ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2001Edition zum Nürnberger Ärzteprozess: Ein Projekt aus der Ärzteschaft selbst

POLITIK

Edition zum Nürnberger Ärzteprozess: Ein Projekt aus der Ärzteschaft selbst

Dtsch Arztebl 2001; 98(15): A-956 / B-808 / C-744

Gerst, Thomas

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LNSLNS Nach Jahren mühsamer Arbeit liegen sämtliche Dokumente zum Prozess als Mikrofiche-Edition in deutscher und englischer Sprache vor; fertig gestellt ist auch der Begleitband, der sich mit verschiedenen Aspekten des Prozesses befasst.
Mit ihrer Spendenbereitschaft ermöglichten die deutschen Ärzte das Editionsprojekt zum Nürnberger Ärzteprozess, das nunmehr abgeschlossen ist. Die Namen aller 7 912 Ärzte, die zusammen 1 432 015 DM gespendet haben, sind auf den letzten Seiten des Erschließungsbands zur Mikrofiche-Edition aufgeführt.
Der Nürnberger Ärzteprozess war der erste von zwölf Nachfolgeprozessen, der im Anschluss an den Hauptkriegsverbrecherprozess vom Oktober 1946 bis zum August 1947 von den Amerikanern durchgeführt wurde. Verhandelt wurde gegen 23 Angeklagte, darunter 20 Ärzte. Den Beschuldigten wurde vorgeworfen, während des Krieges an medizinischen Experimenten, die ohne Zustimmung der Versuchspersonen erfolgt seien, mitgewirkt zu haben. Dabei seien sie vor „Morden, Brutalitäten, Grausamkeiten, Folterungen, Gräueltaten und anderen unmenschlichen Taten“ nicht zurückgeschreckt. Gegenstand der Anklage waren vor allem medizinische Experimente, die an KZ-Häftlingen ohne Rücksicht auf deren Gesundheit und Leben vorgenommen worden waren, aber auch Verbrechen, die Teil der nationalsozialistischen Genozidpolitik waren: der Mord an psychisch kranken und behinderten Menschen sowie die Sterilisationsversuche an Häftlingen.
Weg über die Basis
Der amerikanische Militärprozess gegen die deutschen Angeklagten wurde durchgängig zweisprachig in Deutsch und Englisch geführt und schriftlich dokumentiert. Die schriftliche Dokumentation des Ärzteprozesses umfasst die vollständige stenografische Mitschrift der 143 Verhandlungstage (11 700 Seiten), das Anklagematerial mit 570 Belastungsdokumenten (8 000 Seiten) und die von der Verteidigung präsentierten fast 1 000 entlastenden Zeugnisse (9 700 Seiten). In verschiedenen Kopien gelangte das Material nach Prozessende an verschiedene Einrichtungen in Europa und den USA; eine komplette Fassung war aber nirgendwo mehr aufzufinden.
In deutscher Sprache lag in gedruckter Form über Jahrzehnte hinweg nur die 1949 von Alexander Mitscherlich und Fred Mielke herausgegebene Auswahldokumentation „Wissenschaft ohne Menschlichkeit“ (in weiteren Auflagen seit 1961 unter dem Titel „Medizin ohne Menschlichkeit“ erschienen) vor. Vor dem Hintergrund der spätestens seit den 80er-Jahren forciert auch innerhalb der Ärzteschaft geführten Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erschien diese Quellenlage immer mehr als unzureichend.
Mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit engagierte sich der damalige Leiter der Westfälischen Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Neurologie, Prof. Dr. med. Dr. phil. Klaus Dörner, seit Beginn der 90er-Jahre für die vollständige Publikation der Prozessmaterialien in deutscher Sprache. Nach dem Scheitern einer direkten Projektförderung durch die Bundes­ärzte­kammer entschied er sich für den Weg über die Basis. Mit Unterstützung der Bundes­ärzte­kammer und der Lan­des­ärz­te­kam­mern wurden in den Jahren zwischen 1994 und 1998 sämtliche Ärztinnen und Ärzte in Deutschland persönlich angeschrieben und um Mitfinanzierung gebeten.
Angesichts des für Dörner überraschend hohen Spendenaufkommens war bald klar, dass die „Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts“, die bereits über Erfahrung aus ähnlichen Projekten verfügte, mit dem Editionsprojekt zum Nürnberger Ärzteprozess beginnen konnte. Zusätzlich zu der deutschen Mikrofiche-Edition konnte nun auch die Zusammenstellung der entsprechenden Dokumente in englischer Sprache in Angriff genommen werden, da man auch von einem großen Interesse im Ausland an dem Quellenmaterial ausgehen konnte. Das Spendenaufkommen ermöglichte zudem die Recherche nach Quellenmaterial zur Vorgeschichte, zu den Hintergründen und den Auswirkungen des Prozesses, also nach aufschlussreichen Schriftstücken über das unmittelbare Prozessgeschehen hinaus, die in der Mikrofiche-Edition mit weiteren 3 000 Seiten zu Buche schlagen. Das Publikationsprojekt sollte abgerundet werden durch einen wissenschaftlichen Begleitband mit verschiedenen Einzeldarstellungen zum Ablauf und zur Rezeption des Nürnberger Ärzteprozesses; dieser liegt nunmehr auch vor.
Ein Überschuss aus den Spendengeldern in Höhe von 75 000 DM wurde vereinbarungsgemäß überwiesen an die noch lebenden Opfer der medizinischen NS-Verbrechen, nämlich an den Bund der „Euthanasie“-Geschädigten und Zwangssterilisierten, der dadurch in die Lage versetzt wurde, die Gesprächskreise Betroffener in vielen Städten und Landkreisen zu erhalten, andere sogar erst zu schaffen.
Ausführliches Register
Am Anfang des Editionsprojekts stand das Zusammenführen der auf verschiedene Bibliotheken und Archive verteilten Kopien des Prozessmaterials, wobei der weitaus größte Teil der Unterlagen im Staatsarchiv Nürnberg aufbewahrt wird. Beim Zusammenstellen der Gesamtüberlieferung wurde darauf geachtet, aus bestehenden Parallelüberlieferungen die jeweils beste Vorlage für die Edition auszusuchen.
Von zentraler Bedeutung für die Nutzung des gesamten Materials ist der Erschließungsband zur Mikrofiche-Edition. Der von Karsten Linne bearbeitete, gedruckte Begleitband, der auch separat erhältlich ist, enthält neben einer Einleitung von Angelika Ebbinghaus, neben 545 Kurzbiografien und einer Bibliographie folgende Register und Hilfsmittel, über die gezielte Recherchen in der rund 32 000 Seiten umfassenden Mikrofiche-Edition möglich sind: Personen-, Institutionen-, Firmen-, Sachregister, geographisches Register, Inhaltsverzeichnis der Wortprotokolle, Listen der Anklage- und Verteidigungsdokumente. Mittlerweile hat eine Reihe deutscher Hochschulbibliotheken und Forschungszentren die Edition zum Ärzteprozess erworben, sodass die Arbeit mit dem Quellenmaterial für jeden ohne allzu großen Aufwand möglich sein sollte. Der Vorstand der Ärztekammer Berlin hat die Mittel zum Erwerb einer Ausgabe, die demnächst im Institut für Geschichte der Medizin der Freien Universität Berlin genutzt werden kann, zur Verfügung gestellt. Prof. Dörner, der Initiator der Edition, würde es begrüßen, wenn andere Ärztekammern diesem Beispiel folgten und so diesem von der Ärzteschaft selbst ermöglichten Publikationsprojekt zu noch größerer Verbreitung verhelfen würden.
Das Material des Ärzteprozesses bildet eine wichtige Quelle nicht nur für Historiker und Medizinhistoriker. Zentrale Fragen, die ausführlich im Prozess erörtert wurden, sind auch heute noch aktuell; zum Beispiel unter welchen Bedingungen Versuche an Menschen legitim sind. Der diesbezügliche Nürnberger Kodex, der ein Ergebnis des Ärzteprozesses war, ist bis heute eine wichtige Orientierung für Ärzte und Wissenschaftler.
Der soeben erschienene Begleitband „Vernichten und Heilen. Der Nürnberger Ärzteprozess und seine Folgen“ nähert sich unter verschiedenen Perspektiven seinem Untersuchungsgegenstand. Vorgeschichte und Folgen des Ärzteprozesses werden ebenso dargestellt wie die Durchführung verbrecherischer Forschungsversuche an Menschen oder im Zusammenhang mit dem Prozessgeschehen aufkommende medizinethische Problemstellungen. Als beispielhaft können die Ausführungen von Angelika Ebbinghaus und Karl Heinz Roth zu den kriegschirurgischen Experimenten in den Konzentrationslagern hervorgehoben werden. Beeindruckend sind die Interviews mit den Opfern der Menschenversuche, die wie Versuchskaninchen den Experimenten wehrlos ausgeliefert waren. Thomas Gerst

Die Autorin und die Autoren von „Vernichten und Heilen. Der Nürnberger Ärzteprozess und seine Folgen“ stellen das gesamte Editionsprojekt oder Einzelaspekte gern auch persönlich vor. Anfragen oder Einladungen zum Vortrag unter: Fax: 04 21/2 18-94 94, E-Mail: AEbbinghaus@t-online.de

Der Nürnberger Ärzteprozess 1946/47. Wortprotokolle, Anklage- und Verteidigungsmaterial, Quellen zum Umfeld. Deutsche und englische Ausgabe, im Auftrag der Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts herausgegeben von Klaus Dörner, Angelika Ebbinghaus und Karsten Linne; in Zusammenarbeit mit Karl Heinz Roth und Paul Weindling. Mikrofiche-Edition, K. G. Saur Verlag, München, 2000/2001, 380 Fiches, inklusive Erschließungsband. 4 800 DM (Diazo) oder 5 600 DM (Silber)
Der Erschließungsband zur Mikrofiche-Edition ist auch separat erhältlich zum Preis von 398 DM.
Vernichten und Heilen. Der Nürnberger Ärzteprozess und seine Folgen. Herausgegeben von Angelika Ebbinghaus und Klaus Dörner, Aufbau-Verlag, Berlin, 2001, gebunden, mit Schutzumschlag, 675 Seiten, 68 DM
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