Hygieneanforderungen sind streng. Das Piercen müsse quasi unter den Bedingungen des ambulanten Operierens durchgeführt werden, sagte Rudolph.
Im Vorfeld habe es lange Diskussionen darüber gegeben, ob man die Richtlinien veröffentlichen soll, da sie dazu beitragen könnten, dem Piercing zu einer medizinischen Legalität zu verhelfen. In Ermangelung von Gesetzen könnten Richter dieses Dokument zur Grundlage ihrer Entscheidungen machen. Den Ausschlag für eine Publikation gab schließlich, dass es gelte, die Kunden vor den „häufigsten und gefährlichsten Komplikationen“ zu bewahren. Am gefährlichsten wären Infektionen mit Hepatitis-Erregern oder HIV. Wie häufig diese auftreten, könne niemand sagen, meinte Rudolph in Hannover.
Epidemiologische Untersuchungen zu dieser Frage sind in der Tat selten. Eine Ausnahme bildet eine Fall-Kontroll-Studie von Ann Silverman von der Wayne State Universität in Detroit (Am J Gastroenterol 2000; 95: 1312–
15), die allerdings nicht an gepiercten, sondern an tätowierten Patienten einer vorstädtischen Notfallambulanz durchgeführt wurde. Silverman konnte kein erhöhtes Risiko auf eine chronische Hepatitis zeigen. Diejenigen Patienten mit einer Infektion wiesen zudem andere etablierte Risikofaktoren wie i.v. Drogenkonsum auf.
Offenbar lassen sich systemische Infektionen vermeiden, wenn die Studios die Hygienerichtlinien beachten. In vielen deutschen Städten stehen die Studios zudem unter der Kontrolle der Gesundheitsämter. In Hannover etwa wird bei der Eröffnung eines Studios überprüft, ob sterile Instrumente und Desinfektionsmittel verwendet werden. Danach erfolgen jedoch keine Kontrollen mehr.
Die Gesundheitsämter überprüfen die Sauberkeit, aber nicht die Qualität der Piercer. Sie können deshalb auch nicht verhindern, dass medizinische Komplikationen auftreten. Lokale Infektionen sind keinesfalls selten, wie eine Studie der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie am Zentralkrankenhaus St.-Jürgen-Straße in Bremen ergeben hat (Mund Kiefer Gesichtschir 2000; 4: 21–4). Die Klinik hatte alle Zahnärzte und Kieferchirurgen der Region angeschrieben und aufgefordert, bei ihren Patienten auf Piercings im Kopf- und Halsbereich zu achten.
Die Rückmeldung war gut. Bei 273 Patienten wurden 699 Piercings gesichtet. Davon hatten 47 Personen lokale Komplikationen, die von vorübergehenden Infektionen oder einer Keloidbildung bis hin zu Knorpelnekrosen und Nervenschädigungen reichten. Neun Personen mussten stationär behandelt werden, 14 erlitten bleibende Schäden.
Auf eine weitere Zahl weisen Benedikt Folz und Mitarbeiter der Universität Marburg in einer Literaturübersicht (Ann Plast Surg 2000; 45: 374–381) hin. Danach scheint das Ohrpiercing besonders komplikationsträchtig. Es soll in bis zu 35 Prozent der Fälle zu lokalisierten Infektionen kommen, übrigens unabhängig davon, ob Ohrläppchen oder Ohrknorpel durchstochen werden. Allerdings lassen Infektionen im Knorpel sich weitaus schlechter behandeln, und in einem Fall war an der Klinik ein operativer Neuaufbau der Ohrmuschel erforderlich.
Als besonders gefährlich wird die Pistolentechnik angesehen, da dabei Scherkräfte im Bereich des Epichondriums auftreten. Wegen der Ernährungsfunktion dieses Gewebes kann dies leicht eine Nekrose des Knorpels zur Folge habe. „Professionelle Piercer“ geben häufig an, dass es bei Verwendung von Venenkanülen keine Infektionen gebe; Folz betont hingegen, dass Infektionen auch nach der Ohrakupunktur aufträten. Neben dem Ohrknorpel sind Nasen, Augenbraue, Zunge, Lippe und Bauchnabel beliebte Ziele. Dabei erweist sich der Bauchnabel immer wieder als vermeintlich harmloser Ort. Die Haut ist hier jedoch starken Dehnungen ausgesetzt, und die Scherkräfte des Hosenbündchens tragen mit dazu bei, dass lokale Infektionen hier besonders häufig sein sollen.
Komplikationen nach Durchstechen der Harnröhre
Heftig umstritten sind Piercings durch Brustwarze, Penis und Klitoris. Während Rudolph in Hannover Fotos mit eitrigem Ausfluss aus der Mamille zeigte und bezweifelte, dass eine Frau mit oder nach einem Piercing in dieser Stelle ein Kind stillen kann, behauptet Henry Ferguson im British Medical Journal (BMJ 1999; 319: 1627–29), er habe noch niemals von einer Frau mit gepiercten Brustwarzen gehört, die Probleme beim Stillen gehabt habe. Auch Potenzstörungen nach Penis- oder Klitorispiercing seien ihm noch nicht berichtet worden. Lediglich nach dem Durchstechen der Harnröhre könnten Komplikationen auftreten.
Ferguson gilt als Fachmann auf diesem Gebiet. Er ist Herausgeber von „Body Art“, einem Fachjournal für „Körperschmuck“, was nicht bedeuten muss, dass er auf diesem Gebiet unvoreingenommen urteilt. Interessanterweise versucht Ferguson nicht, die derzeitige Piercingmode in einen größeren kulturellen Kontext zu stellen. Es gebe möglicherweise Eingeborenenstämme in Borneo, welche sich die Glans penis durchstechen, und im Kamasutra werde wohl an einer Stelle Penisschmuck erwähnt. Doch mit den jetzigen Piercings habe dies nichts zu tun. Diese seien ein gegenwärtiges Phänomen der westlichen Welt. Rüdiger Meyer


Eitrige Infektion der Mamille nach Piercing

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