ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2001Pränatale Diagnostik: Keine Pränataldiagnostik ohne umfassende Beratung

THEMEN DER ZEIT

Pränatale Diagnostik: Keine Pränataldiagnostik ohne umfassende Beratung

Dtsch Arztebl 2001; 98(13): A-825 / B-684 / C-640

Dewald, Axel; Cierpka, Manfred

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Erste Ergebnisse eines Modellprojekts über „Neue Wege zur Kooperation in der psychosozialen und medizinischen Versorgung“


Die Medizin entwickelte sich im 20. Jahrhundert zu einer vorwiegend naturwissenschaftlichen Disziplin. Auch der Beginn eines neuen Lebens profitiert vom wissenschaftlichen Fortschritt. Das Risiko für Mutter und Kind ist zurzeit während der Schwangerschaft und bei der Geburt des Babys so gering wie noch nie. In den Mutterschaftsrichtlinien ist das Paket der Krankheitsfrüherkennung und der Pränataldiagnostik festgeschrieben, die werdende Mutter darf die bestmögliche ärztliche Betreuung und ein Höchstmaß an Kontrolle durch technische Überwachung erwarten. In der Regel profitieren die Schwangeren von diesen Fortschritten in der Medizin.
Ethisches Dilemma
Die zunehmende Technisierung hat auch ihre Schattenseiten. Schwangere können sehr früh im Verlauf ihrer Schwangerschaft erfahren, wie es um die Gesundheit ihres Kindes im Mutterleib steht. Das Schwangerschaftserleben, das unmittelbar Einfluss auf die Beziehung der Mutter zu ihrem ungeborenen Kind nimmt, wird durch medizinische Befunde beeinflusst. Dieses Wissen kann Anlass für Überlegungen zu einem Schwangerschaftsabbruch sein und zu schweren seelischen und sozialen Konflikten führen. Der medizinische Fortschritt kann auf diese Weise ein ethisches Dilemma verschärfen und von der werdenden Mutter und ihrem Partner eine hohe, manchmal zu hohe, Entscheidungskompetenz fordern.
Mit dieser Problematik befasst sich das Modellprojekt „Entwicklung von Beratungskriterien für die Beratung Schwangerer bei zu erwartender Behinderung des Kindes“, das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wird. Mit dem Projekt wurden vier psychosoziale Schwangerschaftsberatungsstellen beauftragt; die Evaluation und Kooperation des Projekts liegt bei der Abteilung für Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie des Universitätsklinikums Heidelberg. Nach inzwischen etwas mehr als zweijähriger Laufzeit liegen die ersten Ergebnisse vor, zu denen auch ein Bericht in der Materialiensammlung des Bundesfamilienministeriums erschienen ist.
Hintergrund des Projekts ist der Rechtsanspruch auf Beratung in allen eine Schwangerschaft betreffenden Fragen. Dazu sind psychosoziale Beratungsstellen vorgesehen, die es flächendeckend in ganz Deutschland gibt. Bislang ist das Angebot allerdings noch wenig bekannt – und das, obwohl es in der Praxis genügend Fälle gibt, in denen es nicht ausreicht, die Betroffenen über die medizinischen Befunde und mögliche Therapiemaßnahmen aufzuklären, um sie in die Lage zu versetzen, eine tragfähige Entscheidung zu treffen. Sämtliche Untersuchungen in diesem Bereich verdeutlichen, dass es für Frauen in dieser Situation am hilfreichsten ist, genügend Zeit und Raum zu erhalten, um über ihre Ängste und Befürchtungen zu sprechen. Das ist nur in einer psychosozialen Beratung gegeben. Damit sind bereits die beiden wichtigsten Aufgaben des Modellprojekts angesprochen. Sie sollen die Beratungskonzeption weiterentwickeln und bekannt machen sowie die interdisziplinäre Kooperation verbessern.
Gerade die interdisziplinäre Zusammenarbeit hat sich in der Praxis als besonders schwierig erwiesen. Die Grenzen zwischen den verschiedenen Berufsgruppen sind undurchlässig, und die Bereitschaft zur konkreten Zusammenarbeit ist gering. Die zentrale Rolle spielen dabei die Ärzte und Ärztinnen, die in der Regel die erste Anlaufstelle für betroffene Frauen und Paare sind. Aber auch Hebammen, Zentren für Pränataldiagnostik und Humangenetik, Frühförderstellen, Selbsthilfegruppen und Behinderteneinrichtungen kommt je nach Einzelfall eine mehr oder weniger wichtige Bedeutung zu.
Bei der Suche nach möglichen Gründen für die größtenteils geringe Bereitschaft der Ärzte, auf das Beratungsangebot hinzuweisen oder die Möglichkeit zur eigenen Entlastung durch eine konkrete, fallbezogene Zusammenarbeit in Anspruch zu nehmen, zeigte sich, wie eng der Aufgabenkomplex „Kooperation“ mit der Aufgabe „Weiterentwicklung der Beratungskonzeption“ zusammenhängt. Es stellte sich heraus, dass in der Öffentlichkeit und auch bei der Ärzteschaft viel zu wenig bekannt ist, was im Rahmen einer psychosozialen Beratung passiert, mit welchen Fragestellungen man sich an solche Institutionen wenden kann und wie die dort erhältliche Unterstützung und Hilfe konkret aussieht.
