POLITIK: Kommentar

PID: Motivsuche

Dtsch Arztebl 2001; 98(15): A-958 / B-810 / C-766

Montgomery, Frank Ulrich

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LNSLNS Nach der Äußerung der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags scheint festzustehen, dass ohne eine Gesetzesänderung Präimplantationsdiagnostik (PID) in Deutschland nicht möglich sein wird. Damit ist der Weg frei für eine tief greifende Debatte, die Zeit der Taktiererei ist vorbei.
In der nun anstehenden Debatte werden auch die Motive der Akteure von Interesse sein. Gerade bei Menschen, die in ethischen Debatten eher unerfahren sind – was niemandem vorzuwerfen ist –, bestimmen oftmals das Ziel, der Wunsch, das Wollen auch die Argumente. Doch ethische Grundprinzipien bestimmen das Gewicht der Argumente, nicht umgekehrt.
In der Diskussion mit Gesundheitspolitikerinnen – vor allem der SPD – ist mir ein Argument immer wieder vorgehalten worden, mit dem man sich intensiv auseinander setzen muss: PID sei eine Form des Selbstbestimmungsrechts der Frau. („Mein Bauch gehört mir.“) Hinter der PID-Debatte stehe die Fortsetzung des Befreiungskampfes der Frau in unserer Gesellschaft.
Verkürzt gesagt, Politikerinnen, die noch geprägt sind von der Abtreibungsdebatte der 70er- und 80er-Jahre, vermuten einen Rückschritt hinter die Positionen, die sie mühsam erkämpft haben. Wieder einmal sehen wir, wie viele Zusammenhänge es zwischen der §-218-Debatte und der PID gibt. Aus der Sicht der reinen Ethik war und ist der § 218 ein Sündenfall. Und doch: Mit diesem Bruch müssen wir alle leben, denn die Neuregelung des § 218 hat zugleich Millionen Frauen aus Abhängigkeit, Zweifel und Not befreit. Das muss gesellschaftlich anerkannt und akzeptiert werden.
Bei der PID hingegen geht es nicht um Millionen Frauen, sondern höchstens um 50 bis 100 Paare. Ihnen soll auch nicht das Recht auf Schwangerschaftsabbruch genommen werden – alle Methoden der pränatalen Diagnostik und die daraus abzuleitenden Indikationen zum straffreien Schwangerschaftsabbruch stehen ihnen nach wie vor offen.
Und schließlich, Regine Kollek; die Hamburger Medizinethikerin wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass gerade die Anwendung der PID Frauen noch mehr belasten kann als der Verzicht. Schließlich muss eine IVF mit all ihren technischen und hormonellen Manipulationen, ihren Imponderabilien und Risiken an Frauen vorgenommen werden, die in der Lage sind, ihre Kinder auf normalem Wege zu konzipieren. Insofern hat also der Verzicht auf PID nichts mit einer Einschränkung der Rechte von Frauen zu tun, schon gar nichts mit einem Zurückdrehen der aus dem § 218 abgeleiteten Frauenrechte.
Unser Bundeskanzler, Gerhard Schröder, hat sich nun auch in letzter Zeit intensiv um das Thema gekümmert. Was treibt ihn auf dieses ethisch schwierige Feld? Hier gibt es nur Vermutungen, die sich aus seinen sonstigen Aktivitäten ableiten lassen. Schröder ist ein Politiker, der immer dann aktiv wird, wenn
c große Populationen betroffen sind,
c das Thema weite Bevölkerungsbereiche anspricht,
c wissenschaftliche Möglichkeiten und Freiheitsräume eingeschränkt werden oder
c wirtschaftliche Interessen tangiert sind.
Nimmt man die Ankündigungen ernst, dass die PID auf wenige schwerwiegende Indikationen beschränkt bleiben soll, dann werden weder große Populationen betroffen sein, noch wird die PID, ausgeführt an 50 bis 100 Paaren jährlich, ein wirtschaftlich nennenswertes Feld werden. Diese Argumente scheiden also aus.
Auch ist die Bevölkerung, das belegen alle Umfragen, mehrheitlich gegen alle Manipulationen am Embryo, auch gegen PID. Durch die Erklärung zur „Chefsache“ ist hier also auch kein „politischer Blumentopf“ zu gewinnen.
Wissenschaftlich ist die PID ein seit rund zwanzig Jahren bekanntes Verfahren. In der Biologie, an Tieren schon viel verwendet, selbst am Menschen (im Ausland) längst erprobt. Wissenschaftlich also auch nichts Neues!
Bleibt die Frage nach übergeordneten wirtschaftlichen Motiven. Wir wissen, dass der Kanzler auch eine intensive Debatte um die Verwendung von embryonalen Stammzellen und „therapeutisches Klonen“ angestoßen hat. Der Kanzler selber scheint diesen Methoden offener gegenüberzustehen als weite Teile der Bevölkerung. Er hat großes Interesse an biotechnologischen Verfahren und will diese befördern. Ihn treiben dabei vorrangig wirtschaftspolitische Motive.
Er ist sich der Tatsache bewusst, dass die Verwendung embryonaler Stammzellen heute noch vom Embryonenschutzgesetz verboten ist. Für eine Änderung dieser Bestimmung bestehen zurzeit weder Mehrheiten im Parlament noch in der Bevölkerung.
Würde man aber die PID – am unauffälligsten, und deshalb von politischen Befürwortern der PID am liebsten gesehen, durch untergesetzliche Regelung über eine Richtlinie der Bundes­ärzte­kammer – zulassen, würde ein offener logischer Bruch entstehen, dass Embryonenmanipulationen und Verbrauch von Embryonen zum Nutzen einzelner Paare zwar zulässig, Forschung zur Heilung ganzer Volkskrankheiten (so zumindest die euphorischen Heilsversprechungen mancher Wissenschaftler) aber verboten bliebe. In die Debatte um die ethischen Probleme an Anfang und Ende des Lebens wäre eine weitere Irrationalität eingeführt, die uns weg von der reinen Ethik hin zu einer pragmatischen Moral führt.
Im Klartext: Ich befürchte, dass das Engagement des Kanzlers vor allem ein dialektischer Trick ist, da ihm längst bewusst geworden ist, dass mit der Zulassung der PID auch die Vorbehalte gegen embryonale Stammzellforschung und therapeutisches Klonen fallen werden. Damit aber wäre die Tür geöffnet für ein wissenschaftliches und wirtschaftliches „Eldorado“ – dann gäbe es kein Halten mehr. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery

Der Verfasser ist Präsident der Ärztekammer Hamburg und 1. Vorsitzender des Marburger Bundes.
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