ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2001Chirurgische und interventionelle Koronarrevaskularisation bei Diabetikern

MEDIZIN

Chirurgische und interventionelle Koronarrevaskularisation bei Diabetikern

Dtsch Arztebl 2001; 98(14): A-919 / B-781 / C-739

Böning, Andreas; Herrmann, Gunhild; Fraund, Sandra; Möller, Frank; Rahimi, Aziz; Simon, Rüdiger; Cremer, Jochen

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LNSLNS Zusammenfassung
Diabetiker haben im Vergleich zu Nichtdiabetikern bei koronarer Revaskularisation erheblich höhere Früh- und Langzeitrisiken und Komplikationsraten. Dies gilt insbesondere für insulinpflichtige Diabetiker. Bei Diabetikern mit koronarer Mehrgefäßerkrankung ist angesichts hoher Reinterventionsraten nach perkutaner transluminaler Katheter-Angioplastie (PTCA) oder Stent-Implantation eine chirurgische Versorgung vorzuziehen. Ein Teil der perioperativen Komplikationen lässt sich durch optimierte präoperative Diagnostik, geeignete Operationstechniken, die Auswahl des Bypass-Materials und die perioperative medikamentöse Therapie deutlich reduzieren.

Schlüsselwörter: koronare Herzkrankheit, Diabetes mellitus, Koronarrevaskularisation, Bypass-Operation, PTCA

Summary
Coronary Artery Revascularization
in Diabetic Patients
Early and late risks and complications after either surgical or interventional coronary artery revascularization are increased considerably in diabetic patients compared to non-diabetics. This holds true particularly for insulin-dependent diabetics. In view of high reintervention rates after percutaneous transluminal catheter angioplasty (PTCA) or stenting, a surgical approach should be preferred in diabetic patients with coronary multi-vessel disease. Perioperative complications after bypass surgery can be reduced by optimized preoperative diagnostic measures, suitable operative techniques, selection of graft material and perioperative drug therapy.

Key words: coronary artery disease, diabetes mellitus, revascularization, coronary artery bypass graft, PTCA



