ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2001Streit um die Embryonen: Was tun, wenn man sich nicht einigen kann?

DOKUMENTATION: Aufsätze

Streit um die Embryonen: Was tun, wenn man sich nicht einigen kann?

Dtsch Arztebl 2001; 98(14): A-896 / B-748 / C-700

Wiesing, Urban

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LNSLNS Nach den Äußerungen des Präsidenten der Bundesärzte-
kammer in der Frankfurter Allgemeinen stellt sich die Frage:
Welche Rolle kommt der Ärzteschaft zu?

Dem Leser „anspruchsvoller“ Zeitungen wird seit einigen Monaten ein erbitterter Kampf aufgefallen sein. Gestritten wird um neuere Technologien wie die Präimplantationsdiagnostik oder die Forschung an embryonalen Stammzellen, vor allem aber um die grundlegende Frage, welcher Schutz dem ungeborenen menschlichen Leben zukommen soll. Anlässe zu dieser Debatte gab es mehrere: Die Bundes­ärzte­kammer hatte einen Entwurf einer Richtlinie zur Präimplantationsdiagnostik (PID) vorgestellt, in der sie diese innerhalb strenger Grenzen befürwortet. Ein Mitglied der Bundesregierung, Staatsminister Julian Nida-Rümelin, hatte sich gegen die gleiche Zuschreibung der Menschenwürde an menschliche Embryonen in den ersten 14 Tagen vor der Implantation ausgesprochen. Seither wechseln sich wöchentlich, zuweilen täglich die Stellungnahmen für und gegen den Lebensschutz von Embryonen ab.
Die Argumente sind seit langem bekannt
Die Standpunkte und die angeführten Argumente zum Lebensrecht des ungeborenen menschlichen Lebens sind nicht neu, sondern seit langem bekannt. Alles, was in den letzten Monaten für und wider den Lebensschutz von Embryonen zu lesen war, lässt sich schon seit geraumer Zeit in der einschlägigen moralphilosophischen Literatur finden. Neu ist allenfalls die Aufgeregtheit angesichts der Tatsache, dass ein Mitglied der Bundesregierung den Lebensschutz von Embryonen relativiert hat. Dabei hat Nida-Rümelin nur das öffentlich gesagt, was in der Moralphilosophie – der Staatsminister ist hier ausgewiesener Experte – zu den ausführlich diskutierten Positionen gehört.
Man wird sich nicht
einigen können
Bei der Debatte war eines schon vorab klar: Man wird sich am Ende nicht einigen können. Man hätte gleich eingangs vor der Illusion warnen sollen, es ließe sich zum moralischen Status des ungeborenen menschlichen Lebens ein Konsens finden. Die Positionen zwischen den Befürwortern eines uneingeschränkten Schutzes der Embryonen ab Verschmelzung von Samen- und Eizelle und den Befürwortern eines abgestuften, wachsenden Schutzes der Embryonen liegen so weit auseinander, dass
sie nicht zu vermitteln sind. Selbst ein Rückgriff auf das Grundgesetz und die darin verankerte Menschenwürde kann die Kontroverse nicht entschärfen. Zwar schützt das Grundgesetz nach Ansicht der meisten Rechtsgelehrten menschliches Leben ab der Verschmelzung von Samen- und Eizelle, doch auch hier erhebt sich Widerspruch. Für Norbert Hoerster lässt die Verfassung keine eindeutigen Rückschlüsse zu, und für Reinhard Merkel ist das Embryonenschutzgesetz gar verfassungswidrig. Es bestätigt sich, was im Grunde seit langem bekannt ist: Man wird sich nicht einig, und daran dürfte sich auch in Zukunft nichts ändern. Für mehrere Positionen zum Schutz des ungeborenen Lebens lassen sich plausible Argumente anführen. Wenn es eines Beweises bedurft hätte, dass wir uns in einer wertepluralen Gesellschaft befinden, hier ist er. Was folgt aus dieser ernüchternden Diagnose? Die Debatte um den moralischen Status des ungeborenen menschlichen Lebens führt uns mit Deutlichkeit vor Augen, dass in dieser Frage eine politische Entscheidung gefällt werden muss, da kein moralischer Konsens erwartet werden darf. Der Staat in Form seiner demokratisch legitimierten Institutionen muss sich Fragen jenseits der verschiedenen Überzeugungen stellen. Erstens: Auf welchen Prämissen basieren die jeweiligen Positionen zum Lebensschutz des ungeborenen Lebens, und inwieweit sind diese Vorannahmen – zum Beispiel religiöser Art – für alle verbindlich? Zweitens: Nicht die Frage, welche Vorgehensweise ist moralisch die einzig richtige, stellt sich, sondern: Welche Handlungen soll der Staat erlauben? Im Grunde hat sich der Gesetzgeber so bereits beim § 218 verhalten. Dieses Gesetz ist einzig ein politischer Kompromiss, der dem moralischen Dissens in unserer Gesellschaft nicht beikommen konnte.
Auch die Konsequenzen aus der notorischen Uneinigkeit beim Embryonenschutz sind lange bekannt. Schon vor über zehn Jahren beendete Anton Leist seine Untersuchung zum moralischen Status des ungeborenen Lebens mit der Feststellung, dass sie in die Frage der Toleranz münden würde. Was soll erlaubt werden, ohne die Zumutbarkeit der Vertreter anderer Ansichten zu überfordern? Wenn gute Argumente für einen gestuften Lebensschutz von Embryonen angeführt werden können und die Gegenargumente zumeist auf bedingt verallgemeinerungsfähigen Vorannahmen beruhen, dann sollte man den Schutz der Embryonen in der frühesten Phase zumindest gegen andere hochrangige Güter zur Abwägung stellen. Dass diese Überlegungen nicht ganz folgewidrig sind, sei mit Verweis auf die Realität untermauert: Die Tötung von Embryonen geschieht beispielsweise durch die Spirale millionenfach, ohne dass sie sonderlich kontrovers wäre. Entweder die Spirale müsste verboten werden, oder die Überlegungen der Bundes­ärzte­kammer zur PID sind nicht ganz abwegig. Zudem schließen liberale rechtliche Regelungen nicht aus, dass für zahlreiche Bürger aufgrund von moralischen, hoch respektablen Überzeugungen eine PID oder ein Schwangerschaftsabbruch nicht infrage kommen.
Die Ärzteschaft – welche Rolle?
In die Diskussion haben sich Ärzte und Vertreter der verfassten Ärzteschaft eingeschaltet – mit deutlicher Resonanz. Insbesondere ein Artikel des Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer, Jörg-Dietrich Hoppe, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat zahlreiche Reaktionen provoziert. Nicht zuletzt von ihm selbst, wurde doch sein Artikel ohne Rücksprache gekürzt, entstellend überschrieben und redaktionell vernichtend kommentiert: Seine Ausführungen seien „in weiten Teilen ein Dokument der Hilflosigkeit“.
Das bitterböse Urteil des redaktionellen Kommentars richtete sich unter anderem gegen Hoppes Äußerung, die aufgeworfenen Fragen könnten nur von der „Gesamtgesellschaft“ beantwortet werden. Dem hielt wenig später Stephan Sahm entgegen, es zähle „zu den vornehmsten ärztlichen Pflichten [. . .], zu den ethischen Herausforderungen medizinischer Praxis einen Standpunkt zu finden“ .
Unweigerlich drängt sich die Frage auf, welche Rolle der Ärzteschaft bei der Auseinandersetzung zukommt. Zweierlei sollte man sich vergegenwärtigen. Erstens: Wen betreffen die Entscheidungen? Und zweitens: Gibt es eine Gruppe, die über einen privilegierten Zugang zu einer besseren und in höherem Maße verbindlichen Moral verfügt?
