ArchivDeutsches Ärzteblatt13/2001Vergessene Kulturgeschichte: Ausgesprochene Kostbarkeiten

VARIA: Feuilleton

Vergessene Kulturgeschichte: Ausgesprochene Kostbarkeiten

Dtsch Arztebl 2001; 98(13): A-851 / B-725 / C-691

Kämper, Lore

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LNSLNS Liebe Kinder, wenn ihr diese Zeilen lest, haltet ihr ein ganz besonderes Buch in den Händen. Es ist nach fast 60 Jahren das erste jüdische Lesebuch für Kinder in Deutschland. Das letzte wurde 1938 noch in Deutschland gedruckt, aber nie benutzt. Bis auf wenige Exemplare wurde es von den Nazis vernichtet. Heute gibt es wieder jüdische Kinder in Deutschland, aber sie haben keine Geschichten mehr. Was sie denken und fühlen, was sie fröhlich oder traurig macht, darüber wurde fast nichts geschrieben.“
Es war Ignatz Bubis, der verstorbene Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, der mit diesen Zeilen das Vorwort zu dem vor rund fünf Jahren erschienenen jüdischen Lesebuch „KinderWelten“ einleitete. Ein hübscher, bunt bebilderter Band mit Geschichten über Freundschaft und Tiere, mit Bastelanleitungen und Erzählungen über König Salomon, Adam und Eva. Für Georg Heuberger, Leiter des Jüdischen Museums in Frankfurt am Main, bedeutet es mehr als das, fast ein kleines Wunder, „dass es in diesem Lande wieder jüdische Kinder, jüdische Schulen und jüdische Bücher gibt“. So wird auch „KinderWelten“ im Rahmen der Ausstellung in der Börnegalerie im Museum Judengasse bis 13. Mai gezeigt, obgleich es nicht eigentlich zu den unter dem Titel „Jüdisches Kinderleben im Spiegel jüdischer Kinderbücher“ zusammengefassten Exponaten gehört.
Bei diesen handelt es sich um eine einzigartige Sammlung jüdischer Kinderbücher aus aller Welt, welche die Pädagogin Helge-Ulrike Hyams und ihr inzwischen verstorbener Mann rund zwanzig Jahre lang zusammengetragen und in das Land zurückgebracht haben, aus dem ihre Besitzer während der NS-Zeit vertrieben worden waren. „Diese Bücher erzählen Geschichten, sie sind zusammen mit ihren Besitzern gewandert“, so Helge-Ulrike Hyams. Sie können helfen, „ein Stück fast zerstörter und vergessener Kulturgeschichte wiederzuentdecken“. Erst nach dem Tod ihres Mannes 1993 entschloss sich Helge-Ulrike Hyams, die gemeinsam gesammelten Druckwerke auch in der Öffentlichkeit zu zeigen, er selbst „hatte so viel Respekt vor ihnen und den dahinter sich verbergenden Schicksalen, dass er sie am liebsten unter Verschluss gehalten hätte“. Doch verband und verbindet sich auch Hoffnung mit diesen Büchern. In manchen von ihnen befinden sich Stempel, Namenszüge oder ein Exlibris, und es ist bei bisherigen Ausstellungen durchaus schon zum unverhofften und bewegenden Wiedersehen eines Besuchers mit seinem seit mehr als fünfzig Jahren verloren geglaubten Buch gekommen.
Aus der zunächst nur in kleinem Rahmen in dem vom Ehepaar Hyams gegründeten Marburger Kindermuseum gezeigten Sammlung entstand ab 1998 in Zusammenarbeit mit dem Kindheitsmuseum und der Universitätsbibliothek Oldenburg eine weit aufwendigere Ausstellung, die zusätzlich noch Leihgaben aus fünfzig Bibliotheken zeigt. Sie war bisher bereits in Montreal, Haifa und New York zu sehen.
Der Besucher des Museums wird nicht nur einer Reihe schön illustrierter Fibeln, Märchen- und Gebetbücher begegnen, sondern auch ausgesprochenen Kostbarkeiten. Zum Beispiel dem ältesten Buch, der in hebräischer Sprache verfassten „Offenbacher Pessach-Haggadah“ aus dem Jahr 1667, die von den Hyams in der dunkelsten Ecke einer Bibliothek entdeckt wurde. Als schönstes Stück ihrer Sammlung empfindet Helge-Ulrike Hyams eine Aleph-Bet-Fibel von 1923, die sie in einem Laden in Paris unter einem Haufen alter Hefte fand.
Zu den jüngsten Ausstellungsobjekten gehört das „Handbuch für jüdische Auswanderer“, erschienen 1938, kurz vor der Schließung jüdischer Verlage in Deutschland. Auffallend viele Kinderbücher wurden im Zeitraum zwischen 1933 und 1938 herausgegeben, ganz offensichtlich sollten die Kinder, die in ihrem Umfeld zunehmend Feindseligkeit und Ausgrenzung erleben mussten, dadurch in positiver Weise von ihrem Judentum erfahren. So zielten sicherlich auch diejenigen Werke, die sich mit Palästina, „Erez Israel“, beschäftigten, auf die Stärkung von Hoffnung und Zuversicht. Kindgerecht aufbereitet wie etwa in dem Jugendroman „Benni fliegt ins gelobte Land“, das spannend von einem Zwölfjährigen in Deutschland erzählt. Ihm schenkt sein Onkel ein zusammengefaltetes Flugzeug in einem Koffer, das ihn nach Israel trägt, wo er einen Freund findet und mit ihm zusammen Land, Städte und geheimnisvolle Höhlen im Karmel erkundet.
Einer der Hauptunterschiede zwischen jüdischen und nicht jüdischen Kinderbüchern, so ist zu erfahren, besteht vor allem darin, dass selbst in Erzählungen von alltäglichen Dingen und Geschehnissen Religion und Tradition einen festen Bestandteil bilden. Informationen: Telefon: 0 69/21 23 88 04. – Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit Beiträgen von 24 Autoren. Lore Kämper


Das Museum Judengasse zeigt eine Sammlung jüdischer Kinderbücher aus aller Welt.
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