THEMEN DER ZEIT

Persönlichkeit und Praxiserfolg: Der Arzt als Unternehmer

Dtsch Arztebl 2001; 98(14): A-895 / B-760 / C-718

Müller, Günter F.; Kohls, Niko

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Ärzte, die aufgrund eines Persönlichkeitstests als Unternehmer-Typen
charakterisiert werden können, sind zumeist auch ökonomisch erfolgreich.

Steigende Praxiskosten, gedeckelte Budgets, Einschränkungen bei der Arztwahl und mehr Wettbewerb um Patienten sind Gründe dafür, dass niedergelassene Ärzte ihren Beruf zunehmend auch unternehmerisch ausüben müssen. Dies schließt eine wirkungsvolle Präsentation von Zusatzleistungen und ein effektives Kosten-Controlling ebenso ein wie eine weitsichtige Investitionsplanung und eine reibungslose Praxisorganisation. Für solche Aufgaben und Anforderungen kann der Arzt unterschiedlich geeignet sein. Studien zeigen, dass Eigenschaftsmerkmale großen Einfluss darauf haben, ob sich Personen beruflich selbstständig machen oder nicht. Zudem ist nachweisbar, dass unternehmerische Eigenschaften wie zum Beispiel Leistungsmotivstärke, internale Kontrollüberzeugung, Risikoneigung, Ungewissheitstoleranz, Problemlösungsorientierung und Durchsetzungsvermögen (Textkasten) auch für den wirtschaftlichen Erfolg selbstständig tätiger Personen verantwortlich sind.
Der Fachbereich Psychologie der Universität Koblenz-Landau, Abteilung Landau, hat das unternehmerische Persönlichkeitspotenzial von 259 niedergelassenen Fachärzten für Gynäkologie getestet. Die Ärzte besuchten Seminare des Weiterbildungsprogramms „Wirtschaftsforum für niedergelassene Gynäkologen“. Beim Testverfahren handelte es sich um eine ins Deutsche übertragene, mehrfach verbesserte und erweiterte Version des entrepreneuri-
al potential questionnaire von King (1985). Neben Testwerten lagen von 177 Probanden die wichtigsten Kassenabrechnungsdaten, Einkünfte und Praxiskosten vor, sodass als Messgröße für den ökonomischen Erfolg des Arztes ein Nettoertrag der Praxis berechnet werden konnte. Weitere Angaben der Ärzte beinhalteten die Anzahl der durchschnittlich pro Tag behandelten Patienten und die durchschnittliche Arbeitszeit pro Woche.
Mehr Gewinne bei gleichem Arbeitspensum
Um zu ermitteln, welches unternehmerische Potenzial die Ärzte besitzen, und ob eine unterschiedliche Ausprägung dieses Potenzials auch Unterschiede beim finanziellen Ertrag der Praxis erkennen lässt, wurde zunächst die Testwerte-Verteilung aller Untersuchungsteilnehmer analysiert. Werden die zuvor an unternehmerisch tätigen und abhängig beschäftigten Personen ermittelten Potenzialbereiche herangezogen, können 13,1 Prozent der Ärzte als „unternehmerisch nicht geeignet“, 61 Prozent als „bedingt unternehmerisch geeignet“ und 25,9 Prozent als „uneingeschränkt unternehmerisch geeignet“ eingestuft werden. Zieht man als Nächstes die Wirtschaftsdaten der Praxen heran und setzt die durchschnittlichen Nettobeträge pro Jahr zur Unternehmerklassifikation der Ärzte in Beziehung, zeigen sich deutliche Unterschiede. So ist feststellbar, dass die Nettoerträge unternehmerisch nicht geeigneter Ärzte am niedrigsten ausfallen (193 962 DM). Mit 276 534 DM sind die Praxiserträge bedingt unternehmerisch geeigneter Ärzte höher, und noch bessere Erträge erzielen Ärzte, die als uneingeschränkt unternehmerisch geeignet klassifiziert werden können (323 187 DM). Auf der Ebene einzelner Persönlichkeitsmerkmale sind es vor allem Leistungsmotivstärke und Durchsetzungsvermögen, die zu unterschiedlichen Praxiserträgen beitragen. Die Ärzte mit unternehmerischem Potenzial erwirtschaften mehr Gewinne, obwohl sie weder mehr Patienten behandeln noch länger arbeiten.
Die Ergebnisse der Studie zeigen einerseits, dass gut ein Viertel der untersuchten Ärzte als uneingeschränkt unternehmerisch geeignet und immerhin mehr als 60 Prozent als partiell unternehmerisch geeignet eingestuft werden können. Zum Zweiten hat sich herausgestellt, dass Ärzte mit unternehmerischem Eigenschaftspotenzial größere Praxiserträge erwirtschaften als Ärzte mit weniger ausgeprägtem Eigenschaftspotenzial. Die sich abzeichnenden Kerneigenschaften des Unternehmers Arzt legen den Schluss nahe, dass der wirtschaftliche Praxiserfolg primär auf einer intensiveren Beschäftigung mit unternehmerischen Aufgaben (Leistungsmotivstärke) und einer wirkungsvolleren Praxisführung (Durchsetzungsvermögen) beruht. Diesen Erkenntnissen können auch Hinweise entnommen werden, worin Maßnahmen zur Kompensation dispositioneller Defizite bestehen könnten. Zwar ist es nur langfristig und selten ohne professionelle Hilfe möglich, die Ausprägung von Persönlichkeitsmerkmalen substanziell zu verändern. Gleichzeitig jedoch lässt sich belegen, dass Personen mit weniger stark ausgeprägten Eigenschaftspotenzialen oft besser auf Inhalte von Schulungs- und Trainingsveranstaltungen ansprechen als Personen mit stärker ausgeprägten Eigenschaftspotenzialen. Durch den Erwerb von wirtschaftlichem Know-how und Führungskompetenz sollten Ertragssteigerungen demnach auch bei dispositionell weniger günstigen Voraussetzungen möglich sein.

