ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2001Neuer Markt: Die Vermögensvernichter

VARIA: Schlusspunkt

Neuer Markt: Die Vermögensvernichter

Dtsch Arztebl 2001; 98(14): [84]

Rombach, Reinhold

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Der Neue Markt hat, wie wir wissen, Tausende von Anlegern ins Unglück gestürzt, manche sogar in Existenznöte.
Wo viele im Elend sitzen, da muss es doch ein paar Gewinnler geben, sonst stimmt das Gleichgewicht des Schrekkens nicht mehr. In der Tat, die gibt es auch. Kurioserweise handelt es sich bei den Absahnern oft genug um die Vorstandschefs genau der Aktiengesellschaften am Neuen Markt, deren Kurse so böse abstürzten.
Allerdings haben die bösen Buben längst Kasse gemacht, als die Maschinerie noch lautlos schnurrte. Der Boss von Intertainment, Rüdiger Bäres, verkaufte Aktien im Wert von über zwei Millionen Euro, während die Intertainment-Aktionäre zweistellige Verlust hinnehmen mussten. Thomas Haffa, einstiger Star in allen möglichen Fernsehsendungen, verkaufte Anteile von EM.TV für 20 Millionen Euro, als der Kurs noch exorbitant höher stand.
Den Vogel schoss, um noch ein drittes Beispiel von vielen anderen (Sunburst, CAA, IM Internationalmedia, Micrologica) zu nennen, Intershop-Chef Stephan Hambach ab. Der Ex-Chef des ehemaligen ostdeutschen Vorzeigeunternehmens erlöste rund 30 Millionen Euro mit dem Verkauf eigener Aktien. Das alles geschah – natürlich – zu einem Zeitpunkt vor dem großen Absturz der Intershop-Aktie.
Nun ist Aktien-verkaufen-Wollen eine Sache, sie aber auch loszuwerden – bei diesen enormen Volumina – eine andere. Voraussetzung: Der Anleger muss immer noch glauben, d e n Deal seines Lebens zu machen. Das kann allerdings nur gelingen, wenn die Story einen guten Vorlauf hat.
Hier genau liegt der Hund auf dem Sofa, was er eigentlich nicht dürfte. Eine bunte Gemengelage aus Unverfrorenheit, Provisionsgier, Chuzpe, Großmannssucht sowieso, sorgte oft im Vorfeld einer Emission dafür, dass die zeichnungswilligen Sparer wie wilde Hummeln über die Banken herfielen.
Ob das börsennotierte Unternehmen jemals würde Geld verdienen können, interessierte kaum jemanden. Jede Menge Aktien landete überdies in vermögensverwalteten Depots und bei Investmentfonds mit Schwerpunkt Neuer Markt und Internet. Die Fantasie der Börsianer blühte ebenso munter weiter. Eine bunte Jubelmischung an Ad-hoc-Meldungen, in denen teilweise der größte Bockmist stand, hielt die Story weiter unter Dampf, bis zum Tag X halt, als die ersten echten Jahres-Bilanzzahlen verschämt präsentiert werden mussten, samt horrender Verluste, versteht sich.
Wirtschaftsmagazine hievten zuvor noch die Bosse des Neuen Marktes als neue Heilsbringer der New Economy auf ihre Titelseiten. Die gewaltigen Verkaufsaktionen vieler Vorstände konnten nur in diesem Dunstkreis von AG, Bank und Presse funktionieren. Alle haben genug verdient, bloß der Anleger nicht. Er ist, wie so oft, am Ende der Dumme.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema