ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2001Gesundheit von Frauen (II): ... und seine Folgen

POLITIK

Gesundheit von Frauen (II): ... und seine Folgen

Dtsch Arztebl 2001; 98(14): A-878 / B-746 / C-706

Rieser, Sabine

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LNSLNS Unterschiedliche Gesundheitsprobleme von Frauen und Männern werden in der Versorgung zu wenig berücksichtigt. Das war der Tenor einer Anhörung Anfang März im Deutschen Bundestag.

Wenn sich im Jahr 2003 die Klinikfinanzierung völlig verändert (Umstellung auf diagnosebezogene Fallpauschalen), werden auf Frauen erhebliche zusätzliche Probleme zukommen. Das hat Dr. med. Astrid Bühren, die Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes, prognostiziert. Jede stationäre Einrichtung werde dann bemüht sein, Patienten und Patientinnen so schnell wie möglich zu entlassen. Das sei zwar sinnvoll, aber nur, wenn ein entsprechendes Nachsorgesystem zur Verfügung stehe. Sonst werden die raschen Entlassungen Frauen besonders treffen, weil sie im Alter häufiger als Männer allein leben oder mit Partnern, die sie nicht versorgen wollen oder können. Außerdem werden Frauen in noch größerem Umfang als bisher die Weiterversorgung von Pflegebedürftigen übernehmen müssen – zulasten der eigenen Berufstätigkeit und einer ausreichenden Rente im Alter.
Bühren nahm als eine von rund 50 Sachverständigen an einer öffentlichen Anhörung zum Thema „frauenspezifische Gesundheitsversorgung“ teil. Dazu hatten am 7. März in Berlin die Ausschüsse für Gesundheit und für Familie, Senioren, Frauen und Jugend eingeladen. Anlass waren zwei Anträge der Regierungskoalition und der Opposition (siehe Textkasten).
Bühren forderte als einen Beitrag zu einer frauenspezifischen Gesundheitsversorgung, die Psychotherapie als Pflichtleistung im Katalog der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) zu belassen. Frauen würden im Vergleich zu Männern eher als seelisch krank diagnostiziert. Ihre gesundheitlichen Beschwerden würden häufig mit Medikamenten behandelt, obwohl oft eher eine psychosoziale Betreuung notwendig wäre, sagte die Präsidentin des Ärztinnenbundes.
Um den Blickwinkel stärker auf weibliche Gesundheitsbedürfnisse zu lenken, müsse die mangelhafte Präsenz von Frauen in Leitungspositionen mit Delegations- und Entscheidungsmacht im Gesundheitswesen deutlich verbessert werden. Bühren wies darauf hin, dass lediglich 2,3 Prozent der Lehrstuhlinhaber in klinisch bettenführenden Abteilungen beziehungsweise Fachgebieten Frauen sind (Stand: 1998). Untersuchungen hätten außerdem ergeben, dass zum Beispiel in pharmakologischen Studien Frauen häufig nur dann als Teilnehmerinnen einbezogen sind, wenn Frauen/Ärztinnen zu den Studienleitern gehören. Frauen verlangten mehr „sprechende Medizin“. Wenn Politiker und Politikerinnen etwas verändern wollten, sollten sie konsequent nur Modellvorhaben und Studien fördern, die die Perspektive von Frauen einbezögen. Zudem sollten Fachleute der Ministerien bei Verhandlungen mit ärztlichen Standesorganisationen fordern, dass auch Ärztinnen daran teilnehmen.
Im Rahmen der mehrstündigen Anhörung wurde deutlich, dass die Kritik an einer mangelhaften frauenspezifischen Gesundheitsversorgung längst nicht mehr nur von einzelnen Gruppierungen geäußert wird – schon gar nicht nur von solchen, die man mit dem Etikett „Feministinnen“ gern zur Bedeutungslosigkeit abstempeln möchte. Inzwischen wird die These durch zahlreiche wissenschaftliche Studien zu Krankheitsbildern untermauert; nicht zuletzt Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen äußerten bei der Anhörung ihr Unbehagen über die mangelnde Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Unterschiede.
PD Dr. Ursula Härtel vom Humanwissenschaftlichen Zentrum der Ludwig-Maximilians-Universität München nannte als ein Beispiel Studien zur Versorgung von Herzinfarktpatienten. Jüngere Frauen erlitten zwar seltener einen Herzinfarkt als Männer gleichen Alters, stürben dann jedoch eher daran. Der Infarkt bleibe häufiger unerkannt, möglicherweise als Folge einer anderen Pathophysiologie oder als Folge einer Fehldiagnose der Beschwerdesymptomatik (Prof. Dr. Ulrike Maschewsky-Schneider, Institut für Gesundheitswissenschaften der TU Berlin). Nach einem überlebten Infarkt profitierten Frauen seltener als Männer an Reha-Maßnahmen. Sie litten dann andererseits sehr viel häufiger als diese an Angststörungen.
Breiten Raum nahm auch die Diskussion um eine verbesserte Brustkrebsprophylaxe und die Versorgung der betroffenen Frauen ein: „Es gibt kaum eine andere diagnostische oder therapeutische Methode in der Medizin, die . . . so viel emotionalen Irritationen unterliegt wie die Brustkrebs-Früherkennung“, heißt es in einem Konsens-Papier, das Prof. Dr. med. Klaus-Dieter Schulz von der Deutschen Gesellschaft für Senologie vorlegte. Einigkeit bestand nur darüber, dass es Deutschland im Vergleich zu vielen europäischen Ländern nicht gelungen ist, die Zahl der Todesfälle zu senken, und dass der Streit um ein Massenscreening das Land lähmt.
Doch das Thema hat viele Facetten. „Es ist ein großes Problem, dass Frauen über 50, die ein erhöhtes Risiko haben, immer seltener zum Frauenarzt gehen“, sagte Irmgard Naß-Griogleit. Dr. med. Harlfinger vom Berufsverband der Frauenärzte regte deshalb an, Hausärzte und Fachärzte anderer Disziplinen (zum Beispiel Internisten) in die Versorgung einzubeziehen. Angesichts der geringen Teilnahme an Früherkennungs-Untersuchungen in ländlichen Regionen forderte er zudem: „Wir müssen aufs Land.“ Andere Expert(inn)en hingegen meinten, dass die Früherkennung, vor allem die Mammographie, in die Verantwortung hochspezialisierter Fachleute gehöre. Schulz gab zu bedenken, dass die Früherkennung keine risikofreie Methode sei und man entsprechende Projekte nur „im Hinblick auf die Lebensqualität der Frauen“ angehen könne.
Auch zu den Möglichkeiten, Gebärmutterhalskrebs zu verhindern, wurden Sachverständige befragt. Dabei ging es vor allem um den Nutzen eines breit einzusetzenden HPV-Tests (HPV: Human-Papillom-Virus). Die Deutsche Gesellschaft für Zytologie hat sich in ihrer schriftlichen Stellungnahme gegen ein Screening ausgesprochen, „selbst bei Hochrisiko-Typen“. Prof. Dr. med. Thomas Iftner von der Abteilung Medizinische Virologie der Universität Tübingen erläuterte, dass Gebärmutterhalskrebs sich verhindern lasse, wenn eine erstklassige Früherkennung rechtzeitig greife. Dass die Sterberate in Deutschland im europaweiten Vergleich noch hoch sei, liege daran, dass zu wenig Frauen in den relevanten Altersgruppen zur Vorsorge kämen. Der Nachteil des HPV-Tests sei, dass er an der Ursache beziehungsweise dem Risiko einer Frau ansetze, nämlich einer Infektion. So würden auch Frauen durch ein positives Testergebnis beunruhigt, bei denen die Infektion rasch abheile. Zurzeit versuche man im Rahmen einer Studie herauszufinden, von welcher Dauer an Infektionen riskant würden. Zuvor solle man kein Screening einführen. Sabine Rieser
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