ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2001Psychiatrie-Reform: Benachteiligung seelisch Behinderter

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Psychiatrie-Reform: Benachteiligung seelisch Behinderter

Dtsch Arztebl 2001; 98(13): A-831 / B-688 / C-644

Nowack, N.

Zu dem Beitrag „Auf halbem Weg stecken geblieben“ von Petra Bühring in Heft 6/2001:
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LNSLNS Nach der Wende konnten in Ost-Deutschland viele desolate Psychiatrie-Bauten durch moderne Gebäude ersetzt werden, was auch in der Patienten-Meinung Verbesserungen bedeutete (zum Beispiel Salzwedel). Wenn man heute – zu Recht – mehr dezentrale Gemeindepsychiatrie anmahnt, darf man daher die baulichen, die existenziellen Nöte der Psychiatrie damals im Osten nicht vergessen. Aber hinweisen möchte ich auf weniger bekannte Missstände in der Versorgung chronisch psychisch Kranker (leistungsrechtlich: „seelisch Behinderter“), die nur durch politische Interessen verursacht sein dürften: In Sachsen-Anhalt werden von den Wohlfahrtsverbänden mehr Plätze für geistig als für seelisch Behinderte betrieben. Dies ist der Grund, warum in Sachsen-Anhalt der stationäre Betreuungs-Personal-Schlüssel für geistig Behinderte drei- bis viermal höher ist als der für seelisch Behinderte. Dabei wurde seit Jahren verschiedentlich auf diesen Missstand hingewiesen und darauf, dass dieses Missverhältnis fachlich unbegründet ist. Offensichtlich ist die politische Unterstützung seelisch Behinderter noch zu schwach. Immerhin billigte der sachsen-anhaltinische Kostenträger – trotz knapper Kassen – den seelisch Behinderten ab 2001 eine relative Verbesserung im Betreuungsschlüssel von 0,55 Prozent zu. Wahrscheinlich ist dies gut gemeint, doch gut gemeint wäre auch, wenn ein Tourist ein Lunchpaket gegen den Hunger in der Dritten Welt spenden würde. In Sachsen-Anhalt ist mehr fachliche Diskussion und Planung nötig. 0,55 Prozent sind ein Almosen, wenn der Betreuungsschlüssel für seelisch Behinderte mehr als verdreifacht werden müsste.
Prof. Dr. med. N. Nowack, Hochschule Magdeburg-Stendal, Am Dom 13, 39576 Stendal

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