POLITIK: Aktuell

Grafenecker Erklärung zur Bioethik: Orientierung an den Menschenrechten

Dtsch Arztebl 1996; 93(37): A-2290 / B-1954 / C-1838

Klinkhammer, Gisela

Die Bioethik "verläßt an entscheidenden Stellen den Boden der Menschenrechte, mißachtet die geschichtlichen Erfahrungen und unterwirft den menschenrechtlichen Schutz des einzelnen zweckdienlichen Wertabschätzungen". Das ist das Fazit der "Grafenecker Erklärung zur Bioethik", die vom "Arbeitskreis zur Erforschung der ,Euthanasie'-Geschichte" erarbeitet wurde. In der Erklärung werden auch die geplante Bioethik-Deklaration der UNESCO sowie die "Menschenrechtskonvention zur Biomedizin" vom Europarat scharf kritisiert. Die Unterzeichner plädieren dagegen für eine ethische Orientierung am Nürnberger Kodex.


Rund 10 000 Menschen mit geistigen Behinderungen und psychischen Krankheiten wurden im Jahr 1940 im Rahmen des nationalsozialistischen "Euthanasie"-Programms in Grafeneck (Schwäbische Alb) durch Giftgas getötet. 55 Jahre später trafen sich an diesem Ort die Mitglieder des "Arbeitskreises zur Erforschung der ,Euthanasie'-Geschichte". Der interdisziplinäre Zusammenschluß von Ärzten, Psychologen, Theologen, Juristen, Medizinhistorikern und Krankenpflegekräften erarbeitete die "Grafenecker Erklärung zur Bioethik", die jetzt vorliegt.
Die Bioethik wird darin als mit den Menschenrechten unvereinbar bezeichnet. Die Menschenrechte garantierten jedem Menschen, unabhängig von seiner Hautfarbe, die Unverletzlichkeit seiner Person und die Unantastbarkeit seiner Würde. Die Bioethik dagegen erkenne Menschen erst dann als Personen mit Würde und Recht an, wenn sie über bestimmte Eigenschaften wie zum Beispiel Selbstbewußtsein, Gedächtnis oder Kommunikationsfähigkeit verfügen. "Auf der Grundlage dieser bioethischen Grundaussage werden Menschen mit Behinderungen oder Alterserkrankungen abgewertet und zu Forschungsobjekten und Materiallagern für Transplantate degradiert, werden Sterbende als Kostenfaktor betrachtet und Embryonen zu Sachen erklärt", heißt es weiter. Und noch an einem zweiten Punkt verläßt die Bioethik nach Ansicht des Arbeitskreises die Menschenrechtstradition: "Sie relativiert alle Werte, indem sie sie in ,moralischen Kosten-Nutzen-Analysen' gegeneinander abwägt." Schutzgarantien des einzelnen würden anderen Rechten wie der Forschungsfreiheit gleichrangig gegenübergestellt.
Scharfe Kritik üben die Verfasser der Erklärung an dem Entwurf der "Menschenrechtskonvention zur Biomedizin" des Europarates und an der geplanten Bioethik-Deklaration der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation (UNESCO). Abgelehnt wird an dem Entwurf des Europarates vor allem, daß fremdnützige Forschung an nichteinwilligungsfähigen Personen ohne persönliche Zustimmung erlaubt werden soll. Der Eingriff solle, so der Entwurf des Europarats, dann erlaubt sein, wenn das Risiko gering sei und keine einwilligungsfähigen Personen gefunden würden, die einem solchen Eingriff zustimmen. Zur Begründung werde auf den Nutzen für andere Patienten und künftige Generationen verwiesen. Außerdem werde die - bisher in Deutschland verbotene - Forschung an lebenden Embryonen freigegeben.


Nürnberger Kodex als ethische Grundlage
Die Bioethik-Deklaration der UNESCO habe das menschliche Genom zum "Erbe der Menschheit" erklärt. Den wirtschaftlichen Interessen an der Ausbeutung dieses "Erbes" werde keinerlei Riegel vorgeschoben. Eingriffe in das Genom, auch Keimbahnmanipulationen sowie voraussagende Gentests und die Patentierung von Genschnipseln sollten ebenfalls nicht ausgeschlossen sein. Gleichzeitig würden die nationalen Staaten zur Förderung der Forschung verpflichtet.
Die Verfasser der Grafenecker Erklärung fordern, den "Nürnberger Kodex" als Grundlage für die Bestimmung der Rechte des Menschen in der modernen Medizin anzuerkennen. Der "Nürnberger Kodex" wurde im Jahr 1947 "als international anerkannte ethische Grundlage der Medizin" formuliert. In diesem Kodex stehe nicht die medizinische Forschung, der wissenschaftliche Fortschritt oder der Nutzen der Gesellschaft im Mittelpunkt der Medizin, sondern der Mensch mit seinen Grundrechten. Für jede Behandlung und Forschung zum Wohl Dritter muß nach diesem Kodex die freiwillige Einwilligung nach umfassender Information vorliegen. Nur Heilversuche könnten gemäß einer Präzisierung durch die "Deklaration von Helsinki" ersatzweise auch durch die Einwilligung des gesetzlichen Vertreters legitimiert werden.
In bioethischen Verweisen auf "übergeordnete Interessen", das "Wohl der kommenden Generationen" oder gar ökonomische Überlegungen bezüglich einer "Gesundung der Menschheit" sieht die Erklärung die Gefahr der Wiederholung der Geschichte. Schließlich hätten gigantomane Gesundheitsvorstellungen in der Nazi-Ära dazu geführt, daß nicht nur die Rechte, sondern auch das Leben des einzelnen mißachtet worden seien, um den "Volkskörper" zu heilen. Die Grafenecker Erklärung plädiert dafür, die Entwicklung der Biowissenschaften auf der Grundlage der Menschenrechte zu kontrollieren.
1 Der vollständige Text der "Grafenecker Erklärung zur Bioethik" und eine Unterschriftenliste, die Ende 1996 der Bundestagspräsidentin überreicht werden soll, können angefordert werden bei Dr. Michael Wunder, Himmelstraße 26, 22299 Hamburg. Gisela Klinkhammer

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