ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2001Psychiatrie-Reform: Ein Aspekt fehlt - Heime

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Psychiatrie-Reform: Ein Aspekt fehlt - Heime

Dtsch Arztebl 2001; 98(13): A-830 / B-705 / C-670

Dörner, Klaus

Zu dem Beitrag „Auf halbem Weg stecken geblieben“ von Petra Bühring in Heft 6/2001:
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LNSLNS Besonderen Dank für Ihren Psychiatriereform-Beitrag. Aus meiner hier ja umfassenden Erfahrung finde ich Ihre Leistung bewundernswert: fast alle Fakten-, jedoch alle Bewertungsaussagen stimmen, auch in ihrer Abgewogenheit. Das gelingt einem selten. Ein Aspekt fehlt, doch ist das Ihnen zuletzt anzulasten, denn er fehlt auch regelmäßig bei meinen psychiatrischen Kollegen: die Heime! Denn, wie Sie richtig schreiben, sind die meisten chronisch psychisch Kranken nicht integriert, sondern in weitab gelegene Heime ausgegrenzt, endgelagert worden, ja, das ungute System der Heime ist erst als (fragwürdige) Folge der Psychiatriereform entstanden . . .
Den Beweis, dass praktisch alle diese Menschen in einer eigenen Wohnung (mit eigener Arbeit) leben können, habe ich und unser Team des damaligen Landeskrankenhauses Gütersloh erbracht: nach 15-jähriger Deinstitutionalisierung lebten praktisch alle 435 Betroffene dieser Region von einer Million Einwohnern, 70 bis 80 Prozent mit nur ambulanter Betreuung, in einer eigenen Wohnung in ihrer Kommune, wie wir nachuntersucht haben (K. Dörner: Ende der Veranstaltung, Neumünster, Paranus 1998). Es gibt auch andere Beispiele, von einigen (vor allem skandinavischen) Ländern abgesehen, die auf diesem Weg zu einer wirklichen Zivilgesellschaft schon weiter sind. So kann man
diese massenhafte Vorenthaltung von Grundrechten inzwischen als den größten sozialpolitischen Skandal der BRD ansehen, was aber kaum jemanden kümmert, da man gewohnt ist, sich um Heim- und Anstaltsinsassen nicht mehr zu kümmern.
Inzwischen betreibe ich an der Gesundheitswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bielefeld (Leitung Prof. K. Hurrelmann) eine Forschungsarbeitsgemeinschaft „Menschen in Heimen“, gemeinsam mit einigen Gütersloher Deinstitutionalisierungs-Profis: a) zur sowohl theoretischen als auch politischen Aufarbeitung des Problems (mit einer Kampagne, der nächste Bundestag möge als logische Folge der Psychiatrie-Enquete eine Heim-Enquete auflegen) und b) zur praktischen Beratung und Begleitung von Heimträgern, die sich bereit finden, ihre Heime oder erst mal eines ihrer Heime aufzulösen beziehungsweise in ein ambulantes und kommunales Betreuungssystem weiter zu entwickeln. Erstaunlicher- und erfreulicherweise findet dies nun doch zunehmend Resonanz, sodass wir zunehmend entsprechende Aufträge bekommen . . .
Prof. Dr. Dr. Klaus Dörner, Nissenstraße 3, 20251 Hamburg
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