ArchivDeutsches Ärzteblatt37/1996Herzchirurgische Versorgung: Kaum noch Kapazitätsengpässe

POLITIK: Aktuell

Herzchirurgische Versorgung: Kaum noch Kapazitätsengpässe

Clade, Harald

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LNSLNSLNSLNS Bei der herzchirurgischen und kardiologischen Versorgung in Deutschland gibt es kaum noch Versorgungslücken; die Kapazitätsengpässe werden allmählich abgebaut. Auch werden die regionalen Versorgungsungleichgewichte und -unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland seit der Wiedervereinigung Zug um Zug beseitigt. Deutschland liegt, was die Frequenzen der Herzoperationen betrifft, im europäischen Vergleich in der Spitzengruppe. Mit mehr als 800 Herzoperationen je eine Million Einwohner liegt Deutschland mit den Niederlanden, Norwegen und der Schweiz gleich. Nur Schweden, Belgien, Finnland und Island erreichen mehr als 1 000 Herzoperationen je eine Million Einwohner. Ein aktueller Überblick.


Bei der herzchirurgischen Versorgung, den Operationen mit der Herz-Lungen-Maschine (HLM), bei der es in Deutschland vor Jahren noch Versorgungslücken und Engpässe gab, hält die Expansion ungebrochen an. Im Jahr 1995 wurden in West- und Ostdeutschland 76 herzchirurgische Zentren betrieben, davon 66 in den alten und zehn weitere in den neuen Bundesländern. Sowohl in West- als auch in Ostdeutschland wurden im vergangenen Jahr jeweils vier neue Herzchirurgie-Zentren in Betrieb genommen. Ein weiteres Zentrum startete Anfang 1996 in Bayreuth. In den neuen Ländern sind in Coswig und in Jena weitere Herzchirurgie-Zentren geplant oder im Bau. Zwar gibt es sowohl in West- als auch in Ostdeutschland noch eine Warteliste auf eine planbare herzchirurgische Operation, doch besteht die Gefahr, so die Experten, daß die früher bestehende latente Unterversorgung schon bald in eine kostentreibende Überversorgung umschlagen könnte. Dies ist die Quintessenz einer Analyse zur "Situation der Herzchirurgie 1995 in Deutschland", durchgeführt vom Leitenden Ministerialrat Dr. jur. Ernst Bruckenberger, Niedersächsisches Sozialministerium, Hannover, im Auftrag des Krankenhausausschusses der Arbeitsgemeinschaft der Leitenden Medizinalbeamtinnen und beamten der Länder (AGLMB).
Unter den betriebenen Herzchirurgie-Zentren waren im Jahr 1995 die Havelklinik in Berlin sowie die drei CardioClinicen in Hamburg, Frankfurt und in Köln weder mit den Aufsichtsbehörden der Länder abgestimmt, noch verfügten sie über einen Versorgungsvertrag mit den Kostenträgern. Die Verbände der Krankenkassen in Hamburg übernehmen die Kosten in der (privaten) CardioClinic nur noch in einem Notfall und wenn eine Aufnahme in einer der drei im Krankenhausplan enthaltenen kardiochirurgischen Einrichtungen nicht möglich war.
Neu hinzugekommen sind Herzchirurgie-Zentren an folgenden Standorten: Karlsruhe: Klinik für Herzchirurgie; Köln: CardioClinic; Krefeld: Städtische Krankenanstalten; und Koblenz: Zentralkrankenhaus der Bundeswehr. Die Standorte in den neuen Ländern, die in 1995 neu hinzukamen: Cottbus: Karl-ThiemKlinikum; Dresden: Universitäts-Klinik; Karlsburg/Greifswald: Zentrum für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie; Magdeburg: Universitäts-Klinikum.


Neue Methoden vielfach additiv
Zugleich mit der Vermehrung der Zahl der Standorte und Zentren haben sowohl die Untersuchungs- als auch die Operationsfrequenzen in der Herzchirurgie zugenommen. Dies gilt insbesondere für neue Verfahren und Technologien. Autor Bruckenberger: "Es zeigt sich, daß neue Methoden vielfach additiv zu den bereits vorhandenen hinzukommen, sie also nicht ersetzen, mithin kostentreibend wirken."
Von den zu Beginn des Jahres 1996 betriebenen 338 Linksherzkatheter-Meßplätzen für Erwachsene wurden 130 (38 Prozent) in direkter Verbindung zu einem der 76 Herzchirurgie-Zentren vorgehalten. An 50 Zentren in den alten Bundesländern wird mehr als ein Meßplatz betrieben, an 13 Zentren sind es drei. Von den Herzchirurgie-Zentren in den neuen Ländern verfügen vier über mehr als einen Linksherzkatheter-Meßplatz.
Die Operationsfrequenz von Herzoperationen mit der Herz-Lungen-Maschine hat sich 1995 gegen-über dem Vorjahr weiter erhöht - von 65 347 (1994) auf 78 184. Davon entfielen 69 398 (60 491) Operationen auf die 66 Zentren in den alten Ländern und weitere 8 786 (4 856) auf die zehn Herzchirurgie-Zentren in den neuen Ländern.
Bezogen auf eine Million Einwohner, ergibt dies in den alten Ländern 1 051 (1994: 920) und in den neuen Ländern 566 (311) Herzoperationen mit der HLM. Damit liegt die Operationsfrequenz zumindest in den alten Ländern über dem ursprünglichen Richtwert, den die Minister und Senatoren für Gesundheitswesen im November 1988 formuliert haben (500 bis höchstens 700 Operationen je eine Million Einwohner).
In den alten Ländern entfielen im Durchschnitt 1 029 (961) Herzoperationen auf ein Zentrum. Die Bandbreite reichte dabei von 177 (34) bei einem neu betriebenen Zentrum bis zu 3 713 (3 545) Operationen bei bereits etablierten Zentren. Die durchschnittliche Frequenz eines Zentrums in den neuen Ländern lag bei 878 (809) Herzoperationen. Auch hier variieren die Frequenzen zwischen 155 (412) bei einer Neuinbetriebnahme und 2 116 (1 435) Operationen je Herzzentrum.


521 Transplantationen
In den neuen Bundesländern wurden 50 Prozent aller Operationen mit einer jährlichen Auslastung von mehr als 700 Herzoperationen erbracht. In den alten Ländern entfallen rund 75 Prozent aller Operationen auf Koronaroperationen, in den neuen Ländern beträgt der Anteil 71,6 Prozent. Die Anteile der Operationen bei einem Herzklappenfehler und angeborenen Herzfehlern liegen in den neuen Ländern entsprechend höher. Die Zahl der Herztransplantationen nahm im vergangenen Jahr von 509 auf 521 zu. Von den Transplantationen (Erwachsene und Kinder) entfielen 469 auf eine Herztransplantation, davon 454 in den alten und 15 in den neuen Ländern. Hinzu kamen in den alten Ländern 24 Herz-Lungen- und 28 Lungen-Transplantationen. Transplantationen wurden an 29 Zentren vorgenommen. In 22 Zentren wurden weniger als 20 und nur in einem Zentrum mehr als 100 Transplantationen durchgeführt.
Im Jahr 1995 waren 12 669 Patienten für eine planbare Herzoperation vorgemerkt. Die früher bestehende überlange Warteliste konnte damit um rund 2 500 Patienten verringert werden. Heute stehen auf den Wartelisten in den alten Ländern noch 10 549, in den neuen Ländern 2 120 Patienten (Erwachsene allein: 9 549 beziehungsweise 2 059 Patienten). Dies sind rund 15 beziehungsweise 25 Prozent der Operationskapazität des Jahres 1995.


Gerätedichte
Die früher noch häufig registrierte grenzüberschreitende herzchirurgische Versorgung und die Durchführung von Herzoperationen im Ausland sind weiter zurückgegangen. Allerdings gibt es bei der kinderherzchirurgischen Versorgung noch Engpässe und einen zusätzlichen Kapazitätsbedarf.
Nimmt man die vorhandene Gerätedichte an Linksherzkatheter-Meßplätzen in den alten Ländern als Orientierungsgröße für die Versorgung in den neuen Ländern, müßten zu den vorhandenen 39 weitere 42 Meßplätze betrieben werden. Um etwa 1 000 Herzoperationen je eine Million Einwohner durchzuführen, müßten in einigen Zentren die Operationsfrequenzen auf deutlich mehr als 1 000 Operationen gesteigert werden. Allerdings, so folgert der Herzchirurgie-Report, müßten Vorkehrungen für eine engere kooperative Auslastung von medizinischen Großgeräten (Computer- oder Kernspintomographen, LinksherzkatheterMeßplätzen usw.) getroffen werden, damit eine kostentreibende, medizinisch nicht indizierte Auslastung und Amortisation installierter Geräte und Kapazitäten unterbleiben. Dr. Harald Clade


Situation der Herzchirurgie 1995 in Deutschland. 8. Bericht des Krankenhausausschusses der Arbeitsgemeinschaft der Leitenden Medizinalbeamtinnen und Medizinalbeamten (AGLMB). Verfasser: Ltd. Ministerialrat Dr. jur. Ernst Bruckenberger, Niedersächsisches Sozialministerium, Hannover, Juli 1996

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