ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2001Neue Bundesländer: Gewisse Umstände

POLITIK

Neue Bundesländer: Gewisse Umstände

Dtsch Arztebl 2001; 98(14): A-876 / B-728 / C-681

Schubert, Alfred

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Der Kommentar geht Morbiditäts- und Mortalitätsunterschieden zwischen alten und neuen Bundesländern anhand der amtlichen Statistik nach.

Regionale Morbiditäts- und Mortalitätsunterschiede bestimmter Krankheiten, so die im Vergleich höhere Herz-Kreislauf-Sterberate in den neuen Bundesländern, dienen der Begründung für damit in Zusammenhang gebrachte hohe Arzneikosten und für Defizite in Diagnostik und Therapie. Bevor man aber mithilfe von Sterberaten die unterschiedlichen Ausgaben für Arzneimittel wie auch die unterschiedliche Operationsrate bei ischämischen Herzkrankheiten zu erklären versucht, gilt es, die Aussagefähigkeit solcher Ziffern näher zu betrachten.
Was die amtliche Todesursachenstatistik anbetrifft, ist zunächst festzustellen, dass die Herz-Kreislauf-Sterblichkeit im Vergleich zu den alten Bundesländern in den neuen Bundesländern deutlich höher ist, obgleich diese seit 1993 von Jahr zu Jahr wieder sinkt. Anschaulich geht aus dem Vergleich der Ziffern Mecklenburg-Vorpommerns 1997 mit denen Deutschlands die höhere Sterberate an Herz-Kreislauf-Krankheiten hervor, die jedoch der höheren Mortalität akuter ischämischer Ereignisse geschuldet ist (4, 5, Tabelle 1).
War im Monika-Herzinfarktregister kein signifikanter Unterschied bei der Neuerkrankungshäufigkeit an Herzinfarkt in den beteiligten Zentren der ehemaligen DDR im Vergleich zu den alten Bundesländern in der Altersgruppe der 35- bis 65-Jährigen zu erkennen, so ist die Annahme erlaubt, dass auch zum gegenwärtigen Zeitpunkt die Inzidenz ischämischer Ereignisse in dieser und den folgenden Altersgruppen nicht höher sein kann als in den alten Bundesländern, obgleich noch eine höhere Prävalenz der Risikofaktoren arterielle Hypertonie und Diabetes mellitus in den neuen Bundesländern vorkommen soll (2, 3).
Die Ursache für die noch bestehende unterschiedliche Mortalität akuter ischämischer Ereignisse kann zum einen in der therapeutischen Behandlung gesucht werden. Hier ist die vorstationäre Diagnose und Therapie ischämischer Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie auch das Zeitfenster zwischen Auftreten der ersten Infarktsymptome und Beginn der adäquaten Therapie ins Licht zu rücken, lässt doch der jüngste Vergleich der Therapie des akuten Myokardinfarkts keinen signifikanten Unterschied der intrahospitalen Mortalität in den Krankenhäusern der alten Bundesländer und der neuen Bundesländer erkennen, obgleich eine primär-rekanalisierende Therapie in den neuen Bundesländern weniger häufig als in den alten Bundesländern durchgeführt wird (1, 2).
Zum anderen ist, vom administrativen Standpunkt her betrachtet, allerdings auch nicht zu übersehen, dass Unterschiede beim Ausfüllen und Kodieren der Totenscheine bestehen. Die Todesursachenziffer unklarer Diagnosen werden in Mecklenburg-Vorpommern bei Männern und Frauen wesentlich seltener auf dem Leichenschauschein vermerkt als im Vergleich zu denjenigen Deutschlands (4, 5, Tabelle 2). Bekanntlich ist in den Todesursachenziffern „ungenau bezeichnete und unbekannte Ursachen“ (ICD-9: 797–799) ein hoher Anteil Gestorbener an Herz-Kreislauf-Erkrankungen verborgen.
Wiederum ist auch nicht auszuschließen, dass in einer größeren Zahl unklarer Todesfälle die Diagnose „Herz-Kreislauf-Erkrankung“ in die Todesursachenstatistik eingeht (6).
Schlussfolgernd kann angenommen werden, dass der in der Todesursachenstatistik sichtbare Unterschied der Herz-Kreislauf-Mortalität zwischen den alten und den neuen Bundesländern in dem Maße nicht mehr besteht.
Zweifelsfrei sind noch Unterschiede hinsichtlich der Mortalität akuter ischämischer Ereignisse festzustellen. In den neuen Bundesländern, so auch in Mecklenburg-Vorpommern, ist diese derzeit noch höher als in den alten. Hier jedoch ist die Herz-Kreislauf-Sterberate mutmaßlich höher als in der Todesursachenstatistik ausgewiesen.
Unter Berücksichtigung der dargelegten möglichen Ursachen unterschiedlicher Todesursachenziffern in den neuen im Vergleich zu den alten Bundesländern bedarf die hergestellte Beziehung zwischen Arzneimittelausgaben, sowie zwischen Defiziten in Diagnostik und Therapie und der Herz-Kreislauf-Sterberate allerdings einer kritischen Betrachtung. Folgerungen ergeben sich unter anderem hinsichtlich der weiteren vorstationären therapeutischen Strategie ischämischer Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Ebenso sollte die Genauigkeit der Todesursachendiagnose verbessert werden, damit amtliche Todesursachenziffern vergleichbar sind.

