ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2001Gesundheitsrisiken durch Passivrauchen: Zu kurz gesprungen

MEDIZIN: Diskussion

Gesundheitsrisiken durch Passivrauchen: Zu kurz gesprungen

Dtsch Arztebl 2001; 98(13): A-847 / B-726 / C-662

Heller, Wolf-Dieter; Scherer, Gerhard

zu dem Beitrag von Prof. Dr. rer. nat. Karl-Heinz Jöckel in Heft 43/2000
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LNSLNS Als Ziel des Beitrags wird angegeben, „die neuere wissenschaftliche Evidenz zur gesundheitsschädlichen Wirkung von Passivrauchen darzustellen und den Stellenwert der methodischen Argumente zu beleuchten“.
Dieser Zielvorgabe wird Jöckel bedauerlicherweise nicht gerecht, da
er sich fast ausschließlich auf epidemiologische Daten bezieht und toxikologische Befunde gar nicht oder nur rudimentär berücksichtigt. Seine Feststellung: „Die vorliegenden toxikologischen Daten, die Ergebnisse von Tierexperimenten, die Kanzerogenitätsuntersuchungen in Körperflüssigkeiten, . . . machen eine lungenkarzinogene Wirkung der ETS-Belastung höchst wahrscheinlich“, ist zu dürftig, um als wissenschaftlicher Diskussionsbeitrag zur Toxikologie des Passivrauchens gewertet zu werden, zumal jeder Hinweis auf die relevante Literatur fehlt. Die wissenschaftliche Literatur hierzu ist in Wirklichkeit extrem widersprüchlich. In einem Übersichtsartikel des einen von uns (1) wird ausführlich auf den aus toxikologischer Sicht wichtigen Dosisaspekt beim Passivrauchen eingegangen. Aus dem dort Dargestellten geht hervor, dass die durch Passivrauchen aufgenommene Dosis nahezu aller toxikologisch relevanter Schadstoffe im Bereich oder nur geringfügig über der Hintergrundbelastung für Nichtraucher liegt.
Im Übrigen sind in dem erwähnten Review mehr als 30 Arbeiten zitiert, die in unserem Labor und anderswo mit Mitteln der Tabakindustrie zu dieser Thematik durchgeführt wurden. Der Vorwurf von Jöckel, die Zigarettenindustrie habe nicht versucht, durch fundierte Studien diesem Problem auf den Grund zu gehen, ist also unhaltbar. Von denen durch die Tabakindustrie finanzierten Studien nennt er lediglich die Untersuchungen von Phillips et al., die er als „methodisch fragwürdig“ bezeichnet. Jöckel wirft einer dieser Studien die Nennung falscher NO2-Konzentrationen vor, lässt aber völlig unberücksichtigt, dass diese Werte bei der Erörterung der ETS-Belastung durch die Autoren nicht die geringste Rolle spielen.
Fazit: Beim Versuch, die neuere wissenschaftliche Evidenz zur gesundheitsschädlichen Wirkung von Passivrauchen darzustellen, ist Jöckel entschieden zu kurz gesprungen.

Literatur
1. Scherer WD, Adlkofer F: Tabakrauch in der Raumluft – Erfassung der Schadstoffbelastung durch Passivrauchen zur Bewertung des gesundheitlichen Risi-
kos. Gefahrstoffe – Reinhaltung der Luft 1999; 59: 435–443.

Priv.-Doz. Dr. rer. pol. Wolf-Dieter Heller
Priv.-Doz. Dr. rer. nat. Gerhard Scherer
Analytisch-biologisches Forschungslabor
Goethestraße 20, 80336 München

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