Die Inzidenz des Diabetes mellitus liegt bei fünf Prozent der Bevölkerung von Industrienationen. Das bedeutet für Deutschland circa vier Millionen Diabetiker. Davon sind circa zehn Prozent Typ-1- und 90 Prozent Typ-2-Diabetiker. Im Vergleich zu einem Normalkollektiv leiden Diabetiker zwei- bis viermal häufiger an kardiovaskulären Erkrankungen (2), die in circa 65 Prozent zum Tode führen (13). Der negative Effekt des Diabetes betrifft das kardiovaskuläre System in seiner Gesamtheit unter Einschluss der mikro- und der makrovaskulären arteriellen Gefäßstrombahn und ohne spezielle Organgrenzen. Besonders bei Progredienz im Sinne eines metabolischen Syndroms steigt das Risiko kardiovaskulärer Erkrankungen überproportional gegenüber der Normalbevölkerung an. So findet man bei Diabetikern neben einer höheren Anzahl an Koronarstenosen und stattgehabten Myokardinfarkten (3, 4) auch häufiger eine reduzierte linksventrikuläre Funktion (3, 27, 35), eine höhere Inzidenz an peripherer arterieller Verschlusskrankheit (6, 35), arterieller Hypertonie (31), chronischer Niereninsuffizienz und Adipositas (3). Patienten, bei denen eine interventionelle oder chirurgische Koronarrevaskularisation erforderlich ist, sind zu circa 20 Prozent Diabetiker.
Koronare Herzerkrankung
bei Diabetes
In den initialen großen Studien, die
prospektiv die Ergebnisse und Komplikationen nach perkutaner transluminaler Katheter-Angioplastie (PTCA) und Bypass-Operation verglichen, wie die RITA-Studie (RITA, Randomised Intervention Treatment of Angina) (30), die CABRI-Studie (CABRI, Coronary Angioplasty versus Bypass Revascularisation) (7, 22), und die GABI-Studie (GABI, German Angioplasty Bypass Surgery Investigation) (16) wurde zunächst nicht zwischen Diabetikern und Nichtdiabetikern differenziert.
In der BARI-Studie (BARI, Bypass Angioplasty Revascularization Investigation), die als letzte begonnen wurde, wurden hingegen die Patienten mit Diabetes gesondert betrachtet (3, 4). Tabelle 1 fasst die Früh- und Langzeitüberlebensraten nach PTCA und Bypass-Operation aus der BARI-Studie und drei weiteren observatorischen, nicht randomisierten Untersuchungen, die entsprechend zwischen Diabetikern und Nichtdiabetikern unterscheiden, zusammen.
Diese Studien zeigen eine ungünstigere Ausgangssituation der Patienten mit Diabetes mellitus unter Einschluss eines größeren Anteils von Patien-
ten mit reduzierter linksventrikulärer Funktion und Herzinsuffizienz, einer höheren Rate an Myokardinfarkten, einer höheren Inzidenz an Drei-Gefäß-Erkrankungen und mehr Notfallindikationen.
Im Ergebnis ist die Frühletalität dabei im Vergleich zwischen Bypass-Operation und perkutaner translumina-
ler Katheter-Angioplastie mit 1,1 beziehungsweise 1,3 Prozent entweder gleich (4) oder nach Bypass-Operation (4,99 Prozent) etwas höher als nach PTCA (0,36 Prozent) (36).
Die intraoperative Myokardinfarktrate nach Bypass-Operation variiert je nach Studie zwischen 5,8 Prozent (4), 1,5 Prozent ( 36) oder 8,1 Prozent (16) und liegt damit meist höher als nach PTCA mit 1,8 Prozent (4), 0,7 Prozent (36) oder 2,3 Prozent (16).
Komplikationen wie Wundheilungsstörungen, Reoperation wegen Nachblutung oder pulmonale Insuffizienz sind nach Bypass-Operation häufiger (4, 36). Dies liegt überwiegend an der höheren Invasivität des chirurgischen Verfahrens mit Sternotomie und Einsatz der Herz-Lungen-Maschine.
Umgekehrt wird durch die Bypass-Operation häufiger als bei interventioneller Therapie eine komplette Revaskularisation erreicht werden (4, 36), die für den Langzeiterfolg des Koronareingriffs bedeutsam ist.
Die Fünf-Jahres-Überlebensrate aller diabetischer Patienten war mit 73,1 Prozent im Vergleich zu nichtdiabetischen Patienten (91,3 Prozent) signifikant schlechter (3). Vergleicht man in der BARI-Studie die Überlebensrate der diabetischen Patienten im Hinblick auf das Revaskularisationsverfahren, so ist diese mit 80,6 Prozent in der Bypass-Gruppe höher als mit 65,5 Prozent in der PTCA-Gruppe, während es in der nicht randomisierten Studie von Weintraub et al. (36) mit 71,6 Prozent versus 70,1 Prozent keinen Überlebensvorteil der chirurgisch versorgten Gruppe gab. Auch in der zweitgrößten randomisierten Vergleichsstudie (PTCA versus Bypass-Operation, CABRI [7, 22]) fand sich weder nach einem noch nach vier Jahren ein signifikanter Unterschied für die Patienten mit Diabetes. Allerdings war in dieser Studie die Inzidenz von Diabetes mellitus mit zwölf Prozent in beiden Gruppen relativ niedrig und im Studiendesign zunächst eine gesonderte Betrachtung der Diabetiker nicht vorgesehen.
Interventionen nach
Bypass-Operation oder PTCA
Innerhalb von fünf Jahren nach dem Ersteingriff benötigten 57 Prozent beziehungsweise 54 Prozent der PTCA-Patienten, aber nur sieben Prozent beziehungsweise acht Prozent der Bypass-Patienten einen erneuten Eingriff (3, 5).
Betrachtet man einen Zehn-Jahres-Zeitraum, war bei 50 Prozent der mit
PTCA therapierten Patienten eine Bypass-Operation erforderlich beziehungsweise bei 54 Prozent eine Re-PTCA, während bei 82 Prozent der chirurgisch therapierten Patienten keine Bypass-Operation und bei 79 Prozent der chirurgisch therapierten Patienten keine
PTCA notwendig war (36). Bei Diabetikern war die durchgeführte PTCA sogar ein unabhängiger Risikofaktor für die Entstehung eines Myokardinfarkts (36).
Neben diesen zahlenmäßig erfassbaren Daten spielt die Lebensqualität nach Koronarinterventionen für die Betroffenen eine wichtige Rolle: Vergleicht man Parameter wie Freiheit von Angina pectoris und Reduktion der Medikation, die eher die postprozedurale Lebensqualität widerspiegeln, so sind in der GABI- (16) und CABRI-Studie (7) nach einem Jahr 93 Prozent der Patienten nach Bypass-Operation gegenüber 82 Prozent nach PTCA frei von Angina und nehmen weniger Medikamente ein. Allerdings gibt es für die Untergruppen der Patienten mit Diabetes mellitus noch keine vergleichbaren Zahlen zur Lebensqualität.
Chirurgische Myokardrevaskularisation
Die Resultate von Bypass-Operationen bei Diabetikern im Vergleich zu Nichtdiabetikern wurden in verschiedenen Studien untersucht. Eine Zusammenstellung einiger Publikationen mit relativ großen Fallzahlen zeigt Tabelle 2.
Insgesamt findet man unter den Patienten, bei denen die Indikation zur Bypass-Operation besteht, etwa doppelt so viele Diabetiker wie in der Normalbevölkerung (18, 29), andere Untersuchungen fanden bis zu 20 Prozent Diabetiker (27, 35).
Allerdings liegt diesen Untersuchungen keine einheitliche Definition des Diabetes mellitus zugrunde. In Studien, in denen nicht nur therapierte Diabetiker, sondern auch solche, bei denen einmalig Diabetes mellitus festgestellt wurde oder Patienten, die diätetisch behandelt wurden, in die Gruppe der Diabetiker eingeschlossen wurden, zeigten sich oft keine signifikanten Unterschiede zwischen Diabetikern und Nichtdiabetikern (5, 8, 18). In Studien, in denen nur medikamentös behandelte Diabetiker in die Gruppe der Diabetiker einbezogen wurden, zeigten sich deutliche Unterschiede zu Nichtdiabetikern (9, 27, 31).
Trotz der vielfach ungünstigeren Ausgangssituation in der Gruppe der Diabetiker sind die Frühergebnisse nach Bypass-Operation bei Diabetikern und Nichtdiabetikern je nach Studie annähernd gleich: Die Frühletalität liegt bei 1,2 Prozent gegenüber 1,4 Prozent (4), die 30-Tages-Überlebensrate bei 96 gegenüber 97 Prozent (27). Andere Studien weisen mit 3,9 Prozent bei Diabetikern gegenüber 1,6 Prozent bei Nichtdiabetikern (35) beziehungsweise 5,0 Prozent bei Diabetikern gegenüber 2,5 Prozent bei Nichtdiabetikern (9) eine deutlich höhere Letalität dieser Patienten auf. Die Spätergebnisse der Bypass-Operation dagegen fallen in allen Untersuchungen in der Gruppe der Diabetiker schlechter aus als bei Nichtdiabetikern (Tabelle 2): Die Fünf-Jahres-Überlebensrate nach Bypass-Operation liegt im Vergleich zwischen Diabetikern und Nichtdiabetikern bei 73,1 Prozent versus 91,3 Prozent (3) beziehungsweise 74 Prozent versus 86 Prozent (5), die Acht-Jahres-Überlebensrate bei 67 Prozent versus 84 Prozent (27), die Zehn-Jahres-Überlebensrate bei 53,5 Prozent versus 76,1 Prozent (29). Somit gilt Diabetes mellitus als ein unabhängiger Prädiktor für Langzeitletalität nach Bypass-Operation (5, 27, 28, 35). Trotz dieser vergleichsweise schlechteren Ergebnisse bei Diabetikern konnte bereits in der CASS-Studie (6) deutlich gezeigt werden, dass die chirurgische Therapie der koronaren Herzkrankheit auch bei Diabetikern zu einer erheblichen Reduktion der Letalität gegenüber einer rein medikamentösen Therapie führt (Tabelle 3).
Interventionelle Myokardrevaskularisation
Die Resultate der PTCA oder Stent-Implantation bei Diabetikern im Vergleich zu Nichtdiabetikern wurden ebenfalls in verschiedenen Studien untersucht. In Tabelle 4 sind Publikationen mit größeren Fallzahlen zusammengestellt. Der Anteil an Diabetikern in diesen Studien schwankt zwischen 10,9 Prozent und 26 Prozent. Auch hier wird keine einheitliche Definition von Diabetes mellitus in den verschiedenen Studien verwandt. Die Frühergebnisse und Komplikationen nach PTCA oder Stent-Implantation bei Diabetikern und Nichtdiabetikern sind signifikant unterschiedlich: Die Frühletalität liegt zwischen 0,4 und 3,2 Prozent bei Diabetikern gegenüber 0,26 bis 1,6 Prozent bei Nichtdiabetikern (1, 10, 19).
Diabetes mellitus gilt einerseits als unabhängiger Risikofaktor für den Kurzzeiterfolg der Intervention: Während zunächst die primäre Erfolgsrate der Intervention bei Diabetikern ( 85,0 bis 96,8 Prozent) und Nichtdiabetikern (87,0 bis 98,3 Prozent) gleich ist (1, 19, 33), sind Restenosen (10), Frühletalität (1, 10, 19, 33) und Myokardinfarkte (10, 19) bei Diabetikern deutlich häufiger. Andererseits beeinträchtigt das Vorliegen eines Diabetes mellitus auch den Langzeiterfolg nach PTCA oder Stent-Implantation. Die Spätletalität (1, 10, 19, 33) ist erhöht, Myokardinfarkte (1, 19, 33), Notwendigkeit einer Bypass-Operation oder Re-PTCA (1, 10, 19, 33) sind häufiger. Die Studien von Stein
et al. (33) und Abizaid et al. (1) zeigen
zudem eine schlechtere Prognose für
insulinpflichtige als für nichtinsulinpflichtige Diabetiker. Diese ungünstigen Ergebnisse der PTCA werden wahrscheinlich durch eine Kombination aus Stent-Implantation und Thrombozyten-Glykoprotein IIb/IIIa-Blockade (Aciximab) zu verbessern sein. Die EPISTENT-Studie (26) hat zum Beispiel in der Gruppe der Diabetiker eine signifikante Reduktion bezüglich Mortalität, Myokardinfarktrate und Offenheitsrate des Zielgefäßes gegenüber konventioneller Stent-Therapie nach sechs Monaten zeigen können.
Arterielle Revaskularisation und Wundinfektionen
Die Verwendung arterieller Bypass-Gefäße – und hier insbesondere der Anschluss der linken Arteria mammaria (LIMA) an den Ramus interventricularis anterior (RIVA) erhöht die Langzeitüberlebensrate von Patienten nach Bypass-Operation deutlich (4, 20, 27, 28). Dabei profitieren Diabetiker von der Verwendung einer A. mammaria (IMA) in gleichem Maß wie Nichtdiabetiker (27).
Die Verwendung beider Aa. mammariae (BIMA) als Bypass-Grafts führt zwar – bei Diabetikern und Nichtdiabetikern – zu einem verringerten Auftreten von Angina pectoris und nichttödlichen Myokardinfarkten innerhalb von zehn Jahren (28), ein signifikanter Überlebensvorteil speziell für Diabetiker konnte bisher jedoch nicht nachgewiesen werden.
Nach zehn Jahren waren 66 Prozent der Patienten mit BIMA und 38 Prozent der Patienten mit LIMA frei von wiederauftretenden kardialen Ereignissen (28).
Die Verwendung beider Arteriae mammariae bei Diabetikern bringt jedoch in fast allen Untersuchungen – im Gegensatz zur Verwendung einer A. mammaria (Tabelle 5) – eine wesentlich höhere Inzidenz an sternalen Wundinfektionen mit sich (14, 20, 23). Im Patientenkollektiv der Autoren allerdings ist bei Verwendung beider Aa. mammariae die Häufigkeit von Wundheilungsstörungen bei Diabetikern nicht höher als bei Nichtdiabetikern (24). Schon die Verwendung einer IMA als Bypass-Graft kann das Risiko für Sternuminfektionen und Mediastinitis im Vergleich zur rein venösen Revaskularisation erhöhen (20, 31) (Tabelle 5).
Auch die Rate an Wundinfektionen an der unteren Extremität nach Venenentnahme ist bei Diabetikern (2,7 Prozent) gegenüber Nichtdiabetikern (1,0 Prozent) erhöht (8).
Als alternativer Conduit zur Verbesserung der Langzeitprognose im Vergleich zu Venengrafts und zur Vermeidung der erhöhten Infektrate nach BIMA-Präparation kommt die A. radialis infrage, die zunehmend für die arterielle Koronarrevaskularisation eingesetzt wird. In diesem Zusammenhang konnten Tatoulis et al. (34) bereits nachweisen, dass die Verwendung einer oder beider Aa. radiales eine sichere Alternative zur rein venösen Revaskularisation ist, ohne eine höhere Komplikationsrate hervorzurufen.
Die postoperative Wundinfektionsrate bei Diabetikern scheint von der Güte der präoperativen Blutzuckereinstellung direkt abhängig zu sein. Ennker et al. (11) beschreiben eine Steigerung der Komplikationsrate bei Diabetikern mit präoperativ erhöhtem HbA1c-Wert. Falls es zu einer Wundinfektion kommt, sind bei Diabetikern mehr Folgeoperationen als bei Nichtdiabetikern notwendig (14).
Spezielle Komplikationen
nach Bypass-Operation
Bei Diabetikern besteht im Vergleich zu Nichtdiabetikern postoperativ eine höhere Inzidenz an pulmonalen (32) und neurologischen Komplikationen wie zum Beispiel einem perioperativen Schlaganfall (8, 25, 35).
Herlitz et al. (17) beschreiben Diabetes mellitus als unabhängigen Risikofaktor für neurologische Komplikationen nach einer Bypass-Operation mit einem perioperativ um den Faktor zwei erhöhten Risiko.
Die Inzidenz perioperativer renaler Funktionsstörungen ist ebenfalls in der Gruppe der Diabetiker mit 3,1 Prozent versus 0,1 Prozent bei Nichtdiabetikern signifikant höher (31), wobei renale Funktionsstörungen als Notwendigkeit einer postoperativen Dialyse oder Erhöhung der Diuretika-Dosis aufgefasst wurden. Die erhöhte Inzidenz postoperativer Komplikationen sowohl des renalen als auch des zerebrovaskulären Systems bei Diabetikern ist auf die für das Grundleiden charakteristische Mikro- und Makroangiopathie zurückzuführen.
Vermeidung perioperativer Komplikationen
Die perioperative Mortalität sowie die Inzidenz an Schlaganfällen, Wundheilungsstörungen und renalen oder pulmonalen Komplikationen sind bei Diabetikern höher als bei Nichtdiabetikern. Um das erhöhte Risiko diabetischer Patienten bei der koronaren Bypass-Operation hinsichtlich kardialer Probleme, Organkomplikationen und Wundinfektionen zu berücksichtigen, bieten sich einige diagnostisch-technische und therapeutische Maßnahmen an. Eine präoperativ schlechte Blutzuckereinstellung – sichtbar am HbA1c-Wert – prädisponiert zu Komplikationen (11). Bei elektiven Patienten kann man daher eine Verschiebung des Operationstermins bis zur Verbesserung der Stoffwechsellage diskutieren.
Bei Diabetikern kann der postoperative Einsatz eines Insulinperfusors mit einer strengen Blutzuckereinstellung zu einer signifikanten Senkung schwerer Sternuminfektionen von 2,0 auf 0,8 Prozent führen (12). Eine genauere Überprüfung des postoperativen Therapieplans bei Diabetikern hinsichtlich der Vermeidung potenziell nephrotoxischer Medikamente und eine genauere Bilanzierung der Flüssigkeitstherapie ist bei Diabetikern notwendig, um einer eventuell präoperativ bestehenden Einschränkung der Nierenfunktion gerecht zu werden.
Auch durch Ausrichtung der chirurgischen Technik auf weniger Invasivität kann eine Reduktion der perioperativen Komplikationsrate bei Diabetikern erreicht werden. Die Verwendung beider Aa. mammariae sollte unter Berücksichtigung der zentrumseigenen Infektionsraten genau überprüft werden.
Nach Präparation der A. mammaria mit möglichst wenig umgebendem Gewebe („skelettierte IMA“) werden sternale Infektionen seltener beobachtet (14). Als Grund wird die Destruktion des periostalen Gewebes durch Entnahme eines breiten Pedikels mit konsekutiver Verminderung der sternalen Durchblutung diskutiert. Möglicherweise besteht auch ein Zusammenhang zwischen dem Einsatz von Knochenwachs und Elektrokautern und der Heilungstendenz des Sternums (14).
Zur Vermeidung eines perioperativen Schlaganfalls ist eine genaue Kenntnis des Karotisbefunds und des Verkalkungsgrads der Aorta ascendens unerlässlich. Dies kann unter Umständen die Durchführung eines präoperativen Thorax-CT oder einer intraoperativen, transösophagealen oder epiaortalen Echokardiographie der Aorta erfordern. Eine präoperative Evaluation der Halsschlagadern mittels Doppler- oder Duplexsonographie ist grundsätzlich notwendig.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2001; 98: A 919–923 [Heft 14]

Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das über den Sonderdruck beim Verfasser und über das Internet (www.aerzteblatt.de) erhältlich ist.

Anschrift für die Verfasser:
Dr. med. Andreas Böning
Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie
Klinikum der Universität Kiel
Arnold Heller-Straße 7, 24105 Kiel
E-Mail: aboening@kielheart.uni-kiel.de


´Tabelle 1CC´
Vergleich der Überlebensraten von Diabetikern nach PTCA oder Bypass-Operation
Erstautor Jahre der Patienten- Anzahl Patienten Früh-Mortalität 1-JÜR 5-JÜR 10-JÜR
Rekrutierung PTCA ACVB PTCA CABG PTCA ACVB PTCA ACVB PTCA ACVB
Weintraub (36) 1981–1994 834 1 805 0,36 % 4,99 % 45 % 48 %
BARI (3, 4) 1988–1991 915   914  0,6 %  1,2 % 96 % 96 % 65 % 81 %
Barsness (5) 1984–1990 704 2 516 94 % 92 % 76 % 74 %
Gum (15) 1983–1990 279   246  3,2 %  3,2 % 86 % 88 % 63 % 70 %
PTCA, perkutane transluminale koronare Angioplastie; ACVB, aortokoronare Bypass-Operation; 1-JÜR, Ein-Jahres-Überlebensrate; CABG, coronary artery bypass grafting



´Tabelle 2CC´
Vergleich der Überlebensraten von Diabetikern und Nichtdiabetikern nach Bypass-Operation
Erstautor Jahre der Anzahl Anzahl Früh- 30-Tages- 1-Jahres- 5-Jahres- 10-Jahres-
Patienten- Patienten Diabetiker Mortalität ÜLR ÜLR ÜLR
Diabe- Nicht- Diabe- Nicht- Diabe- Nicht- Diabe- Nicht- Diabe- Nicht-
tiker diabe- tiker diabe- tiker diabe- tiker diabe- tiker diabe-
tiker tiker tiker tiker tiker
Morris (27) 1980–1989  5 654 20 % 96 % 97 % 91 % 94 % 80 % 91 % 66 %*1 84 %*1
BARI (3, 4) 1988–1991  1 829 19 % 1,2 % 1,4 % 80,6 % 91,4 %
Barsness (5) 1984–1990  2 516 24 % 92 % 95 % 74 % 86 %
Risum (29) 1982–1986  1 025 4,4 % 2,2 % 3,1 % 93,3 % 95,2 % 84,5 % 89,2 % 53,5 % 76,1 %
Thourani (35) 1978–1993 11 998 20 % 3,9 % 1,6 % 78 % 88 % 50 % 71 %
Clement (8) 1979–1985  2 453 17 % 2,5 % 1,8 %
92 % 80 % 58 %
Salomon (31) 1969–1982  3 707 11 % 5,1 % 2,5 % 90 %*2 94 % 76 %*2 88 % 65 %*2 78 %
Pick (28) 1984–1986    481 22 % 98 % 99 % 84 % 94 % 69 % 81 %
Conen (9) 1994  4 348 25 % 95 % 97,5 %
*1 Acht-Jahres-Überlebensraten; *2 insulinpflichtige Diabetiker; ÜLR, Überlebensrate; 1-JÜR, Ein-Jahres-Überlebensrate



´Tabelle 3CC´
Senkung der Mortalität bei Diabetikern durch eine chirurgische Therapie
Mortalität Diabetiker (nach Diabetiker (mit Unterschied
Bybass-Operation) konservativer Therapie)
5 Jahre 37 % 25 % 48 %
10 Jahre 60 % 44 % 36 %
14 Jahre 79 % 66 % 20 %
Ergebnisse der CASS-Studie bei Diabetikern im Alter über 65 Jahre (Barzilay et al.: Am J Cardiol 1991; 31: 155–159 [6])



´Tabelle 4CC´
Vergleich der Überlebensraten von Diabetikern und Nichtdiabetikern nach PTCA/Stent-Implantation
Erstautor Jahre der Anzahl Anteil Früh- 1-Jahres- 5-Jahres- 9-Jahres-
Patienten- Patienten Diabetiker mortalität ÜLR ÜLR ÜLR
rekrutierung Diabe- Nicht- Diabe- Nicht- Diabe- Nicht- Diabe- Nicht-
tiker diabe- tiker diabe- tiker diabe- tiker diabe-
tiker tiker tiker tiker
Stein (33) 1980–1990 10 433 10,9 % 0,44 % 0,26 % 91 % 94 % 88 % 93 %
Kip (19) 1985–1986  2 114 13,3 % 3,2 % 0,5 % 92,8 % 98,2 % 71,5 % 91,6 % 64 % 82,1 %
Abizaid (1) 1994–1996    954 26 % 2,8 % 1,6 % 97,2 % 98,4 %
Elczi (10) 1992–1997  3 554 20,1 % 2,7 % 1,4 % 91,7 % 96,2 %
ÜLR, Überlebensrate; 1-JÜR, Ein-Jahres-Überlebensrate



´Tabelle 5CC´
Häufigkeit sternaler Wundinfektionen bei Diabetikern nach Bypass-Operation: Vergleich zu Nichtdiabetikern
Erstautor Jahre der Anzahl Anteil Kein IMA Kein IMA 1 x IMA 1 x IMA 2 x IMA 2 x IMA
Patienten- Patienten Diabetiker
rekrutierung
Grossi (14) 1985–1988 2 356 23 % 0,8 % 3,1 % 2,1 % 2,7 % 3,8 % 11,5 %
Kouchoukos 1985–1988 1 566 25 % 0,6 % 1,5 % 1,2 % 4,0 % 5,3 % 12,5 %
(20)
Loop (23) 1985–1987 6 504 15 % 1,0 % 0,9 % 1,7 % 8,5 %
Salomon
(31) 1969–1982 3 707 11 % 0,5 % 2,0 %
Loose (24) 1996–1999 1 625 22,6 % 2,0 % 5,4 % 4,3 % 5,8 %
IMA, internal mammary artery
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