Psychosoziale Beratung versteht sich als ein Hilfsangebot, das auf einer spezifischen Methodik basiert, die sich aus psychologischen, psychotherapeutischen und sozialpädagogischen Aspekten zusammensetzt. Sie soll Menschen darin unterstützen, eine konflikthafte, bisweilen auch als Dilemma anmutende Situation für sich zu klären, mögliche Bedeutungen und Konsequenzen zu erfassen und zu bewerten, um zu einer tragfähigen Entscheidung zu gelangen. Dies geschieht einerseits durch die Vermittlung spezifischer Informationen und Hilfemöglichkeiten, andererseits durch den Aufbau einer vertrauensvollen, partnerschaftlichen Beziehung zwischen Beraterinnen und Ratsuchenden.
Das Spezielle an der Beratungskonzeption, wie sie im Rahmen des Modellprojekts weiterentwickelt wurde, ist: Sie greift Unterscheidungen auf, die sich in der Praxis als relevant herausgestellt haben. Danach sind verschiedene Anlässe zu unterscheiden, aufgrund derer Frauen und Paare zur Beratung kommen, und die ein unterschiedliches beraterisches Handeln bedingen:
- vor Beginn der Pränataldiagnostik;
- während der Diagnostik, das heißt zwischen den verschiedenen Untersuchungen oder während der Wartezeit auf ein Untersuchungsergebnis;
- nach einem auffälligen Untersuchungsbefund;
- nach der Geburt eines behinderten Kindes;
- nach einem Schwangerschaftsabbruch.
Häufig stößt die Forderung, bereits vor einer pränataldiagnostischen Maßnahme eine psychosoziale Beratung mit einzubeziehen, auf Kritik. Ein wichtiger Grund dafür ist vermutlich die Befürchtung, dass als Folge einer solchen Beratung die Ultraschalluntersuchungen abgelehnt werden und die Abrechnung der in den Mutterschaftsrichtlinien vorgeschriebenen Vorsorgeuntersuchungen erschwert oder gar unmöglich gemacht wird. Auch haftungsrechtliche Konsequenzen für den Arzt sind ein Grund für Bedenken. Die Schwangerenvorsorge von einem Standardpaket in ein individuell auszuhandelndes Angebot von Einzelleistungen umzuwandeln wäre eine gute Voraussetzung dafür, um die Zusammenarbeit des medizinischen und psychosozialen Bereichs zu verbessern.
Hohes Maß an Entscheidungskompetenz
Jede Frau erlebt während ihrer Schwangerschaft Zweifel, Sorgen und Ängste. Die pränataldiagnostischen Untersuchungen sind häufig dadurch motiviert, diese Zweifel zu zerstreuen oder eine Bestätigung für die Gesundheit des Kindes zu erhalten. In dieser Situation „Nein“ zur medizinischen Diagnostik zu sagen verlangt viel Selbstbewusstsein oder ein hohes Maß an Informiertheit über die Konsequenzen, die mit solchen medizinischen Maßnahmen ausgelöst werden. Es gibt keine Möglichkeit zur Selbstbestimmung für Frauen dann, wenn pränataldiagnostische Untersuchungen ohne ausführliche Aufklärung vorgenommen werden, was entgegen den Richtlinien der Bundes­ärzte­kammer (1999) immer noch vorkommt.
Kernpunkt der Situation ist also, dass sich Frauen und Paare entscheiden müssen, ob sie die angebotene Untersuchung in Anspruch nehmen wollen, ob sie ihren Wissensstand über die Gesundheit ihres Kindes erweitern wollen oder sich dafür entscheiden, die Ungewiss-
heit in Kauf zu nehmen und das Kind so zu akzeptieren, wie es auf die Welt kommt. Die Beantwortung dieser Frage setzt ein hohes Maß an Entscheidungskompetenz voraus. Bereits zu diesem Zeitpunkt ist es unabdingbar, sich mit der Frage auseinander zu setzen, wie man handelt, wenn die erhoffte Bestätigung ausbleibt oder sich gar Anhaltspunkte dafür ergeben, dass das Kind krank oder behindert ist. Daran schließt sich die nächste Frage an, nämlich ob und wie man sich ein Leben mit einem behinderten Kind vorstellen kann. Diese beiden letzten Fragen sind einerseits von so weitreichender Bedeutung und andererseits so weit von den bisher vorherrschenden Vorstellungen, Hoffnungen und Erwartungen der Schwangeren und ihrer Partner entfernt, dass eine Auseinandersetzung nicht in einer halben Stunde oder einer Stunde geleistet werden kann. Nicht ignoriert werden darf dabei, dass durch Information und Aufklärung auch ungerechtfertigte oder übertriebene Konflikte und Befürchtungen aufseiten der Eltern ausgelöst werden können. Eine erfolgreiche Bewältigung der somit entstehenden Gratwanderung setzt aufseiten der psychosozialen Berater und Beraterinnen ein hohes Maß an Erfahrung und Kompetenz, aufseiten der Ratsuchenden ein ausreichendes Maß an Vertrauen und Mitsprachemöglichkeit voraus.
Ein besseres Beratungsangebot verlangt also eine engere Kooperation zwischen dem psychosozialen und dem medizinischen Bereich. Dazu ist notwendig, dass sich beide Berufsgruppen mehr über ihre jeweiligen Tätigkeits-bereiche informieren und auch zu Formen von fallbezogener Zusammenarbeit finden.

Dipl.-Psych. Axel Dewald
Prof. Dr. med. Manfred Cierpka
Universitätsklinikum Heidelberg
Abteilung für Psychosomatische Kooperationsforschung und Familientherapie
Bergheimer Straße 54
69115 Heidelberg
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema