ArchivDÄ-TitelSupplement: Geldanlage-MagazinGeldanlage 1/2001Klagen gegen Aktienunternehmen: Chancen durchwachsen

Supplement: Geldanlage

Klagen gegen Aktienunternehmen: Chancen durchwachsen

Dtsch Arztebl 2001; 98(14): [4]

Löwe, Armin

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LNSLNS Manager von Aktienunternehmen sind für Kursverluste nur haftbar, wenn sie vorsätzlich handelten.


Das Kursdesaster am Neuen Markt wird auch die Gerichte beschäftigen. Gegen die Firmen Informatec, EM.TV und Intershop werden Klagen vorbereitet oder sind bereits eingereicht. Aber nicht nur die Firmen des Neuen Marktes sollen Schadenersatz für Spekulationsverluste der Aktionäre leisten. Auch die Deutsche Telekom wird vor den Kadi gezogen. Vorwurf: Das Immobilienvermögen sei zu hoch bewertet worden.
Wie stehen die Chancen, die Verantwortlichen der Unternehmen für die Kursverluste zur Rechenschaft zu ziehen? Böse Zungen behaupten, dass Anwälte eine gute Chance wittern, sich durch Musterprozesse zu profilieren und so für andere Fälle von Kapitalanlagebetrug zu empfehlen. Für viele Beobachter ist die drohende Prozesslawine aber auch ein Beweis dafür, dass es mit der „neuen“ Aktienkultur in Deutschland noch nicht so weit her ist wie gehofft.
Früher waren es die Banken, bei denen sich die Spekulanten schadlos halten wollten, wenn ihre Spekulationen nicht aufgingen. Sie beriefen sich auf ihre vermeintliche Unerfahrenheit, die die Bankberater nicht genügend berücksichtigt hätten. Heute sind es die Firmen, die füher vor einer Überbewertung des Neuen Marktes und einzelner New Economy- und Internet-Titel hätten warnen sollen. Gewiss: Die Firmen haben die Euphorie durch zu optimistische Gewinnprognosen leichtfertig gefördert. Aber die Neuaktionäre sind ihnen auch nur zu gern gefolgt. „Nicht alle Eier in ein Nest“ – dieser Grundsatz jeder vernünftigen Geldanlage, wurde von vielen in der Euphorie nicht befolgt.
Aber wie stehen die Chancen, sich das Geld mithilfe der Gerichte zurückzuholen? Zu beachten ist, dass es in Deutschland keinen Präzedenzfall gibt. Hierzulande ist noch nie ein Fall entschieden worden, in dem es um falsche Prognosen und irreführende Nachrichten von Unternehmen ging. Eine Haftung der Manager für die Kursverluste lässt sich nicht begründen, wenn diese nur grob fahrlässig gehandelt haben. Den betroffenen Unternehmen muss nachgewiesen werden, dass sie vorsätzlich die Aktionäre geschädigt haben, sei es durch irreführende Nachrichten oder durch das Verschweigen negativer Tatbestände. Diesen Nachweis zu führen ist schwer. Die Anwälte geben sich dementsprechend skeptisch. Die meisten sprechen von einer 50-prozentigen Erfolgsaussicht auf einen Schadenersatz.
Bessere Aussichten in den USA
Lediglich bei Informatec sind sie optimistischer. Grund: Der Münchner Anwalt Klaus Rotter konnte einen Arrest gegen das Vermögen des angeklagten Vorstandsmitglieds Alexander Häfele erwirken. Daraus schließen Experten, dass das Landgericht München- Augsburg die Wahrscheinlichkeit, dass Häfele zu Schadenersatz verurteilt wird, als hoch einschätzt. Im Fall Intershop halten einige Anwälte eine Klage in Deutschland für aussichtslos.
Sie erwägen deshalb, die Klage in den USA einzureichen, wo die Gerichte häufiger Urteile zugunsten geschädigter Aktionäre fällen. Selbst bei Thomas Haffa, dem Vorstand von EM.TV, ist der Fall alles andere als klar. Aus der Tatsache, dass Haffa innerhalb einer Sperrfrist, die er mit dem Emissionsinstitut WestLB vereinbart hatte, einen Teil seines EM.TV-Aktienpakets verkaufte, lässt sich kaum ein Strick drehen. Denn damit verletzte der EM.TV-Chef keine allgemeine Börsenregeln. Die bei der Emission und Kapitalerhöhung von der Börse festgelegte Sperrfrist für den Verkauf seiner Aktien war bereits abgelaufen. Haffa hat also lediglich eine Vertragsvereinbarung mit dem Konsortialmitglied WestLB nicht eingehalten. Nur die WestLB könnte daher Sanktionen erwirken.
Verbündete suchen
Rotter strebt Musterprozesse gegen EM.TV und Informatec an. Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz prüft, ob sie einen Musterprozess gegen EM.TV führen wird. Bevor ein Anleger einen Prozess anregt, sollte er mit der Schutzvereinigung (Telefon: 02 11/66 97 01) gesprochen haben. Sie informiert über Erfolgsaussichten. Wegen der hohen Prozesskosten ist es empfehlenswert, sich einer Sammelklage anzuschließen. Bei einer solchen ist mit einem Pauschalhonorar für die Anwälte in Höhe von zwei bis zwölf Prozent der Schadensumme zu rechnen. Eine Einzelklage kann bis zu 50 000 DM kosten.
Es besteht keine Chance, auf Basis der Kurshöchststände vom März 2000 Verluste erstattet zu bekommen. Berechnet wird der Schaden aus der Differenz zwischen Kaufkurs und Verkaufskurs, wenn das Engagement beendet wurde. Wer seine Aktien noch hält, kann diese – falls ein Musterprozess zugunsten der Aktionäre ausgeht – zum Einstandspreis plus entgangenen Zinsen an das Unternehmen zurückgeben. Mehr ist nicht drin. Armin Löwe
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