ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2001Kneipp und Schroth: „Im Wasser ist Heil“

VARIA: Heilbäder und Kurorte

Kneipp und Schroth: „Im Wasser ist Heil“

Dtsch Arztebl 2001; 98(13): A-857 / B-729 / C-671

Gutmann-Heger, Anna-Maria

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LNSLNS Pfarrer Sebastian Kneipp erfuhr die Wirkung des Wassers am eigenen Leib und empfahl es als Heilmittel. Kaltwasserwickel und Diät waren das Rezept von Johann Schroth. Beide Naturheilverfahren erleben eine Renaissance.


Den Erkenntnissen von „Wasserdoktor“ Kneipp (1821 bis 1897), der seine Tuberkulose durch kurzes Eintauchen in die eiskalte Donau kurierte, verdanken wir eine seit rund 120 Jahren praktizierte Ganzheitstherapie. Sie wird von Ärzten als individuell dosierbare, sanfte Reizbehandlung mit dem Ziel eingesetzt, die Selbstheilungskräfte anzuregen. Sie eignet sich daher zur Vorbeugung und Behandlung chronischer Erkrankungen. Die Kneipp-Kur basiert auf „fünf Säulen“; die Hydrotherapie ist besonders bedeutsam.
Der Begründer der Kaltwasserkur, Vinzens Prießnitz (1799 bis 1851), Bauer und Schäfer, der Kranke in mit kaltem Wasser getränkte, ausgewrungene Tücher packte, bestärkte Pfarrer Kneipp vermutlich in seinem Glauben an die Heilkraft klaren Wassers, das Temperaturreize zehnmal besser überträgt als Luft. Doch war ihm bewusst, dass die Menschen seiner Generation durch den Aufenthalt in geheizten Räumen weniger abgehärtet waren als die Zeitgenossen von Prießnitz, und er entwickelte die kleine Hydrotherapie. Sie basiert darauf, dass nach Kaltreizen eine Hyperämie für die Wiederherstellung der Kernwärme des Körpers von 37 bis 38 °C sorgt. Dieser durch Selbstregulation erzielte Gleichgewichtszustand (Homöostase) kann bei Anpassungsschwierigkeiten zu Erkrankungen, zum Beispiel des Stoffwechsels, führen. Das vegetativ-hormonale Adaptionssystem zu stärken, vom „Wasserdoktor“ als Naturkraft interpretiert, ist das Hauptziel dieser Kur.
Die vier anderen Säulen:
- Bewegungstherapie – im Wechselspiel zwischen Belastung und Regeneration sollen Körperfunktionen harmonisiert, Herz und Kreislauf trainiert, geistige Leistungen gefördert werden.
- Ernährungstherapie – hochwertige Vollwertkost, die reich an Obst, Salat, Rohkost, aber arm an Kalorien ist, sorgt für Wohlbefinden und einen gesunden Stoffwechsel.
-Reduzierung des Medikamentenverbrauchs unterstützen.
- Ordnungstherapie – die Harmonie zwischen Körper, Geist und Seele soll hergestellt werden; der Verzicht auf Genussgifte und Reizüberflutung gegen Stress stählen.
In Bad Wörishofen wurde 1993 eine Studie (Leuchtgens et al.) an 363 Kurteilnehmern im Alter zwischen 21 und 81 Jahren durchgeführt. Eine Million Daten ergaben einen „Nachhall-Effekt“ von circa zwei bis drei Jahren, eine Verbesserung von Stresstoleranz, Schmerzempfinden bei Muskel-/Gelenkerkrankungen, funktionellen Durchblutungsstörungen und Schlafstörungen. Arbeitsunfähigkeitstage, Medikamentenverbrauch, Infekthäufigkeit und allergische Reaktionen gingen zurück.
Bad Lauterberg ist das älteste Kneipp-Heilbad in Norddeutschland (seit 1924). Die 14 000-Seelen-Stadt hat ein ausgeglichenes Mittelgebirgsklima, ist umgeben von Mischwald mit vielen Wanderwegen und verfügt über ein Reservoir an sauberem Wasser. Das Kneipp-Sanatorium von Plachy wird vorwiegend von älteren Kurteilnehmern frequentiert. Das staatlich konzessionierte 50-Betten-Haus ist beihilfefähig, verfügt über Vorsorge- und Rehabilitationsmaßnahmen und beherbergt sowohl gesetzlich Krankenversicherte als auch Selbstzahler. Die Kneippschen Wasserbehandlungen werden durch biologische
Verfahren wie Neuraltherapie, Magnetfeldbehandlung, Homöopathie, Ozon- und Sauerstoff-Mehrschritt-, Bioresonanztherapie Hydrocolon und entsprechende Diäten ergänzt.
„Von den 120 von Kneipp empfohlenen Variationen werden heute noch rund 40 angewandt, hauptsächlich Wechselfuß- und
-armbäder. Nicht indiziert seien, erklärt Dr. med. Uwe Hönck, einer der Leiter des Sanatoriums, „Schlaganfälle, akute Psychosen, Depressionen, schizophrene Phasen und Zustände, die einer Krankenhausbehandlung bedürfen“. Empfehlen kann er die Kneippsche Heilmethode auch nach einem Herzinfarkt und so oft „wie sich die gewünschten Reaktionen zeigen“.
„Eine Schrothkur fordert Disziplin“
Wie Kneipp kurierte sich auch der damals 18-jährige Fuhrmann Johann Schroth (1798 bis 1856) selbst, als ihn eines seiner Pferde durch Hufschlag am Knie verletzte. Mit Hilfe kalter Umschläge blieb ihm ein steifes Bein erspart. Als er 1850 das rechte Bein von Prinz Wilhelm von Württemberg vor der Amputation rettete, erhielt er die Erlaubnis, im ehemals schlesischen Nieder-Lindewiese (heute Dolni Lipova) eine eigene Naturheilstätte zu eröffnen, die bis 1945 rund 50 Kurhäuser umfasste. Seit etwa 17 Jahren ist Bad Lauterberg mit elf Schroth-Kurhotels der größte Anbieter im norddeutschen Raum. Die nach ihrem Pionier benannte Kur stützt sich auf drei Säulen:
- Packungen;
- Salz- und fettlose, eiweißarme Diät;
- Wechsel von Trink- und Trockentagen.
Ziel der Schroth-Kur ist eine Entgiftung sowie Umstimmung des Körpers, Stärkung der Immunabwehr, Besserung bei Diabetes, Asthma, Arthrose, Bluthochdruck, Durchblutungs- sowie Stoffwechselstörungen. Nebeneffekt ist eine Gewichtsreduktion von bis zu zehn Prozent des Körpergewichts bei Frauen und bis zu 12 Prozent
bei Männern. Gegenindikationen sind: extremes Engegefühl, Zustände nach schweren Operationen, Krebs, Herzinfarkt, nicht ausgeheilte TBC, Schilddrüsen-, Zerebral-Erkrankungen und psychische Erschöpfung.
„Eine Schroth-Kur erfordert Disziplin“, bestätigt Allgemein- und Kurarzt Dr. med. Robert Schulz, der die Kurabteilung im Fünf-Sterne-Hotel „Revita“ leitet. „Man muss die Patienten bei der Stange halten, wenn sie nach einer Woche ins Kurtief fallen, das durch die Stoff-
wechselaktivität bedingt ist. Es können sich für zwei bis drei Tage
Kopfweh, Gliederschmerzen, Ausdünstungen, dunkler Urin einstellen. In der Eingangsuntersuchung weise ich darauf hin, was auf sie zukommt.“
Die Ganzkörperpackung wird von angeleiteten „Packern“ angelegt. Sie besteht aus feuchtkalten Tüchern, wärmenden Decken und vier Wärmflaschen. Prießnitz verordnete ein Verbleiben bis zu acht Stunden im fest verschnürten Paket; heute ist die Prozedur auf zwei Stunden verringert. Wer das nicht aushält, wird nicht bis über den Kopf vermummt oder ruft um Hilfe mit der Klingel, die zur Sicherheit in seine Handfläche gepackt wird.
Anna-Maria Gutmann-Heger

Wassertreten nach Kneipp im Bad Lauterberger Kurpark

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