ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2001Frühförderung: Eltern statt Therapeuten

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Frühförderung: Eltern statt Therapeuten

Dtsch Arztebl 2001; 98(14): A-907 / B-759 / C-708

Rösiger, Alexander

Zu dem „Aktuell“-Beitrag „Finanzierung aus einer Hand“ in Heft 8/2001:
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LNSLNS Sie haben Zahlen zur erforderlichen Frühförder-Diagnostik und Therapie veröffentlicht, die mir ausgesprochene Hochachtung abnötigen: es ist der Förder-Industrie also gelungen, den jeweils halben Geburtsjahrgang (400 000 Kinder!) für sich zu reklamieren. Das sind also, cum grano salis, 2 500 000 behinderte Kinder, allein im Vorschulalter.
Kein Wunder, bleibt für anständige medizinische Diagnostik und Therapie kein Geld mehr übrig, und so beginne ich denn allmählich zu verstehen, weshalb ich von den Primärkassen 1988 für ein EEG noch 56,00 DM und heute nach Taschenspielertricks mit Budget und Punktwerteverfall nur noch lächerliche 28,80 DM bekommen soll (es ist ja alles billiger geworden, und Inflation hatten wir seither auch keine).
Auch verdichtet sich bei mir der Verdacht zur Gewissheit, dass die Deprivations- und Verwahrlosungssymptome vieler Kinder nicht zuletzt daher rühren, dass in Deutschland kaum noch ein Kind zu Hause laufen lernt – das macht es beim Krankengymnasten, seine Mutter-Sprache lernt es beim Logopäden und das „richtige“ Spielen beim Ergotherapeuten. Ich habe es immer als Spielstörung betrachtet, wenn meine Mutter mich zu irgendwelchen häuslichen Verrichtungen gerufen hat – weswegen ich es vorzog, außer Rufweite herumzutollen; nun musste ich mich belehren lassen: eine Spielstörung ist eine der täglich neu erfundenen Behinderungen, die dringlich einer Therapie bedürfen.
Die Therapeuten dafür haben wir ja schon, und so ist es nur zu erklärlich, dass in den Gassen, auf den Wiesen und an den Bächen Deutschlands keine Kinder mehr spielen – das ist nicht so, weil wir aussterben, das kommt davon, dass sich 50 Prozent jedes Geburtsjahrgangs beim Therapeuten aufhalten müssen, und statt etwelcher Eltern haben diese armen Kreaturen nur noch Chauffeure, die mit ihnen von Termin zu Termin hasten.
In meinen Augen hat das Elternhaus die biologische Pflicht, die Kinder zu erziehen und lebenstüchtig zu machen; nur in dieser Nestwärme kann ein Kind psychisch „artgerecht“ gedeihen – oder will mir jemand beweisen, dass die steigende Methylphenidat-Bedürftigkeit von Schulkindern von zu viel elterlicher Zuwendung herrühre? Die Flugschule für Vögel ist immer das elterliche Nest. Wir haben es weit gebracht! Unsere Kinder lassen wir wegen der Drohungen der Schließmuskel-Psychologen dreieinhalb Jahre in Windeln herumlaufen und bemühen dann den Therapeuten dafür, dass der – ohne jene schrecklichen psychischen „Schäden“ anzurichten – die Sauberkeitserziehung bewerkstellige. Der tut das dann – für Geld. Der tut alles, was sich das Publikum wünscht – es dürfte den Lesern wahrscheinlich sehr schwer fallen, mir einen einzigen belegten Fall zu demonstrieren, wo ein absolut normal entwickeltes Vorschulkind mit der Fragestellung „Wahrnehmungsstörung“ zum Ergotherapeuten geschickt wurde und wo dieser keine Behandlungsindikation sah.
Ich weiß, dass ich diese Zeilen nicht sine ira et studio geschrieben habe, doch wenn sie zur Eröffnung einer fruchtbaren Diskussion beitragen werden, habe ich etwas bewegt – bewegt für jene traurigen, führungslosen Kinder, die nichts als Erziehung und wieder Vorbilder und Leitfiguren, eben, Eltern brauchen – und keinen Therapeuten.
Dr. Alexander Rösiger, Löschweiler Weg 10, 76829 Landau

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