ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2001Handhygiene: Gefühle statt Logik

AKTUELL: Akut

Handhygiene: Gefühle statt Logik

Dtsch Arztebl 2001; 98(14): A-869 / B-721 / C-675

Koch, Klaus

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die Kinderstube hat offenbar einen stärkeren Einfluss auf das Hygieneverhalten von Ärzten als ein langjähriges Medizinstudium. Diese beunruhigende Schlussfolgerung lässt sich aus einer Untersuchung ableiten, die Donald Knautz und Constanze Wendt von der Universität Heidelberg auf einem Symposium zu Krankenhausinfektionen in Ulm vorgestellt haben. Die Hygieneexperten haben sich auf die Händedesinfektion in ihrer Klinik konzentriert. Studien zeigen, dass die Hände des Klinikpersonals die wichtigsten Überträger nosokomialer Infektionen sind. Mehr als 500 000 solcher Infektionen treten nach Hochrechnungen pro Jahr in Deutschland auf, schätzungsweise ein Drittel könnte durch bessere Hygiene vermieden werden; konsequente Händedesinfektion wäre eine der wichtigsten Maßnahmen. Allerdings zeigen Beobachtungen, dass Ärzte sich nur halb so oft die Hände desinfizieren, wie sie es eigentlich sollten.
Knautz und Wendt wollten wissen, ob das Personal ihrer Klinik dann konsequent zur Flasche mit Desinfektionsmittel greift, wenn es ein hohes Risiko gibt, sich mit Keimen kontaminiert zu haben. Dazu haben sie mit Erlaubnis der Klinikleitung mit einem Teil der Angestellten eine geheime Abmachung getroffen: Einige Pflegekräfte und Ärzte wurden geschult, das Hygieneverhalten ihrer Kollegen unauffällig zu beobachten und in 15 typische Situationen zu kategorisieren: Das Spektrum reicht von „sauberen“ Tätigkeiten – etwa dem Anfassen steriler Gegenstände – bis hin zu „schmutzigen“, wie dem Kontakt mit Fäkalien oder der Berührung von Patienten mit infizierten Wunden, nach denen jeder Arzt seine Hände desinfizieren müsste. Die Beobachtungen zeigten, dass ein erheblicher Teil der Ärzte und Pfleger nicht wirklich verstanden hat, um was es bei Hygiene geht. Erstaunlich beliebt war die Händedesinfektion, nachdem das Personal sterilisierte Gegenstände angefasst hatte. Obwohl das Risiko, sich hier einen Keim zuzuziehen, gleich Null ist, griffen vier von zehn Ärzten und Pflegern hinterher zur Flasche mit dem Desinfektionsmittel. Offenbar löse der Umgang mit solchen sterilisierten Gegenständen die Assoziation „Reinigung“ aus, vermutet Knautz – auch wenn es in diesem Fall allenfalls Sinn macht, sich vor dem Anfassen die Hände zu desinfizieren.

Mit zunehmendem Risiko einer Kontamination stieg dann aber die Bereitschaft zur Händedesinfektion. Am besten war die Rate nach dem Kontakt mit Fäkalien, in 97 Prozent dieser Situationen folgt eine Händedesinfektion. Knautz vermutet, dass sich hier die seit frühester Kindheit gelernten mütterlichen Ermahnungen auswirken. Doch ausgerechnet in der riskantesten Situation nahm das Personal die Pflicht zur Desinfektion dann nicht mehr so genau. Nach Kontakt zu einem Patienten mit einer infizierten Wunde sank die Bereitschaft zur Händedesinfektion auf 85 Prozent beim Pflegepersonal, bei Ärzten sogar auf 74 Prozent. „Händehygiene scheint eher durch Faktoren wie individuelle Gefühle der Abneigung bestimmt zu werden als durch tatsächliche Kontaminationsrisiken“, folgern Knautz und Wendt.
Klaus Koch
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema