ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2001Gesundheit von Frauen (I): Der „kleine“ Unterschied...

POLITIK

Gesundheit von Frauen (I): Der „kleine“ Unterschied...

Dtsch Arztebl 2001; 98(14): A-877 / B-729 / C-682

Richter, Eva A.

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Erstmals widmete sich ein internationaler Spitzenkongress dem Thema
„Women’s Mental Health“. 2 000 Experten diskutierten vom 27. bis 31. März in Berlin.

Gerade bei psychischen Erkrankungen, die bisher als „geschlechtsneutral“ galten, bestehen erhebliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Frauen leiden etwa doppelt so häufig an psychosomatischen Erkrankungen und affektiven Störungen als Männer; dreimal mehr an Depressionen. 95 Prozent aller Patienten mit Essstörungen und 70 Prozent aller Medikamentenabhängigen sind weiblich. Dennoch wird der Krankheitswert von Stimmungsstörungen bei Frauen oft nicht anerkannt. Psychische und psychiatrische Erkrankungen werden seltener fachärztlich behandelt. Und selbst dann bestehen bei Diagnostik und Therapie noch Defizite.
Erstmals widmete sich jetzt ein Weltkongress (First World Congress on Women’s Mental Health) frauenspezifischen Aspekten in der Psychiatrie und Psychologie. Mehr als tausend Kliniker und Forscher aus 55 Ländern beschäftigten sich Ende März in Berlin mit der Psyche der Frau und ihren Besonderheiten. Zahlreiche Studien der letzten Jahre untersuchen biologische Unterschiede beziehungsweise hormonelle Wirkungen und Interaktionen. Noch weitgehend unerforscht sind die Einflüsse sozialer Faktoren. „Doppelbelastung, mangelndes Selbstwertgefühl und auch Gewalterfahrungen von Frauen müssen stärker in den Blick genommen und bei Diagnose und Therapiekonzepten berücksichtigt werden“, sagte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt zur Eröffnung des Kongresses.
Sie will auf der Leitungsebene des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums ein Referat für frauenspezifische Gesundheitspolitik einrichten. „Wir können mit der frauenspezifischen Versorgungsqualität noch nicht zufrieden sein“, betonte die Ministerin. Um diese zu verbessern, setze sie auf eine intensivere Zusammenarbeit aller Beteiligten im Gesundheitswesen und die Vernetzung von ambulanten und stationären Leistungsträgern. Ferner sollen in der Aus- und Fortbildung von Ärzten sowie in der Forschung zukünftig geschlechtsspezifische Aspekte stärker berücksichtigt werden.
Neben psychosozialen Faktoren und einem höheren „seelischen Druck“, beispielsweise durch die Doppelbelastung durch Beruf und Familie, gelten Hormonschwankungen als Hauptursache für das höhere Erkrankungsrisiko von Frauen. Eine wesentliche Rolle scheint dabei das Östrogen zu spielen. Dieses besitzt eine antidepressive Wirkung, da es den Abbau von Serotonin hemmt. Fällt der Östrogenspiegel ab, treten gehäuft psychische Störungen auf, beispielsweise in der prämenstruellen Phase, im Wochenbett oder im Klimakterium. Während einer Schwangerschaft, wenn der Östrogenspiegel steigt, ist das Erkrankungsrisiko dagegen wiederum geringer.
Schutz durch Östrogene
Die protektive Wirkung des Östrogens zeigt sich auch bei schizophrenen Erkrankungen: „Frauen erkranken im Mittel drei bis fünf Jahre später an Schizophrenie als Männer“, berichtete Prof. Dr. Anita Riecher-Rössler von der Psychiatrischen Universitätsklinik Basel (Schweiz) und Präsidentin der Deutschsprachigen Gesellschaft für die psychische Gesundheit von Frauen. Zudem verliefe die Schizophrenie bei jüngeren Frauen günstiger als bei älteren, was ebenfalls auf den höheren Östrogenspiegel zurückgeführt wird. Dies eröffne neue therapeutische Möglichkeiten. Interventionsstudien hätten ergeben, dass eine Östrogensubstitution bei postmenopausalen schizophrenen Frauen sinnvoll ist, erklärte Riecher-Rössler. Ferner scheint der Einsatz von atypischen Neuroleptika günstiger zu sein, da diese den Abbau von Östrogen wesentlich geringer beschleunigen als die herkömmlichen.
Frauen erhalten oftmals nicht die optimale Behandlung
Auch bei anderen psychischen Erkrankungen spielt der „kleine Unterschied“ eine Rolle: „Frauen werden zum Teil seit Jahrzehnten mit Psychopharmaka überdosiert“, kritisierte der Kongresspräsident Dr. med. Mario Lanczik, Psychiatrische Universitätsklinik Erlangen. Da das weibliche Gehirn um etwa zehn Prozent kleiner, aber deutlich besser durchblutet ist, werden mehr Wirkstoffe in kürzerer Zeit angeflutet. Die Folge: „Frauen leiden häufiger unter den Nebenwirkungen, da die Psychopharmaka in Dosierungen verordnet werden, die eigentlich für Männer adäquat sind“, erläuterte Lanczik. Deshalb sollte während der Therapie der Blutspiegel der Substanzen kontrolliert werden, empfiehlt der Psychiater. In wissenschaftliche Studien seien früher fast nur männliche Testpersonen einbezogen gewesen, da Frauen durch den Monatszyklus oder Schwangerschaft als „unsicher“ galten. Erst in den Neunzigerjahren hätte die oberste Gesundheitsbehörde in den USA (Food and Drug Administration) die Notwendigkeit der Forschung an weiblichen Probanden erkannt.
Tatsache sei in den deutschsprachigen Ländern auch, dass Frauen häufiger Benzodiazepine und Tranquillanzien zur „Beruhigung“ verordnet bekommen als Männer, betonte Riecher-Rössler. Dabei seien in vielen Fällen Antidepressiva indiziert. Kanadische Forscher berichteten, dass gerade beim Prämenstruellen Syndrom selektive Serotonin-Reuptake-Inhibitoren (SSRIs) die Mittel der Wahl sein könnten, da das serotonerge System in enger Verbindung mit dem Hormonzyklus steht. Studien hätten gezeigt, dass eine Behandlung mit SSRIs zu einem schnellen Abklingen der Symptome und zur Verbesserung der Lebensqualität führe, berichtete Prof. Dr. Meir Steiner von der Mc Master University Hamilton, Kanada. Die SSRIs sind zudem kostengünstig, da sie gezielt nur im letzten Drittel des Zyklus eingesetzt werden können.
In der psychotherapeutischen und psychiatrischen Behandlung von Frauen bestehe insgesamt in den deutschsprachigen Ländern ein deutlicher Nachholebedarf im Vergleich zu den USA, kritisierte Riecher-Rössler. Die weibliche Rolle sei in der Psychotherapie bisher kaum ein Thema gewesen. Es gäbe wenig geschlechtsspezifische Therapieansätze. Auch konsultierten Frauen, wenn sie sich bei Stimmungsstörungen überhaupt an einen Arzt wendeten, häufiger einen Gynäkologen als einen Psychiater. Der Kongress in Berlin versuchte, auch in diesen Fragen die Zusammenarbeit zwischen den Disziplinen zu fördern. Dr. med. Eva A. Richter


Kongress „Women’s Mental Health“: Frauen leiden häufiger an psychischen Störungen, werden aber seltener ärztlich behandelt.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema