ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2001Zunehmendes Lebensrecht: Lebensrecht-Kompromiss birgt viele Risiken

DOKUMENTATION: Diskussion

Zunehmendes Lebensrecht: Lebensrecht-Kompromiss birgt viele Risiken

Dtsch Arztebl 2001; 98(14): A-901 / B-753 / C-703

Haasis, Gerhard

Zum Beitrag von Ministerialrat a. D. Dr. jur. Rudolf Neidert in Heft 51–52/2000
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LNSLNS „Zunehmendes Lebensrecht“ – diese Begriffsprägung setzt den Gedanken vom „werdenden“ beziehungsweise „wachsenden Leben des Embryos und Fetus“ voraus „auf ein volles Menschenleben hin“. Nicht notwendigerweise logisch, das ganze Gedankengebäude jedoch erhellend, wird „die Entstehung eines genetisch neuen Individuums mit Verschmelzung von Ei- und Samenzelle“ mit dem Terminus „potenzielles Leben als Mensch“ in Verbindung gebracht. Dieser nun ist nichts anderes als interessenorientierte und somit gewollte Irreführung: Es entsteht nach Verschmelzung von Ei und Samenzelle kein potenzielles, sondern ein sehr reales Leben, ein sehr potentes dazu, dessen ungeheure Entwicklungsmöglichkeiten und rasantes Entwicklungstempo, dessen Verletzlichkeit aber auch dem Betrachter nahe legen, dass gerade in den frühesten Entwicklungsphasen dieses Menschen eine besondere Schutzbedürftigkeit bestehen könnte. Denn fest steht: So eindeutig wie es kein potenzielles und kein werdendes Leben gibt, so eindeutig ist das durch die Verschmelzung der Keimzellen Entstandene eben Leben und von Anfang an Mensch, ja ein einmaliges und unverwechselbares Individuum.
Wie trivial, ethisch-rechtlich eine erhöhte Schutzbedürftigkeit an einer Schmerzempfindung, an einer potenziellen Lebensfähigkeit außerhalb des mütterlichen Körpers oder an der Geburt festmachen zu wollen: Schmerzen können provoziert, aber auch genommen werden; der Zeitpunkt der Überlebensfähigkeit außerhalb des Mutterleibes verschiebt sich pro Dekade, ja bald von Jahr zu Jahr, weiter vor zu immer früheren Schwangerschaftsstadien; und nicht erst das Dilemma der Spätabtreibungen hat aufgezeigt, wie wahrhaft abwegig es ist, das Recht, ein Menschenleben beenden zu dürfen, auf die Tatsache der noch nicht erfolgten Geburt zu beziehen, wohingegen Frühgeborene gleicher Behinderung oder Erkrankung volles Lebensrecht zugeschrieben wird und voller Schutzanspruch.
Wie gern gehen an diesem Punkt die Gedanken auf die schiefe Bahn. Was heißt denn auch schon lebensfähig? Wie lebensfähig ist denn ein Neugeborenes, gar ein behindertes Neugeborenes? Doch nur in dem Maße, wie sich Mutter und Vater und gegebenenfalls Ärzte und Schwestern ihm zuwenden beziehungsweise eine Pflegefamilie, eine bestellte Person, eine gesellschaftliche Einrichtung, im weitesten Sinn: die Solidargemeinschaft. Wie aber ist es um die Solidargemeinschaft mit Behinderten und Kranken in einer Gesellschaft bestellt, die Spätabtreibungen rechtlich verankern ließ? Hat uns Peter Singers Gedankengut nicht bereits soweit infiziert, dass die Bereitschaft wächst, das Lebensrecht Neugeborener mit Behinderung zur Disposition zu stellen?
Mag der Wunsch nach einer vermittelnden Lösung auch noch so verständlich sein, ein Kompromiss in Sachen Lebensrecht birgt viele Risiken, wie auch aus der Formulierung eines zunehmenden Lebensrechtes ersichtlich wird. Es bedarf nur des Perspektivwechsels vom späten zum früheren Lebensstadium hin, und es wird ein abnehmendes Lebensrecht daraus. Gibt es dann vielleicht auch ein maximales Lebensrecht, etwa zum Zeitpunkt der vollen Handlungs- und Leistungsfähigkeit, der vollen Gesundheit und des vollen Wohlbefindens (entsprechend dem „vollen Menschsein“?), dem mit Rückgang dieser Fähigkeiten und Eigenschaften Abnahme verordnet wird? Die angeblich von Gesetz und Rechtsprechung anerkannte „Notwendigkeit“ eines altersbezogenen abgestuften Rechtsschutzes der Ungeborenen ist auch nur politisch verordnet.
Dr. med. Gerhard Haasis
Max-Reger-Straße 40
28209 Bremen
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