Die erste Frage lässt sich leicht beantworten: Die Auswirkungen neuer Technologien in der Medizin betreffen alle potenziellen Kranken, also im Prinzip alle Bürger. Die Frage, wie eine Gesellschaft mit dem ungeborenen menschlichen Leben umgehen soll, betrifft gleichermaßen alle Bürger. Hier steht kein professionsinternes, sondern ein „gesamtgesellschaftliches“ Problem zur Debatte.
Bei der Frage nach einem privilegierten Zugang zu einer Moral wird man auf Grundannahmen unseres Gemeinwesens verweisen müssen. Zu diesen gehört, dass ein jeder Bürger in Sachen Moral zunächst einmal selbst Experte ist. Als sittliche Subjekte sind wir in hohem Maße auf uns selbst verwiesen, und darin sind sich alle Bürger gleich. Es ist mit dem Selbstverständnis einer demokratischen und offenen Gesellschaft daher kaum zu vereinbaren, dass einer Berufsgruppe exklusive moralische Fähigkeiten zugestanden werden, und Gleiches gilt für exklusive moralische Befugnisse. Wer es anders sieht, müsste es begründen – und das dürfte kaum gelingen. Kurzum: Die Frage, wie eine Gesellschaft mit dem ungeborenen Leben umgehen soll, lässt sich nicht von einer Profession lösen. Erstens geht sie alle an, und zweitens verfügt ein Berufsstand über keinerlei besondere Fähigkeiten und Befugnisse in moralischen Fragen.
Die Ärzteschaft – Spiegel einer wertepluralen Gesellschaft
Demokratische Gesellschaften halten die Zuständigkeit von Professionen gezielt begrenzt: Für die moralischen Probleme in ihrem Arbeitsbereich und vor allem für die Grundhaltungen des ärztlichen Ethos wird der Profession zwar ein Formulierungsrecht, beim ärztlichen Ethos gar ein Vorschlagsrecht eingeräumt. Die Berufsordnung – in Selbstverwaltung erstellt – muss jedoch stets von einem Minister gezeichnet werden. Anderes wäre in einem demokratischen Rechtsstaat auch schwerlich zu vertreten. Ärzte können die moralischen Normen ihres Handelns formulieren, argumentativ untermauern und für sie werben. Ihre Gültigkeit festlegen können sie als Profession jedoch nicht. Zuständig sind die demokratisch legitimierten Institutionen der Gesellschaft.
Dieser Aufteilung von Zuständigkeit wird stets der hohe Sachverstand der Professionen entgegengehalten. Nur sie verfügten über die Kenntnisse, die angemessene und sachgerechte Urteile erlauben. Und in der Tat ist der öffentliche Diskurs vom Sachverstand der Experten abhängig – allerdings nur in technischen Fragen. Nichts anderes ist mit dem Selbstverständnis einer Demokratie zu vereinbaren, als dass die Diskussion um die Medizin im öffentlichen Raum stattfindet, dass die Vertreter der Standesorganisationen ein Diskussionspartner unter vielen sind, dass von ihnen zwar technischer Sachverstand verlangt werden kann, ihnen aber kein privilegierter Zugang auf eine überlegene oder bindende Moral zusteht.
Ein Vergleich drängt sich auf: Man stelle sich das Befremden vor, wenn die militärische Führung der Bundeswehr feststellen würde, es gehöre zu den vornehmsten Pflichten des Militärs, in Sachen Kriegsführung einen Standpunkt zu finden und entsprechend zu entscheiden. Wenn demokratische Gesellschaften beständig darauf beharren, dass Soldaten „Bürger in Uniform“ sind und ihnen keinerlei Sonderstellung zukommt, dann ist doch nicht einzusehen, was so schlecht dran ist, wenn sich die Ärzte als „Bürger im weißen Kittel“ verstehen.
