ArchivDeutsches Ärzteblatt37/1996Kassenärzte: Das Geld muß der Leistung folgen

POLITIK: Aktuell

Kassenärzte: Das Geld muß der Leistung folgen

Maus, Josef

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LNSLNS Krisenmanagement ist für die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) inzwischen zu einem vertrauten Begriff geworden. Neben den Auseinandersetzungen um den EBM flammt nun auch wieder - nach dem Scheitern der von Horst Seehofer angestrebten dritten Gesundheitsreform - der Streit über das Verhältnis ambulant/stationär sowie über angebliche Rationalisierungspotentiale in Milliardenhöhe auf. Auch die neuesten Daten bei den Arzneiverordnungen lassen wenig Gutes erwarten. In dieser Situation sucht die KBV die Offensive.


Das Aus für die dritte Stufe der Gesundheitsreform kam weder plötzlich noch unerwartet. Daß der Bundesrat der Seehoferschen Gesetzesinitiative nicht zustimmen würde, zeichnete sich bereits vor Monaten ab. Allerdings: Die Frage nach der Weiterentwicklung des Gesundheitswesens scheint jetzt wieder völlig offen zu sein. Fest steht nur, daß Horst Seehofer Wort gehalten hat und es nicht zu einer Neuauflage des "Lahnsteiner" Kompromisses gekommen ist. Während Dr. Winfried Schorre vor der Presse in Bonn die Standhaftigkeit des Ministers als "bemerkenswerte politische Geste gegenüber den Kassenärzten" wertete, werden rundum die altbekannten Parolen aufgefrischt. Die Spitzenverbände der Krankenkassen sprechen von Rationalisierungsreserven in Höhe von rund 25 Milliarden DM, und der Marburger Bund dient der Politik erneut die Öffnung der Krankenhäuser für die ambulante Versorgung an. Der KBV-Vorsitzende, nicht erst seit dem Hin und Her um die Honorarreform Kummer gewöhnt, nimmt die aktuellen Forderungen und Vorwürfe an die Adresse der Kassenärzte offensiv an. Mit den Spitzenverbänden der Krankenkassen will Dr. Schorre zwar über realistische Ein-sparmöglichkeiten reden, die angeblichen "Milliarden-Reserven" verweist er hingegen ins Reich der Fabeln. Das gemeinsame Ziel müsse es aber sein, das gesetzliche Einfrieren der GKV-Beitragssätze zu verhindern und statt dessen die Position der gemeinsamen Selbstverwaltung von Ärzten und Krankenkassen zu stärken. In diesen Zusammenhang stellt Schorre auch die gemeinsame Übernahme der Finanzverantwortung - nicht zuletzt, um den Gestaltungsspielraum der Selbstverwaltung zu erhöhen.
Der KBV-Vorsitzende hält die gegenwärtige Situation der Kassenärzteschaft für nicht mehr länger zumutbar. Konkret verweist Schorre auf die Schnittstelle zwischen der stationären und ambulanten Versorgung. Durch die Verkürzung der Verweildauer im Krankenhaus kämen zwangsläufig höhere Belastungen auf die ambulante Versorgung zu. Gleiches gelte auch für den Bereich der ambulanten Operationen. Dem müsse nun aber auch mit der Finanzierung Rechnung getragen werden. Es ginge nicht länger an, daß die Kassenärzte als einzige in einem engen Budgetkorsett steckten, mehr leisten, vermehrt das Morbiditätsrisiko trügen, aber ihnen keine zusätzlichen Mittel zur Verfügung gestellt würden.
Die KBV, machte Dr. Schorre deutlich, werde an ihrem Konzept der Optimierung der vertragsärztlichen Versorgung festhalten. Gemeint sind damit unter anderem die Praxisnetze, die Stärkung der Präsenz und die verbesserte Kooperation mit Krankenhausärzten. Auf Dauer werde der Gesetzgeber jedoch nicht an einer "Bereinigung" des GKV-Leistungskatalogs vorbeikommen - beispielsweise um die Maßnahmen zur künstlichen Befruchtung. Auch müsse die Prävention gründlich überdacht werden.
Während diese Ansätze in die nähere Zukunft weisen, gewinnt ein leidiges Problem unvermittelt wieder an Aktualität: die Arzneimittelversorgung. Die Ausgaben für Medikamente sind im ersten Halbjahr 1996 in Westdeutschland um 7 Prozent und in Ostdeutschland um 8,5 Prozent gestiegen. Damit liegt die Zuwachsrate (bis auf die GSG-bedingten Einbrüche) wieder auf dem Niveau der vergangenen 15 Jahre.
Besonders hoch sind hingegen die Zuwächse im Juli: 16 Prozent in den alten und 19 Prozent in den neuen Bundesländern. Die Arzneimittelausgaben in diesem Monat lägen demnach sogar noch um 70 Millionen DM über den Januar-Ausgaben, als eine Grippewelle die Verordnungszahlen hochschnellen ließ.


Mehr hochpreisige Arzneimittel
Dr. Peter Schwoerer, der stellvertretende Vorsitzende der KBV, beklagt in diesem Zusammenhang den durch wissenschaftliche Publikationen geförderten Trend zu neuen Standards, denen sich die Ärzte nicht entziehen könnten. Als Beispiel nannte er den Einsatz von Lipidsenkern. Auch die Kassen trügen mit ihrem ausgeprägten Wettbewerbsverhalten (großzügige Erstattungspraxis) zu der vermehrten Verordnung von hochpreisigen Arzneimitteln bei. Schließlich mache sich die Übernahme von Aufgaben aus dem stationären Bereich auch bei den Verordnungen bemerkbar: Ein Plus von 30 Prozent bei den Zytostatika spreche für den erhöhten Aufwand bei der ambulanten Krebsbehandlung.
Anhand der aktuellen Verordnungsdaten machte Schwoerer nachdrücklich auf ein immer noch ungelöstes Problem aufmerksam: Die jüngsten Zahlen stammen von den Apothekerverbänden, nicht etwa von den Krankenkassen. Die seien nach wie vor nicht in der Lage, Verordnungsdaten zeitnah zu liefern. Josef Maus

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