ArchivDeutsches Ärzteblatt15/2001Mobilfunkstrahlung: Forschungsbedarf

POLITIK

Mobilfunkstrahlung: Forschungsbedarf

Dtsch Arztebl 2001; 98(15): A-960 / B-811 / C-767

Richter, Eva A.

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LNSLNS Eine Anhörung der Bundes­ärzte­kammer beschäftigte sich
mit möglichen Gefahren der Mobilfunksendeanlagen,
die bisher jedoch wissenschaftlich nicht bestätigt wurden.

Bisher gibt es keinen wissenschaftlich gesicherten Nachweis, dass von Mobilfunksendeanlagen gesundheitliche Gefahren ausgehen. Die Studien, die von solchen Möglichkeiten sprechen, werden bereits von Experten angezweifelt. Sie würden methodische Mängel beziehungsweise keine signifikanten Ergebnisse aufweisen. Andere Studien verneinen hingegen völlig gesundheitliche Schäden durch Mobilfunkstrahlung in den gesetzlich vorgegebenen Grenzbereichen, die in der Praxis sogar meist weit unterschritten werden.
Dennoch: „Wir drängen darauf, dass zum Wohle unserer Patienten ein vorbeugender Gesundheitsschutz eingehalten wird“, erklärte Prof. Dr. med. Heyo Eckel, Präsident der Ärztekammer Niedersachsen und Vorsitzender des Ausschusses „Gesundheit und Umwelt“ der Bundes­ärzte­kammer, bei der Anhörung „Mögliche Gesundheitsgefahren durch Mobilfunksendeanlagen“, die die Bundes­ärzte­kammer am 4. April in Berlin veranstaltete.
Durch die geplante flächendeckende Versorgung mit der Mobilfunktechnologie „UMTS“ (Universal Mobile Telecommunicators System) wird sich die Zahl der Mobilfunkbasisstationen in Deutschland nach der Meinung von Experten von derzeit 33 000 auf 80 000 erhöhen. Ihrer Strahlung wären Millionen Menschen ausgesetzt. Die Folgen seien jetzt noch nicht zu überblicken, meint Eckel. Solange die Dosis-Wirkungs-Beziehung bei den Mobilfunkstrahlen noch unbekannt sei, bestehe ein erheblicher Forschungsbedarf auf diesem Gebiet. Zumindest darüber waren sich Wissenschaftler, Politiker, Verbraucherschützer und Mobilfunkbetreiber bei der Veranstaltung einig. Doch die Ansichten darüber, ob die gepulsten elektromagnetischen Felder bei elektrosensiblen Personen Empfindlichkeitsstörungen oder gar Tumoren verursachen können und möglicherweise die Grenzwerte für die Strahlen zu hoch angesetzt sind, gingen auseinander. Diese sind in der 26. Verordnung zum Bundesimmissionsschutzgesetz (26. BImSchV) von 1996 festgelegt und regeln, wie stark die Basisstationen senden dürfen.
Dr. Lebrecht von Klitzing, Universität Lübeck, hält die Diskussion um die Grenzwerte generell nicht für sinnvoll. Die Grenzwerte würden sich nur an den thermischen Wirkungen der hochfrequenten Strahlen orientieren, jedoch die biologischen Effekte außer Acht lassen, die durch die zeitschlitzmodulierte Übertragungstechnik des Mobilfunks auftreten könnten, kritisiert Klitzing. Er führt Veränderungen des EEGs, des EKGs, der Hautdurchblutung sowie Schlafstörungen auf athermische Wirkungen der Strahlen zurück.
„Bewiesen ist bis heute lediglich die thermische Wirkung“, meint Prof. Dr. med. Jörg Reißenweber, Zentrum für Elektropathologie der Universität Witten/Herdecke. Auch die Existenz einer Elektrosensibilität als eigenständiges Krankheitsbild sei bisher nicht anerkannt. Allenfalls denke man an eine mitauslösende Rolle von elektromagnetischen Feldern bei Befindlichkeitsstörungen. Die Publikationen, in denen über solche Störungen berichtet werde, seien meist Einzelarbeiten mit nicht reproduzierten Befunden, betonte Dr. Rainer Mayer von der Universität Bonn. Man könne sie bestenfalls als schwache Hinweise für gesundheitliche Risiken ansehen, die einer weiteren Überprüfung bedürfen. Generell dürften bei Einhaltung der Grenzwerte keine gesundheitsschädigenden Wirkungen auftreten.
Dem entspricht die jetzige Rechtslage: Wer gegen den Betrieb einer Mobilfunkstation wegen einer Gesundheitsgefährdung klage, erlange keinen Rechtsschutz, wenn feststehe, dass die Grenzwerte eingehalten würden, erläuterte Dr. Matthias Krist, Rechtsexperte auf dem Gebiet des Mobilfunks. Auch das Bundesamt für Strahlenschutz geht davon aus, dass die geltenden Grenzwerte noch aktuell seien und keine Gefährdung der Bevölkerung bestehe. Solange die Gefahren in der Wissenschaft umstritten seien, wäre der Staat nicht verpflichtet, eine vorbeugende Gefahrenabwehr zu betreiben, bestätigte Krist.
Dies fordert jedoch die Arbeitsgemeinschaft der Verbraucherschutzverbände. Sie wollen, dass die Grenzwerte gesenkt und die vorgeschriebenen Abstände zwischen den Mobilfunksendeanlagen erhöht werden. Diese sollten ferner nicht in Wohngebieten und in der Nähe von Kindergärten, Schulen und Krankenhäusern errichtet werden. Obwohl kein wissenschaftlich begründeter Verdacht für eine Gefährung vorliege, habe sich eine Arbeitsgruppe beim Bundesumweltministerium (BMU) der Problematik angenommen, berichtete Prof. Dr. Jürgen Bernhard von der Strahlenschutzkommission des BMU. Diese werde in nächster Zeit ein Papier zu diesem Thema veröffentlichen. Dr. med. Eva A. Richter
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