Supplement: Geldanlage

Neuer Markt: Aufstieg und Fall

Dtsch Arztebl 2001; 98(14): [3]

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Der Neue Markt feiert seinen vierten Geburtstag. Erst bejubelt als Gelddruckmaschine, ist er derzeit nur noch eine Geldschluckmaschine. Wie alles kam und wie es weitergeht, schildert „Börsebius“.


Als der Neue Markt vor vier Jahren sein Debüt feierte, deutete zunächst wenig darauf hin, dass es sich bei diesem Segment für Wachstumswerte um ein Phänomen handeln sollte, das gleichermaßen für grenzenlose Euphorie und für tiefste Verzweiflung steht – je nach Zeitmaß, versteht sich. Zu Beginn, daran erinnern sich nur wenige, wurde das „Börsenbaby“ erst mal misstrauisch beäugt. Viele Anlageberater kannten den Börsenableger nicht und rümpften die Nase, wenn ein Kunde danach fragte.
Erst als die Mär von sagenhaften Gewinnen die Runde machte, begann die eigentliche Erfolgsstory des Neuen Marktes. Werte wie EM.TV, Mobil Com, Pixelnet standen für Gewinne, die sich früher nur ein König Midas hätte vorstellen wollen. Tausend Prozent Rendite? Kein Problem, bei EM.TV war das alles zu machen. Kein Mensch scherte sich um Daten, Fakten, Hintergründe. Größenwahn der Vorstände und Aufsichtsräte ersetzte den gesunden Menschenverstand. Internet, Telekommunikation, UMTS, Globalisierung, Portal, Onlineshopping hießen die Zauberworte im Reigen der größten Hausse aller Zeiten.
Gier fütterte den Markt
Dieses Szenario konnte freilich nur deswegen prima funktionieren, weil auf der Anlegerseite die Gier groß genug war. Als auch noch Banken und Fonds vor zwei, drei Jahren den Neuen Markt „entdeckten“ und hoffähig machten, drehte sich das große Rad weiter. Jetzt erst flossen Hunderte von Millionen in eilig aufgelegte Fonds für Neue Marktwerte (zum Beispiel: Uni Neue Märkte, DWS Euroland Neue Märkte, Invesco Neue Märkte). Der Uni Neue Märkte etwa brachte es im September 2000 auf ein Fondsvermögen von gut drei Milliarden DM. Sagenhaft.
Wer auf Partys einen guten Eindruck schinden wollte, erzählte hinter vorgehaltener Hand oder lauthals, je nach Charakterstärke, wie er sein Depot schon wieder um zweistellige Prozentpunkte nach oben gebracht hatte. Es wimmelte plötzlich von Börsenexperten. Viele, die noch nie im Leben eine Aktie angefasst hatten, ernannten sich nach vier Wochen Zockerei selber zum Aktienguru und rissen auf der nächsten Fete andere (Unerfahrenere) mit in den Teufelskreis der Gier.
Mit Schaudern erinnere ich mich noch gut an die Heerscharen empörter Kunden, die fast die Banktresen einrissen und ihren Berater wüst beschimpften, weil sie bei Neuemissionen keine Stücke zugeteilt bekamen und der liebe Nachbar wieder mal die ganze Kohle scheffelte. Kein Wunder, winkten doch mit der Erstnotiz Gewinne von 100 Prozent und mehr. Klar, dass die Betroffenen, vermeintlich Betrogenen, dann im Xetrahandel oder an der Präsenzbörse zu sündhaft teuren Kursen nachkauften und so ein immer schneller fahrendes Karussell in Gang setzten. Den Banken war es recht, kassierten sie doch Provision um Provision für jeden Wertpapierdeal.