Prof. Dr. phil. Günter F. Müller
Fachbereich Psychologie, Universität Koblenz-Landau, Abteilung Landau
Im Fort 7
76829 Landau
E-Mail: mueller@uni-landau.de

Niko Kohls
Institut PMR GmbH
Kartäuserstraße 47
79102 Freiburg
E-Mail: kohls@institut-pmr.de




Unternehmerische Eigenschaften

- Leistungsmotivstärke: Dieses Merkmal kennzeichnet die Bereitschaft, sich Aufgaben und beruflichen Anforderungen um ihrer selbst willen zu widmen und in ihnen realisierbare Herausforderungen für eigene Fähigkeiten und Kompetenzen zu sehen.
- Internale Kontrollüberzeugung: Dieses Merkmal kennzeichnet ein Verständnis der eigenen Person als Initiator beruflicher Aktivitäten und Veränderungen. Tätigkeiten und Arbeitshandlungen werden eher eigenen Absichten und Entscheidungen als äußeren Einflüssen zugeschrieben. Dies ist bei ärztlichen Behandlungen selbstverständlich, nicht notwendig jedoch auch bei der Entfaltung unternehmerischer Tätigkeiten.
- Risikoneigung: Typisch für dieses Merkmal ist eine besondere Art des Umgangs mit risikobehafteten Entscheidungssituationen. Bei ärztlichen Behandlungen müssen Risiken für Patienten möglichst ausgeschaltet werden. Für unternehmerisches Handeln ist die Neigung, kalkulierte Risiken einzugehen, hingegen vorteilhaft.
- Ungewissheitstoleranz: Charakteristisch für dieses Merkmal ist eine besondere Art von Affinität für bestimmte Aufgabensituationen. Ungewissheitstolerante Personen bevorzugen neuartige, unstrukturierte Situationen, weil sie kreativ, flexibel und anpassungsfähig sind. Ungewissheitsintolerante Personen hingegen mögen bekannte, strukturierte Situationen, weil sie ordnungssuchend, gewohnheitsbestimmt und regelverliebt sind. Der Arzt braucht Ungewissheitstoleranz sowohl für eine professionelle Ausübung seines Berufs (fachliche Fort- und Weiterbildung) als auch für den Umgang mit Aufgaben, die eine stärker unternehmerische Praxisführung mit sich bringt.
- Problemlösungsorientierung: Kennzeichnend für dieses Merkmal ist das Selbstvertrauen, berufliche Probleme als prinzipiell lösbar zu betrachten und den Anforderungen solcher Probleme gewachsen zu sein. Dies mag für die Lösung ärztlicher Diagnose- und Behandlungsprobleme selbstverständlich sein, nicht jedoch auch für die Lösung unternehmerischer Probleme.
- Durchsetzungsvermögen: Dieses Persönlichkeitsmerkmal beinhaltet die Neigung, sich anderen Personen gegenüber in sozial akzeptabler Weise behaupten zu wollen. Solch eine Neigung kann für den Unternehmer Arzt vor allem dann wichtig sein, wenn die Praxis effizienter geführt und organisiert werden soll.
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