MEDIZIN: Diskussion

Gesundheitsrisiken durch Passivrauchen: Evidenz nicht eindeutig

Dtsch Arztebl 2001; 98(13): A-844 / B-700 / C-654

Zapka, Klaus

zu dem Beitrag von Prof. Dr. rer. nat. Karl-Heinz Jöckel in Heft 43/2000
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Prof. Jöckel betont zu Recht, dass die gesundheitsgefährdende Wirkung des Passivrauchens kontrovers diskutiert wird. Die vorliegenden epidemiologischen Daten sind teilweise in sich widersprüchlich und lassen viele Fragen offen, die auch von Jöckel leider nicht beantworten werden. Ein Blick in die Daten von BIPS- und GSF-Studie liefern Belege für die Inkonsistenz der Daten. So führt bei der Hälfte der Expositionsquellen eine als relevant bezeichnete Belastung zu einer Senkung des Odds Ratio, was nach Meinung der Autoren (3) auf eine Exposition hindeutet, die das Erkrankungsrisiko erniedrigt. Das scheint nicht plausibel. Eine befriedigende Antwort auf die Frage, warum so viele Studien, auch zum großen Teil die von BIPS und GSF keine statistische Signifikanz erreichen, ist nicht zu erkennen. Das wird noch deutlicher an den wohl besten jemals durchgeführten Studien der Internationalen Krebsforschungsagentur LARC (1). 650 Lungenkrebsfälle bei Nichtrauchern aus zwölf Kollaborationszentren in acht europäischen Staaten gelangten in die Auswertung. Die relativen Risiken lagen zwischen 1,116 bei häuslicher Exposition, 1,17 bei Arbeitsplatzbelastung und 1,14 bei der Kombination beider, kein Ergebnis erreichte statistische Signifikanz. Hinzu kamen erhebliche Differenzen der Risiken zwischen den einzelnen Studienzentren. Während beispielsweise in Stockholm bei kombinierter Exposition fast eine Verdopplung des Lungenkrebsrisikos ermittelt wurde, lag es in den drei Zentren Bremen/Frankfurt, Paris und Turin unter 1,0. Schwer erklärbar ist ein weiterer Befund. Tabakrauchexposition während Kindheit und Jugend suggeriert gar einen protektiven Effekt. In neun der zwölf Zentren wurde ein relatives Risiko von unter 1 ermittelt, wobei dieses Ergebnis als einziges statistische Signifikanz erreichte. Bestätigt wurden diese Befunde durch eine spätere Studie von Bofetta et al. Diese ergab keine Risikoerhöhung durch Passivrauchen zu Hause und eine nicht signifikante nach Belastung am Arbeitsplatz (2). Einen weiteren Hinweis auf die Problematik der Bewertung epidemiologischer Daten aus dem Bereich der Low-risk-Assoziation liefert die jüngst publizierte Auswertung zum Zusammenhang von Passivrauchen und Brustkrebs (2), die keine Erhöhung des Risikos finden konnte, nachdem eine Zeit lang von einem schon gesicherten Risiko ausgegangen wurde.
Es ist Jöckel zuzustimmen, wenn er zu dem Ergebnis gelangt, dass die bislang vorgelegte wissenschaftliche Evidenz eindeutig mehr Hinweise für die Gesundheitsschädlichkeit des Passivrauchens als gegen sie erkennen lässt. Hinweise sind aber noch keine Beweise. Zudem gilt dies allenfalls für eine extrem hohe und langjährige Belastung. Unter dieser Annahme sind Maßnahmen zu befürworten, die Nichtraucher insbesondere am Arbeitsplatz vor solchen Belastungen schützen. Hierfür einen Grenzwert zu finden, dürfte nicht einfach sein. Gegen wen sollten sich im Übrigen Schadensersatzforderungen richten? Den Verursacher, also Arbeitskollegen, den Arbeitgeber, die Politik?

Literatur
1. Bofetta P et al.: Multicenter case-control study of exposure to environmental tobacco smoke and lung cancer in europe. Natl Cancer Inst 1998; 90: 1440–1449.
2 Bofetta P et al.: Exposure to environmental tobacco smoke and risk of adenocarcinoma of the lung. Intern J Cancer 1999; 83: 635–639.
3. Jöcke, KH et al.: Lungenkrebsrisiko durch berufliche Exposition. Landsberg: ecomed 1998; 34.
4. Wartenberg D et al.: Passive smoking exposure and
female breast cancer mortality. J Natl Cancer Inst, 2000; 92: 1666–1673.

Dr. med. Klaus Zapka
Gneisenaustraße 42,
30175 Hannover

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