ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2001Psychiatrie-Reform: Wichtigstes Schlagwort - Patientenorientierung

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Psychiatrie-Reform: Wichtigstes Schlagwort - Patientenorientierung

Dtsch Arztebl 2001; 98(13): A-831 / B-688 / C-644

Wolfersdorf, Manfred

Zu dem Beitrag „Auf halbem Weg stecken geblieben“ von Petra Bühring in Heft 6/2001:
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LNSLNS Die „Psychiatrie-Enquete“ ist nicht auf halbem Wege stecken geblieben. Ziel der Psychiatrie-Enquete war die Verbesserung der damals katastrophalen stationären und ambulanten Behandlungssituation für psychisch Kranke. Dies wurde erreicht durch Verkleinerung der damaligen Großkrankenhäuser um über 50 Prozent, durch Sanierungs- und Neubaumaßnahmen, durch die Entwicklung von Länderprogrammen für psychisch Kranke und geistig Behinderte, durch Personalaufstockung und -qualifikation im therapeutisch-pflegerischen Bereich sowie durch Neueinrichtung von psychiatrischen Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern, wodurch wohnortnahe Versorgung (Gemeindenähe) und Nähe zur somatischen Medizin (Gleichstellung psychisch und körperlich Kranker) hergestellt werden sollten. Die klinische psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung wird derzeit durch circa 166 Fachkrankenhäuser für Psychiatrie und Psychotherapie und circa 160 Psychiatrische Abteilungen sichergestellt. Wer heute für die Auflösung der Fachkrankenhäuser – und damit für eine Zerstörung einer adäquaten Patientenversorgung – argumentiert, ist nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Die Bettengröße der Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern und von Fachkrankenhäusern überschneidet sich breit, sie hängt von regionalen Gegebenheiten ab. Ländliche Regionen bleiben ein Problem – in der Psychiatrie ebenso wie in der Medizin allgemein, weil spezialisierte Leistung schwer überall vorgehalten werden kann. Dieses Problem haben Abteilungen ebenso wie Fachkrankenhäuser. In vielen Ländern Deutschlands entsteht derzeit eine gute Mischung beider Versorgungsangebote, die im Wesentlichen von den Leitern der Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern ebenso wie von den Fachkrankenhäusern begrüßt wird. Hier wie überall hat sich eine differenzierte Aufgabenteilung entwickelt, wie sie in den somatischen Fächern längst üblich ist.
Die komplementäre Versorgungsstruktur lässt dagegen bis heute zu wünschen übrig. Bestes Beispiel sind die Sozial-
psychiatrischen Dienste, die komplementäre Betreuung sicherstellen sollen und angesichts der leeren kommunalen Kassen nie voll entwickelt wurden und immer mehr beschnitten werden. Für die meisten Patienten der Psychiatrie mit akuten Erkrankungen stellt sich das Problem der chronisch Erkrankten glücklicherweise nicht. Hier und für diese wird eine differenzierte, kompetente und rasche Behandlung von Spezialisten gewünscht. Sie sind im heutigen System abgestufter Versorgung, in deren Mittelpunkt der Psychiater/Nervenarzt steht, gut bedient.
Die „Psychiatrie-Enquete“ hat viele ihrer Ziele erreicht. Die Aufgabe heute heißt Erhalt des Errungenen, Sicherung des Fortschrittes in der Patientenversorgung, weiterer Ausbau des ambulanten und insbesondere des komplementären Versorgungsbereiches, weitere innere Differenzierung psychiatrischer Fachkrankenhäuser mit hoch spezialisierten Angeboten. Das wichtigste Schlagwort heute heißt „Patientenorientierung“. Vor dem Hintergrund eines patientenorientierten Denkens kann auf die schon zum Erbrechen überflüssig gewordene Polemisierung „Abteilungen versus Fachkrankenhäuser“ beziehungsweise „Abschaffung der Fachkrankenhäuser“ getrost verzichtet werden.
Prof. Dr. med. Manfred Wolfersdorf, Bundesdirektorenkonferenz Psychiatrischer Krankenhäuser, Bezirkskrankenhaus Bayreuth, Nordring 2, 95445 Bayreuth

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