Literatur
1. Barth W et al.: Coronary heart disease mortality, morbidity and case fatality in five east and west german cities (1985–1989). J Clin Epidemiol 1996; 49: 1277–1284.
2. Fischer F et al.: Vergleich des akuten Myokardinfarktes 1996–1998 zwischen den alten und neuen Bundesländern. DMW 2000; 125: 1181–1185.
3. Gesundheitszustand und ambulante medizinische Versorgung der Bevölkerung im Ost-West-Vergleich. Studie des Zentralinstituts für kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland. Köln 2000.
4. Statistisches Bundesamt 1997, Gesundheitswesen, Fachserie 12, Reihe 4, Todesursachen in Deutschland.
5. Statistische Berichte Mecklenburg-Vorpommern 1997, Statistisches Landesamt Schwerin.
6. Mangelhafte Statistik über Todesursachen. Dt Ärztebl 1995; 92: A-188 [Heft 4].

Anschrift des Verfassers:
Dr. med. Alfred Schubert
Facharzt für Hygiene und Epidemiologie
Mecklenburger Allee 22
17235 Neustrelitz


Tabelle 1
Herz-Kreislauf-Krankheiten
Sterbeziffern 1997 je 10 000 der Altersklassen der Diagnosegruppe „Krankheiten des Kreislaufsystems“ (ICD-9: 390–459), „ischämische Herzkrankheiten“ (ICD-9: 410–414) und aller übrigen Krankheiten des Kreislaufsystems (ICD-9: 390–405, 415–459) in Deutschland und Mecklenburg-Vorpommern (4, 5)
Männer Frauen
390–459 410–414 390–405, 390–459 410–414 390–405
415–459 415–459
Deutschland
45–65  29,5 16,6 12,9  10,2 4,3 5,9
65–75 138,8 76,4 62,4  71,9 32,7 39,2
über 75 517,0 255,3 315,7 511,8 191,2 320,6
Mecklenburg-Vorpommern
45–65  34,6 21,1 13,5  12,1 5,7 6,4
65–75 143,9 83,7 60,2  80,3 42,7 37,6
über 75 665,9 367,0 298,0 570,8 278,2 292,6


Tabelle 2
Ungenaue/unbekannte Ursachen
Sterbeziffern je 10 000 der Altersklassen der Diagnosegruppe „Ungenau bezeichnete und unbekannte Ursachen“ (ICD-9: 797–799) in Deutschland und Mecklenburg-Vorpommern 1997 (4, 5)
Männer Frauen
55–65 65–75 über 75 55–65 65–75 über 75
Deutschland
3,9 5,6 19,3 1,3 2,9 21,8
Mecklenburg-Vorpommern
1,5 0,5 1,7 0,5 1,2 0,9
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema