ArchivDeutsches Ärzteblatt14/2001Meisterwerke der Zeichenkunst: Konstanzer Kunstschatz

VARIA: Feuilleton

Meisterwerke der Zeichenkunst: Konstanzer Kunstschatz

Dtsch Arztebl 2001; 98(14): A-929 / B-791 / C-749

Steiner-Rinneberg, Britta

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LNSLNS Eine 450 Exponate umfassende Privatsammlung ist zurzeit in Heidelberg zu sehen.

Ein interessanter Querschnitt dessen, was Anfang des letzten Jahrhunderts ein passionierter Sammler und Mäzen an Handzeichnungen zusammentrug und laut Testament der Öffentlichkeit zugänglich gemacht haben wollte, ist derzeit in einer sehenswerten Präsentation im Kurpfälzischen Museum Heidelberg zu bewundern: „Meisterwerke der Zeichenkunst“.
Die 450 Exponate umfassende Privatsammlung, kostbarer Besitz der Stadt Konstanz, wurde ihr 1907 vom Bankier Wilhelm Brandes vermacht. Sein Geschenk war allerdings mit der Auflage verbunden, einen Ausstellungssaal für die Objekte zu bauen, sie zu erhalten und dem Publikum jederzeit zugänglich zu machen. Für das Bauvorhaben stellte er einen großzügig bemessenen Geldbetrag zur Verfügung.
Das den nicht geringen Kunstschatz der Bodenseestadt aufs Angenehmste bereichernde Vermächtnis nahm man gern an und versprach, die Wünsche zu erfüllen. Dennoch blieb die Sammlung in Konstanz weitgehend unbekannt. Kaum geordnet und schlecht bewacht, dämmerte sie dahin. Als nach dem Zweiten Weltkrieg eine Bestandsaufnahme erfolgte und man den Schaden besah, siedelte man das Erhaltene in moderne Stahlschränke um. Dort war es zwar sicher untergebracht, doch von einer Permanent-Ausstellung unter Aufsicht, wie sie Brandes vorgeschwebt hatte, konnte keine Rede sein. Seit 1983 befasste sich der Mainzer Kunsthistoriker Prof. Mi-
chael Bringmann intensiv mit dem Inhalt von Mappen und Schubladen, studierte und untersuchte jedes einzelne Blatt genau und legte das oft mühsam Herausgefundene schriftlich nieder. Was bei der akribischen Arbeit heraussprang, verpflichtet den Kunstinteressierten zu Dank: Ein vom Braus-Verlag, Heidelberg, herausgebrachter, vorzüglich gestalteter, 336 Seiten starker Katalog, der sämtliche Blätter der Brandes-Sammlung enthält! Die 120 ausgewählten, gesicherten (in einigen Fällen zugeschriebenen) wichtigen Arbeiten von berühmten oder weniger bekannten Künstlern der Zeit führen durch alle Gattungen und vermitteln einen guten Überblick über Porträt- und Genrekunst, Interieurs, Stillleben, Landschafts- und Tierdarstellungen.
Die Ausstellung informiert genau über die verschiedenen Aspekte der Zeichenkunst, von Ideenskizze, Studie, Vor- und Nachzeichnung und Entwurf bis zur erst ab dem 15. Jahrhundert datierenden Zeichnung als einem der Malerei gleichwertigen, eigenständigen Kunstwerk. Der Besucher kann alles über die gebräuchlichen Techniken erfahren, Aquatinta und Rötel, Blei- und Silberstift, Kreide, Kohle, Sepia und Aquarell.
Die mit großem Bedacht ausgewählten Blätter, die in dieser Form zuerst in Konstanz gezeigt wurden, sind zurzeit im Kurpfälzischen Museum zu sehen, ehe sie nach Linz wandern und dann an den Bodensee zurückkehren, wo nunmehr alles für ihre Erhaltung, Pflege und sichere Verwahrung getan wird. Von der von Bran-
des gewünschten Permanent-Präsentation musste aufgrund neuester restauratorischer Erkenntnisse über den schädlichen Einfluss des Lichts auf die oft nur hauchzarten alten Papiere jedoch abgesehen werden. Allerdings ermöglicht der umfassende Bestandskatalog jedem, der sich dafür interessiert, den Zugang zu den Zeichnungen.
Die Sammlung war übrigens nicht die erste des 1839
in Kopenhagen geborenen Sammlers, der 1876 als Direktor der Rheinischen Kreditbank nach Konstanz kam und dort wohnen blieb. Zwei Jahrzehnte lang, bis 1904, trug Brandes in seinem Haus nicht nur Handzeichnungen und Grafiken, sondern auch alte Gemälde und Miniaturen zusammen. Doch dieser erste kostbare Schatz fiel in Abwesenheit des auf Reisen befindlichen Besitzers einem Großfeuer zum Opfer, das alles restlos vernichtete. Was den offenbar von Haus aus recht vermögenden Bankier aber nicht hinderte, unverzüglich an den Aufbau einer zweiten Sammlung zu gehen, die er zunächst ausschließlich den Zeichnungen alter Meister widmete, doch bald schon
mit Arbeiten zeitgenössischer Künstler ergänzte, für deren Erwerb ihm beispielsweise die florierende Zeitschrift „Jugend“ zur wichtigen Bezugsquelle wurde. Brandes’ überaus sorgsam geführte Kladden „Alte Meister“ und „Moderne Meister“ stellen heute, fast 100 Jahre nach dem Vermächtnis, höchstwichtige, authentische Quellen dar. – Die Ausstellung ist bis 29. April geöffnet, täglich außer montags. Der Katalog kostet 52 DM. Britta Steiner-Rinneberg




Pierre Tetar van Elven: „Blick auf Lyon“, Aquarell und Deckfarben auf gelblichem Papier



Rembrandt Harmensz van Rijn: „Tobias und seine Frau“, Feder und Pinsel in Braun (Bildausschnitt)
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