Insofern war es nur zu angemessen, wenn die Bundes­ärzte­kammer zu-
nächst einen Entwurf zur Präimplantationsdiagnostik zur Diskussion gestellt hat. Den Kritikern dieser Vorgehensweise sei gesagt, dass alles andere ungleich mehr Proteste hervorgerufen hätte.
Jörg-Dietrich Hoppe hat nicht nur die „Gesamtgesellschaft“ als Forum des Diskurses angeführt, sondern realistischerweise hinzugefügt, dass es um ethische Grundfragen gehe, „über die gesamtgesellschaftlich keine Einigkeit erzielt werden kann“. Ist es vor diesem Hintergrund nicht völlig abwegig, von den Ärzten zu verlangen – wie im redaktionellen Kommentar der Frankfurter Allgemeinen –, was der Gesellschaft nicht mehr gelingt? Die Ärzteschaft spiegelt auch nur die Gesellschaft wider, und es wäre ganz illusorisch anzunehmen, dass sich alle Ärzte in der Frage des Schwangerschaftsabbruchs oder der PID einig wären. (Noch nicht einmal innerhalb der Vorstandes der Bundes­ärzte­kammer, wie der Kommentar von Frank Ulrich Montgomery, gleichfalls in der Frankfurter Allgemeinen, verdeutlicht!) Die Ärzteschaft einer wertepluralen Gesellschaft ist keine vollständig homogene Gruppe, bei der es zu schwierigen und komplexen Themen nur eine Meinung gibt.
Gibt es ein „schuldfreies Arztsein“?
Dem Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer wurde überdies der Verweis auf eine Äußerung von Hermann-Josef Hepp vorgeworfen, in dieser Situation könne es „ein schuldfreies Arztsein“ nicht mehr geben. Man mag über den Begriff „schuldfrei“ streiten, vermutlich wäre „konfliktfrei“ treffender. Gleichwohl, in der Sache steht jedoch völlig außer Zweifel, dass die Herausforderungen der modernen Medizin – auch die PID – eben nicht einfach zu lösen sind, sondern die Unsicherheit, die Abwägung und der Kompromiss zur Regelung dieser Verfahren gehören. Viele Aspekte sind zu berücksichtigen, und bei einer Entscheidung müssen bestimmte Aspekte zurücktreten – so oder so mit Folgen für
die Beteiligten. Zu loben ist, wer sich dazu bekennt, und nicht, wer das verleugnet.
Hilflosigkeit oder Eingeständnis der Schwierigkeiten?
Wenn der redaktionelle Kommentar der Frankfurter Allgemeinen die Ausführungen Hoppes als „hilflos“ bezeichnet, so mag man dem in gewissem Maße zustimmen. Aber eignet sich diese Eigenschaft eines Diskussionsbeitrags als Vorwurf? Wer ist denn in dieser Situation nicht hilflos? Die, die vor-geben, es nicht zu sein, berufen sich zumeist auf Prämissen, die schwerlich zu verallgemeinern sind, oder sie scheuen die Komplexität der Sachverhalte. Sie erklären ihren eigenen Standpunkt zum Maßstab für alle anderen und glauben, die Tiefe ihrer persönlichen Überzeugtheit gebiete zwangsläufige Allgemeinverbindlichkeit. Sie können sich beispielsweise auf religiöse Überzeugung zurückziehen, aber in einem Rechtsstaat mit Religionsfreiheit sind damit die Schwierigkeiten einer allgemeinen Regelung nicht behoben. Ein Eingeständnis der Schwierigkeiten, will man in einer wertepluralen Gesellschaft hochkomplizierte Methoden der Medizin regeln, ist kein Ausdruck der Hilflosigkeit, sondern ein Ausdruck der Redlichkeit und ein erster Schritt.

Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2001; 98: A 896–898 [Heft 14]

Literatur beim Verfasser

Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. med. Dr. phil. Urban Wiesing
Lehrstuhl für Ethik in der Medizin
Universität Tübingen
Keplerstraße 15
72074 Tübingen
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