ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2001Gesundheitsrisiken durch Passivrauchen: Über das Ziel hinaus

MEDIZIN: Diskussion

Gesundheitsrisiken durch Passivrauchen: Über das Ziel hinaus

Dtsch Arztebl 2001; 98(13): A-846 / B-702 / C-656

Adlkofer, Franz

zu dem Beitrag von Prof. Dr. rer. nat. Karl-Heinz Jöckel in Heft 43/2000
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LNSLNS Prof. Jöckel kommt in seinem Beitrag (5) zu dem Ergebnis, dass insbesondere die epidemiologischen Studien eine lungenkarzinogene Wirkung der ETS-Belastung (ETS, environmental tobacco smoke) höchst wahrscheinlich machen. Dies ist eine vorsichtige Beurteilung, wenn man bedenkt, dass ein solcher Zusammenhang von anderen in der Öffentlichkeit längst als bewiesen dargestellt wird. Trotzdem ist fraglich, ob selbst diese zurückhaltende Bewertung einer wissenschaftlichen Kritik standhalten kann. Jöckels Antworten auf folgende Fragen, die sich alle auf Arbeiten beziehen, an denen er selbst mitgewirkt hat, erlauben es dem Interessierten, sich darüber ein eigenes Urteil zu bilden.
Warum geht die ETS-Belastung in der Kinderzeit – wie in der Studie von Boffetta et al. (3) gefunden, aber von Jöckel mit keinem Wort erwähnt – mit einer signifikanten Abnahme des Lungenkrebsrisikos auf 0,78 (95 Prozent CI = 0,64–0,96) einher? Wenn dieser eine von nur zwei in der Gesamtstudie erhaltenen statistisch signifikanten Befunden nichts anderes als ein Zufallswert ist, was sehr wahrscheinlich ist, muss doch die Frage erlaubt sein, warum die vielen anderen nichtsignifikanten Befunde Belege für eine kausale Beziehung zwischen Passivrauchen und einem erhöhten Lungenkrebsrisiko sein sollen. Schließlich gibt es dafür, wie Jöckel selbst aufzeigt, eine Reihe anderer Erklärungen
Wie kann sichergestellt werden, dass das in derselben Studie (3) durch Metaanalyse von zwölf Einzelstudien erhaltene Lungenkrebsrisiko von 1,14, das dem Passivrauchen zu Hause und am Arbeitsplatz zugeschrieben wird, nicht ebenfalls ein reiner Zufallsbefund ist? Immerhin spricht die Schwankungsbreite der in den verschiedenen Zentren erhaltenen Risikowerte, die zwischen 0,72 und 2,29 liegen, für eine enorme Inkonsistenz der der Metaanalyse zugrunde liegenden Datensätze.
Warum ist das in derselben Studie (3) gefundene Lungenkrebsrisiko durch Passivrauchen in den Einzelstudien so stark abhängig von der Bildungs- und Sozialschicht der Fälle? Eine genauere Analyse der von Boffetta et al. (4) zusätzlich veröffentlichten Daten ergibt, dass das Lungenkrebsrisiko durch Passivrauchen umso geringer ist, je größer der prozentuale Anteil der Fälle mit dem höchsten Sozialstatus ist und umgekehrt umso höher ist, je größer der Anteil der Fälle mit dem niedrig-
sten Sozialstatus ist.
Wie wirkt sich auf das durch Passivrauchen am Arbeitsplatz angeblich
verursachte Lungenkrebsrisiko die Tatsache aus, dass ETS-exponierte Nichtraucher die ETS-Belastung zu Hause und am Arbeitsplatz offensichtlich unterschiedlich bewerten? Aus einer früheren Studie von Becher, Jahn und Jöckel (2) ergibt sich, dass am Arbeitsplatz ETS-exponierte Personen die Belastung, die mittels Messung der
Kotininausscheidung im Urin recht genau erfasst werden kann, im Vergleich zur häuslichen ganz erheblich überschätzen (1).
Mit welcher Wahrscheinlichkeit ist auszuschließen, dass das bei Metaanalysen übereinstimmend gefundene erhöhte Lungenkrebsrisiko durch Passivrauchen eher auf Bias und Confounding als auf das Passivrauchen zurückzuführen ist? Immerhin werden in Metaanalysen, in denen die Ergebnisse mehrerer Studien zusammengefasst werden, auch die Fehler dieser Studien weitergegeben, was zur Folge hat, dass die erwiesene Konsistenz der Fehler eine Wertigkeit der Ergebnisse vortäuschen kann, die nicht gegeben ist.
Aus theoretischen Erwägungen ist natürlich nicht auszuschließen, dass das Lungenkrebsrisiko durch Passivrauchen geringfügig ansteigt. In dem Bemühen, diesen gegenwärtig nicht beweisbaren Zusammenhang wenigstens höchst wahrscheinlich zu machen, wird offensichtlich weit über das Ziel hinausgeschossen.

Literatur:
1. Adlkofer F: Abschätzung der inneren Belastung durch Tabakrauch mittels Biological Monitoring. VDI Berichte 888. VDI-Verlag 1991, 499–516.
2. Becher H, Jahn I, Jöckel K-H: Passivrauchen als Gesundheitsrisiko. Eine Untersuchung über Schwerpunkte der Exposition. Bremer Institut für Präventivforschung und Sozialmedizin. Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen (cd.). Herford: Busse Druck 1987.
3. Boffetta P et al.: Multicentre case-control study of exposure to environmental tobacco smoke and lung cancer in europe. J Natl Cancer Inst 1998; 90: 1440–1450.
4. Boffetta P et al.: European multicentre case-control study of lung cancer in non-smokers. JARC Techn Rep 33, 1998.
5. Jöckel K-H: Gesundheitsrisiken durch Passivrauchen. Dt Ärtzebl 2000, 97: A-2852–2857 [Heft 43].

Prof. Dr. med. Franz Adlkofer
Parallelstraße 18
12209 Berlin

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