ArchivDeutsches Ärzteblatt37/1996Sexuelle Ausbeutung von Kindern: Weltweite Empörung – und dann?

POLITIK: Leitartikel

Sexuelle Ausbeutung von Kindern: Weltweite Empörung – und dann?

Korzilius, Heike

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LNSLNSLNSLNS Die kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern ist ein Milliarden-Geschäft. Sie ist ein internationales Problem, das Entwicklungsländer und westliche Industrienationen gleichermaßen betrifft. Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) schätzt, daß weltweit rund zwei Millionen Kinder Opfer sexueller Ausbeutung sind. Sie werden verkauft, verschleppt und zur Prostitution gezwungen. Der Stockholmer Weltkongreß zu diesem Thema, der vom 27. bis 31. August 1996 tagte, hat einen Aktionsplan verabschiedet, der die Situation der betroffenen Kinder verbessern soll.

Rund 1 200 Delegierte aus 130 Ländern folgten der Einladung von ECPAT (End Child Prostitution in Asian Tour-ism), Unicef und der schwedischen Regierung zum Weltkongreß gegen kommerzielle sexuelle Ausbeutung von Kindern. Die Ziele waren hochgesteckt: Man wollte sowohl Strategien zur Bekämpfung und Prävention sexueller Ausbeutung als auch Hilfen für die betroffenen Kinder erarbeiten.
Man mag sich zu Recht fragen, ob der Kongreß große Aufmerksamkeit erregt hätte, wenn nicht fast zur selben Zeit die Machenschaften des belgischen Kinderschänders Marc Dutroux aufgedeckt worden wären. Seither scheinen die Medien das Thema für sich entdeckt zu haben. Empörung löste beispielsweise der Fall eines Mädchens aus, das angeblich von der eigenen Tante entführt und in den Niederlanden zur Prostitution gezwungen werden sollte. Es ist fast makaber, daß Medien und Behörden dabei vermutlich einem Täuschungsmanöver der Eltern des Kindes aufgesessen sind.
Vielschichtig sind laut Unicef die Ursachen für Kinderhandel, -prostitution und -pornographie, die vor allem Mädchen im Alter zwischen 14 und 18 Jahren betreffen. In den Entwicklungsländern fördert die Armut die sexuelle Ausbeutung der Kinder. Unicef geht davon aus, daß beispielsweise in Thailand rund 63 Prozent der minderjährigen Prostituierten von den eigenen Eltern oder Freunden an Bordelle verkauft wurden. Mit Armut allein lasse sich dieses Phänomen jedoch nicht erklären. Viele der Kinder hätten bereits in ihren Familien sexuelle Gewalt erfahren müssen. Außerdem leiste in zahlreichen Ländern die Geringschätzung von Frauen und Mädchen einem solchen Verhalten Vorschub. Auch westliche Sextouristen hätten dem "Markt" in den Entwicklungsländern entscheidende ökonomische Impulse gegeben. Dabei habe die Angst vor AIDS dazu geführt, daß ausländische und einheimische Kunden verstärkt nach immer jüngeren Prostituierten verlangen, weil sie glaubten, damit das Risiko einer Ansteckung zu verringern. Genau das Gegenteil sei der Fall. In Thailand sei mittlerweile schätzungsweise ein Drittel der Kinderprostituierten HIV-positiv.


Kinderhandel floriert
In der deutschen polizeilichen Kriminalstatistik wurden für das vergangene Jahr 16 013 Fälle von sexuellem Mißbrauch an Kindern verzeichnet. Das Bundeskriminalamt registrierte 414 Fälle von Kinderpornographie, wobei die Dunkelziffer weit höher liegen dürfte. Nach Ansicht von Unicef führen die hohen Gewinne im schmutzigen Geschäft mit Kindern dazu, daß der Handel floriert. In manchen Ländern ist die "Sexindustrie" bereits ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. In Thailand leben beispielsweise rund drei Millionen Frauen und Mädchen von der Prostitution, das sind rund zehn Prozent der arbeitenden Bevölkerung.
Seit der Stockholmer Konferenz gibt es nun einen Aktionsplan gegen sexuelle Ausbeutung von Kindern, den alle Beteiligten einmütig unterzeichnet haben. Es wäre allerdings nicht die erste internationale Deklaration, deren Worten keine Taten folgen. Bereits 1989 hatten sich 187 Staaten durch ihren Beitritt zur UNKinderrechtskonvention dazu verpflichtet, Kinder vor sexueller Ausbeutung zu schützen. Offenbar hat sich in den letzten sieben Jahren wenig an der Situation geändert.
Der neue Aktionsplan steckt sich optimistische entwicklungspolitische und strafrechtliche Ziele. Langfristig sei beispielsweise eine unentgeltliche Grundschulausbildung für alle Kinder einzuführen. Nur so könnten sie alternative Zukunftsperspektiven entwickeln. Des weiteren soll das Grundübel der Armut bekämpft werden, indem man einträgliche Erwerbsmöglichkeiten schafft und Unterstützung gewährt. Vor allem soll dem Mißbrauch innerhalb der Familie sowie schädlichen traditionsbedingten Praktiken entgegengewirkt werden. Die Touristikbranche soll dazu bewegt werden, ihre Netzwerke nicht mehr für die sexuelle Ausbeutung von Kindern zur Verfügung zu stellen.
Das alles sind hehre Ziele, die jedoch so global formuliert sind, daß nicht nur eingefleischten Skeptikern Zweifel an ihrer Verwirklichung kommen. Konkreter muten die strafrechtlichen Forderungen und Reformvorschläge des Aktionsplans an. Beispielsweise soll neben Herstellung und Vertrieb auch der Besitz von Kinderpornographie unter Strafe gestellt werden. Eine solche Bestimmung ist in Deutschland seit 1993 rechtskräftig. Wie will man aber neue Vertriebska-näle wie das Internet wirksam kontrollieren? Weiterhin wird ein sogenanntes extraterritoriales Strafrecht gefordert, das ebenfalls seit 1993 für Deutschland gilt. Es besagt, daß Deutsche, die Kinder unter 14 Jahren im Ausland sexuell mißbrauchen, in Deutschland strafrechtlich verfolgt werden können. Laut Unicef ist bislang jedoch erst ein Urteil ergangen, das auf acht Monate mit Bewährung lautete. Die abschreckende Wirkung solch milder Urteile darf bezweifelt werden. Dazu kommt, daß häufig die konsequente Strafverfolgung der Täter an Korruption scheitert oder dadurch erschwert wird, daß der Handel mit der Ware Kind mittlerweile Teil der organisierten Kriminalität ist. Es wäre wünschenswert, daß sich in die Tat umsetzen ließe, was der Aktionsplan fordert. Doch wie lange wird es dauern, bis das Schicksal der mißbrauchten Kinder von anderen Ereignissen aus den Schlagzeilen verdrängt wird? Zu oft wird noch zum Schaden der Betroffenen geschwiegen. Denn viele Kinderschänder sind nicht vom Schlage eines Marc Dutroux, sondern augenscheinlich brave Bürger, Eltern, Freunde und Verwandte. Heike Korzilius

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