ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2001Schlafstörungen: Therapie ist in der Praxis nicht adäquat

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Schlafstörungen: Therapie ist in der Praxis nicht adäquat

Dtsch Arztebl 2001; 98(15): A-949 / B-805 / C-761

Bischoff, Angelika

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LNSLNS Unter Schlafstörungen leiden rund 15 Prozent der Bevölkerung. Werden sie nicht erkannt beziehungsweise behandelt, steigen die Unfallrate und das Risiko für Folgeerkrankungen wie Depression und Alkoholmissbrauch. In der „NISAS-2000“-Studie (Nationwide Insomnia Screening and Awareness Study) unter Leitung von Prof. Hans-Ulrich Wittchen (Max-Planck-Institut für Psychiatrie, München) wurden erstmals bundesweit repräsentative Daten über die Häufigkeit von Schlafstörungen und ihre Behandlung in der Praxis erhoben. Zunächst nahmen 539 zufällig ausgewählte Arztpraxen an einer Vorstudie teil. Daran schloss sich eine Stichtagsbefragung aller Patienten mittels Fragebogen und eine Beurteilung durch den behandelnden Arzt an. Danach konnten fast 20 000 Datensätze ausgewertet werden. Am Stichtag war das Schlafproblem für 12,3 Prozent der Patienten der Grund für den aktuellen Arztbesuch. Damit standen Schlafstörungen nach körperlichen Krankheiten und Schmerzen an dritter Stelle. Eine Insomnie lag nach der Patientenbefragung in 26,5 Prozent der Fälle vor.

Es fiel auf, dass jüngere Altersgruppen überraschend häufig betroffen waren. (20- bis 29-Jährige: 22,5 Prozent, 70- bis 79-Jährige: 27,5 Prozent). Mehr als zwei Drittel der Patienten litten seit mehr als zwölf Monaten unter Schlafstörungen; jeder Zweite kämpfte mit dem Problem fast jede Nacht. Bei 18 Prozent der erkannten Insomnien unternahmen die Ärzte gar nichts, zwei Drittel behandelten sie selbst. Dabei setzten sie zu 84 Prozent Medikamente ein, doch nur rund 65 Prozent der Patienten erhielten auch eine Beratung, zwölf Prozent eine Psychotherapie.
Bestseller“ unter den Medikamenten waren Phytopharmaka mit 38,2 Prozent. „Damit bewegen sich die Ärzte in einer wissenschaftlichen Grauzone. Nur Baldrian ist in klinischen Studien ausreichend bis mangelhaft getestet“, so Prof. Göran Hajak (Regensburg). Sedativa verordneten die Ärzte bei 22,5 Prozent der Insomnien, Nicht-Benzodiazepine bei 24,5 Prozent. Zwischen Benzodiazepinen mit ihrem bekannten Abhängigkeitsrisiko und den modernen Nicht-Benzodiazepinen, die ein eindeutig geringeres Abhängigkeitspotenzial besitzen, wird in der Praxis kaum differenziert. Antidepressiva, für die es kaum klinische Belege gibt, rangierten nach den Phytopharmaka mit 26,2 Prozent an zweiter Stelle. Antidepressiva wurden auch häufig mit Hypnotika kombiniert – ebenfalls ohne dass es eine Evidenzbasis für dieses Vorgehen gibt. In der geplanten Therapiedauer schießen die Ärzte häufig über das Ziel hinaus. Die mittlere geplante Einsatzdauer betrug sieben Wochen. Dr. med. Angelika Bischoff
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