Jetzt gehen allmählich die Lichter aus. Von seinem Topstand von 8 522 Punkten stürzte der Neue Markt All-Share-Index auf unter 2 000 Punkte ab. Die einstigen Helden sind längst out, manche sogar pleite oder kurz davor. Gigabell, EM.TV, Metabox, Infomatec, Micrologica stehen stellvertretend für die Erkenntnis, dass an der New Economy irgendwann halt auch die Gesetze der Old Economy zählen; will heißen, dass auch bei Wachstumsunternehmen die Geschäftsidee tragfähig sein und ihre Umsetzung auch Gewinne abwerfen muss. Wann – wenn nicht im Boom der letzten beiden Jahre – sollen Unternehmen, die etwa Software für Internetprogramme verkaufen, Geld verdienen? Die bittere Wahrheit ist, dass viele Unternehmen des Neuen Marktes gerade in dieser Phase horrende Verluste erwirtschafteten, teilweise sogar in Umsatzhöhe.
Euphorische Journalisten
Viele Unternehmen haben ihre Prognosen um Längen verfehlt, in etlichen Fällen gar mit krimineller Energie oder doch zumindest atemberaubender Kaltschnäuzigkeit. Wahr ist aber auch, dass sich die Wirtschaftspresse in Sachen Neuer Markt auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert hat. Ich denke hier vor allem an die Hurraberichterstattung der Telebörse, der viele unerfahrene Anleger blind gefolgt sind. Nicht wenige Redakteure waren offenbar selbst vom Neuen-Markt-Fieber angesteckt und übernahmen blind die Jubelmeldungen mancher Vorstände. Noch im letzten Jahr würdigte beispielsweise das Magazin Capital den Geschäftsbericht von EM.TV als vorbildlich.
Das Ausmaß der Kapitalvernichtung verdeutlichen folgende Zahlen: Vor einem Jahr noch lag die Kapitalisierung aller am Neuen Markt notierten Unternehmen bei 234 Milliarden Euro, heute liegt sie rund 75 Prozent niedriger. Das ist, damit wir uns richtig verstehen, eine Bewertung, die der Realität viel näher kommt als die Blase der Vorjahre. Wenn Sie bedenken, dass etwa Mobilcom, eines der Schwergewichte am Neuen Markt, im letzten Jahr einen Riesenverlust von einer Milliarde DM in den Büchern stehen hat – vielen Anlegern ist das offenbar noch gar nicht bewusst –, dann wird deutlich, woher der Wind weht. Dass der Vorstand diese Zahlen, obwohl er sie längst kennt, bislang unter Verschluss gehalten hat, verdeutlicht das Elend der Branche.
Nun wäre es allerdings auch verkehrt, den Neuen Markt in Gänze zu verdammen. Es gibt auch Unternehmen, die durch solides Wachstum und erst recht durch Augenmaß in der Berichterstattung positiv auffallen. Meines Erachtens gehört hier Aixtron dazu, Pfeiffer Vaccuum sowieso, die Direktanlagebank aber auch, um nur einige wenige zu nennen. Es kommt künftig darauf an, das Augenmerk mehr auf Gesellschaften zu richten, deren Geschäfte solide durchdacht sind, die ihre Kosten im Auge haben und in ihrer Branche wenigstens zu den ersten drei zählen.
Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen. Wer nicht drin sitzt, erst recht nicht. Gleichwohl ist zu hoffen, dass einige Börsebius-Leser nicht allzusehr vom Debakel am Neuen Markt betroffen sind – zumal an dieser Stelle mehrfach vor einem Engagement gewarnt wurde. Noch im Herbst letzten Jahres, als viele Auguren bereits zu einem Wiedereinstieg bliesen, habe ich (Supplement GeldanlageMagazin, Heft 41/2000) „ganz erhebliche“ Zweifel geäußert, ob es am Neuen Markt zu einem guten Jahresschluss kommen kann. Zu diesem Zeitpunkt weissagte zum Beispiel die DG Bank dem Neuen Markt eine markante Erholung bis auf 8 000 Punkte. „Hiobsbotschaften werden also immer wieder für Kurseinbrüche sorgen und Erholungsansätzen den Garaus machen“, lautete dagegen mein Resümee. Dem kann ich auch für das Jahr 2001 nichts hinzufügen. Reinhold Rombach
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